"Kim Little ist die talentierteste Fussballerin, mit der ich je gespielt habe. Sie ist einfach bei allem großartig. Ihr Passspiel, ihr Überblick und ihre technischen Fähigkeiten sind die besten der Welt, finde ich."

Ein solches Lob klingt immer gut, egal von wem es kommt. Es wiegt allerdings noch mehr, wenn es von einer gewissen Hope Solo stammt. Schließlich spielt die Stammtorhüterin der U.S.-amerikanischen Nationalmannschaft und langjährige Teamkameradin von Topstars wie Carli Lloyd, Abby Wambach und Alex Morgan seit anderthalb Jahrzehnten regelmäßig mit und gegen die Elite des Frauenfussballs. Kaum jemand könnte ein derartiges Urteil also ähnlich fundiert abgeben.

Und Solo steht keineswegs allein da mit ihrer hohen Meinung von Kim Little – im Gegenteil: Auch Trainerin Laura Harvey schwärmt in den höchsten Tönen von ihrer schottischen Mittelfeldspielerin. "Meiner Meinung nach ist Kim derzeit die beste Spielerin der Welt", so die zweimalige NWSL-Trainerin des Jahres klipp und klar. "In dieser Liga spielt sie gegen die Weltspitze und einfach niemand kann ihr das Wasser reichen."

Immer wieder versuchen die Abwehrreihen der gegnerischen Teams, die umtriebige, elegante Little zu stoppen – meist mit geringem Erfolg. Die 25-Jährige spielte während der Pause der NWSL in der australischen W-League, wo sie mit Liganeuling Melbourne City zahlreiche Glanzlichter setzte und prompt den Titel gewann. Somit war Little nun schon auf drei Kontinenten die herausragende Spielerin. Schon in den USA und in England, wo sie vier Meistertitel mit Arsenal holte, hat sie sich als Ausnahmefussballerin einen Namen gemacht.

Angesichts all dieser Qualitäten fragt man sich unweigerlich, warum Little bei der Gala FIFA Ballon d'Or nicht zu den Kandidatinnen gehörte und warum viele Spielerinnen, die sie mit schöner Regelmäßigkeit überstrahlt, dennoch weitaus bekannter sind als die Schottin. Die Antwort auf diese Frage lautet, dass sie eben eine Schottin ist. Littles Herkunft hat dafür gesorgt, dass sie nicht nur die letzte FIFA Frauen-Weltmeisterschaft verpasst hat, sondern jedes große internationale Turnier, bei dem sie spielberechtigt gewesen wäre, mit Ausnahme der Olympischen Spiele 2012, als sie für das Team Großbritanniens spielte. "Sie tut mir schon etwas leid", sagt denn auch Megan Rapinoe, eine weitere Klubkameradin. "Das ist eine Situation wie bei Ryan Giggs."

Little hat allerdings keine Zeit für Selbstmitleid. Auch wenn die internationalen Turniere das Bild des Frauenfussballs und der Starspielerinnen weitaus stärker prägen, als dies bei den Männern der Fall ist, teilt Little nicht die Auffassung, dass ihre schottische Herkunft sie ausbremst.

"Nein, so sehe ich das überhaupt nicht", sagte sie im Gespräch mit FIFA.com. "Ich kann es einfach kaum erwarten, dass sich Schottland endlich für ein großes Turnier qualifiziert und ich meinen Beitrag dazu leiste. Es geht nicht darum, dass ich selbst bei einem dieser Turniere spiele, was ich natürlich sehr gern tun würde. Im Fussball geht es immer um das Team. Daran müssen wir als Spielerinnen immer denken.

Wo ich im Vergleich zu den besten Spielerinnen der Welt rangiere, spielt ebenfalls in meinen Gedanken keine Rolle. Ich will mein Potenzial ausnutzen und Tore vorbereiten und schießen, damit mein Team Spiele und Trophäen gewinnen kann. Natürlich braucht man ein gewisses Maß an Selbstvertrauen, um auf dem Platz Bestleistungen zu bringen, aber arrogant oder egozentrisch muss man nicht sein, um eine große Spielerin zu werden."

Bescheiden und selbstlos, wie sie ist, stellt Little selbst eine Bestätigung ihrer eigenen Theorie dar. Zudem glaubt sie fest daran, dass sie nach den zahlreichen Trophäen und persönlichen Auszeichnungen im Klubfussball durchaus noch Chancen hat, auch auf der internationalen Bühne zu glänzen.

Nachdem die Schottinnen in der Qualifikation für die beiden letzten großen Turniere jeweils erst in der Playoff-Runde scheiterten, sind sie nun mit vier Siegen in Folge und 24 erzielten Toren in die Qualifikation für die UEFA Frauen-Europameisterschaft 2017 gestartet. Und obwohl Konkurrent Island in der Weltrangliste weiter vorn zu finden ist und mehr Turniererfahrung hat, glaubt Little daran, dass der lang ersehnte Durchbruch in Sicht ist. "Eine so gute Chance, uns für ein großes Turnier zu qualifizieren, hatten wir noch nie", sagt sie. "Ich bin zuversichtlich, dass wir es schaffen."

Das nächste EM-Qualifikationsspiel der Schottinnen steht am 8. April auf dem Programm, nur zehn Tage bevor Little in ihre bereits dritte NWSL-Saison startet. In den ersten beiden regulären Spielzeiten landete sie mit Seattle Reign jeweils auf dem ersten Platz und wurde in das Dream Team gewählt. Allerdings scheiterte das Team in beiden Playoff-Runden, was Little nur anspornt, es dieses Mal noch besser zu machen.

"Ich bin enorm ehrgeizig und es wurmt mich sehr, dass wir so kurz vor dem Titelgewinn gescheitert sind", sagt sie. "Dieses Jahr wollen wir diese offene Rechnung begleichen. Das Team dazu haben wir auf jeden Fall.

Ich finde diese Playoff-Regelung immer noch etwas merkwürdig. Aus der Heimat bin ich einfach daran gewöhnt, dass das beste und konstanteste Team am Ende der Saison Meister wird. Aber ich sehe durchaus, dass die Play-offs noch einmal eine Extra-Portion Spannung bringen. Es macht Spaß, dabei zu sein. Natürlich noch mehr, wenn man gewinnt!"

Dieses Erlebnis hatte Little in Melbourne. Als Kennerin der Ligen in Australien, England und den USA kann sie ein fundiertes Urteil darüber abgeben.

"Jede Liga hat ihren eigenen Reiz", meint sie. "In der NWSL wird schneller Tempofussball auf sehr hohem Niveau gespielt. Im Vergleich mit England sind natürlich die Entfernungen sehr viel größer und damit die Reisen belastender. Trotzdem ist es eine fantastische Liga, in der ich sehr gerne spiele. Die Liga geht jetzt schon in die vierte Saison. Wir hoffen, dass sie durch die Olympischen Spiele noch einmal viel Auftrieb erhält, so wie im vergangenen Jahr durch die WM.

Die australische Liga reicht vom Niveau her noch nicht an die in den USA oder auch in England heran, das würden die Australier bestimmt auch selbst zugeben. Außerdem ist die Saison dort kürzer. Doch alle drei Ligen haben ihren Reiz und ich sehe bei allen dreien auch noch Potenzial."

Nachdem Little in den Ligen dieser drei Länder für Furore sorgte, hoffen die Bewunderer dieser Ausnahmefussballerin, dass sie schon bald auch auf der internationalen Bühne glänzen kann.

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