Ein Vorbild zu sein, ist mittlerweile für eine Reihe von Spielerinnen bereits eine vertraute Rolle. Damit wird man jedoch Fran Kirby nicht gerecht, denn ihr Beispiel ist mehr als nur eine Inspiration für junge, aufstrebende Spielerinnen. Ihre Geschichte ist wirklich bemerkenswert und dürfte jeden, der mit psychischen Problemen oder einer persönlichen Tragödie zu kämpfen hat, trösten und mit Mut erfüllen.

Kirby ist heute ein Star in der englischen Auswahlmannschaft, hat mit Chelsea das Double und mit der Nationalmannschaft den dritten Platz bei der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft Kanada 2015™ geholt. Doch so geradlinig wie es scheint, ist ihre Karriere nicht immer verlaufen. "Als ich 17 geworden war, wurde mir das alles etwas zu viel", verriet sie dem Guardian im vergangenen Jahr. "Ich habe damals so ziemlich mit allem aufgehört, was ich tat. Ich spielte nicht mehr Fussball, ich stand morgens nicht mehr auf, ich verließ mein Zimmer nicht mehr. Ich wurde sehr depressiv."

Auslöser dieser Probleme war der plötzliche Tod von Kirbys Mutter, verursacht durch eine Hirnblutung. Die beiden hatten sich stets sehr nahe gestanden und Dennise Kirby war die Antriebskraft hinter der wie es schien kometenhaften Karriere ihrer Tochter. "Wenn es regnete und ich nicht rausgehen wollte [um zu trainieren, Anm d. Red.], dann sagte sie: 'Los, ins Auto!' Meine Mutter hat mir immer gesagt, dass ich es eines Tages schaffen würde."

Die Zeit sollte ihr Recht geben, denn Kirby – die nach einem Jahr im Abseits wieder in den Sport zurückfand – hat sich mittlerweile als eines der vielversprechendsten Talente Englands etabliert. Das zeigte sich zuletzt im Juli, als Chelsea an Reading die vermeintliche britische Rekordablöse im Frauenfussball zahlte, um die 22-Jährige unter Vertrag zu nehmen. Es lief zwar nicht immer alles rund, doch Kirby ist überzeugt, dass ihr dieses Jahr der Durchbruch gelungen ist. Und so fühlt sie sich positiver gestimmt als je zuvor.

Blick nach vorne
"Was meine früheren Probleme angeht, so bin ich mittlerweile zufrieden mit meinem Leben und denke nicht mehr allzu oft an die Vergangenheit", erzählte sie FIFA.com. "Ich habe jetzt nur noch die Zukunft im Kopf und so wie ich die Dinge sehe, geht es nur noch bergauf für mich. Ich bin jedoch froh darüber, dass ich über das reden kann, was geschehen ist, und wenn ich damit junge Menschen inspirieren kann, die eine harte Zeit durchmachen oder Ähnliches erleben, dann würde mich das sehr glücklich machen.

Das möchte man ja auch sein: ein wirkliches Vorbild. Es ist schon schön zu sehen, wenn wir in England unterwegs sind, dass junge Mädchen Fotos mit uns machen wollen und durch unser Team offensichtlich inspiriert werden. Ich muss schon sagen, dass 2015 ein ganz schön wildes Jahr war. Ich habe den Sprung ins englische Team geschafft, bei der Weltmeisterschaft gespielt, den erhofften Vereinswechsel vollzogen - das ist schon verrückt. Ich hätte wirklich nicht mehr verlangen dürfen und jetzt soll es einfach nicht mehr aufhören!"

Kirbys Zufriedenheit ist nachvollziehbar. Schließlich vertritt man nicht jedes Jahr sein Land bei einer Weltmeisterschaft und holt die ersten großen Titel in der Karriere. Für Kirby waren das der Titelgewinn in der FA Women's Super League und mit dem Sieg im FA Women's Cup das Double. Es war jeweils der erste Erfolg Chelseas in diesen Wettbewerben und zeigte ihr, dass sie zu Recht auf das Potential der *Blues *gesetzt hatte.

"Natürlich gibt es große Erwartungen, wenn man bei einem Verein wie Chelsea spielt, aber damit hatten wir keine Probleme, denn wir haben viel Selbstvertrauen", erzählt sie. "Wir haben uns ja selbst eben so viel Druck gemacht wie andere, und genau so wird es auch weitergehen. Wir sind überzeugt davon, dass wir etwa in der Champions League noch Einiges bewegen können."

Berg- und Talfahrt
Da zumindest wurden die Erwartungen nun etwas gedämpft, denn am gestrigen Abend unterlagen die Londonerinnen im Achtelfinal-Hinspiel zu Hause gegen den zweimaligen Champions-League-Sieger Wolfsburg mit 1:2. Dennoch glaubt die englische Nationalspielerin in Diensten von Chelsea, dass ihr Team durchaus noch Chancen gegen die Deutschen hat. Schließlich vertritt Chelsea das Land, das bei der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft den dritten Platz belegt hatte. Das Spiel um Platz drei hatte Kirby allerdings verletzungsbedingt verpasst, so dass Kanada 2015 für sie ein wenig eine Achterbahn der Emotionen war.

"In der Summe waren es sehr gemischte Gefühle", verriet sie. "Zu Beginn des Turniers fühlte ich mich ziemlich krank. Dann wurde ich gegen Mexiko eingewechselt und erzielte gleich einen Treffer. Anschließend habe ich mich jedoch verletzt und konnte ab dem Viertelfinale nicht mehr spielen, was für mich eine herbe Enttäuschung war. Aber insgesamt war es eine tolle Erfahrung und etwas, das ich so schnell nicht vergessen werde.

Wenn man die aktuelle Situation im Frauenfussball ansieht, erkennt man, wie groß der Einfluss der Weltmeisterschaft war. Es kommen immer mehr Zuschauer, es gibt immer mehr junge Mädchen, die unbedingt Fussball spielen wollen, und auch das Medieninteresse ist gewachsen. Genau darauf müssen wir aufbauen."

Wenn noch mehr Spielerinnen mit dem Talent und der natürlichen Eleganz von Kirby in Erscheinung treten, dürfte die gegenwärtig herrschende Begeisterung kaum abebben. Während der WM bezeichnete sie Coach Mark Sampson als "Englands Mini-Messi" und das wurde durchaus zur Kenntnis genommen.

"Nun, zunächst ist es ein riesiges Kompliment, in einem Atemzug mit einem solchen Spieler genannt zu werden", sagte Kirby. "Es hat natürlich auch die Erwartungen und den Druck steigen lassen und daran musste ich mich schon gewöhnen, da es schließlich meine erste Weltmeisterschaft war. Aber so etwas hört schließlich jeder gerne. Wie alle andere auch, liebe ich es, Messi spielen zu sehen. Als ich noch jünger war, habe ich am Liebsten Thierry Henry gesehen. Ich fand es toll, wie er spielte und habe versucht, ein wenig so wie er zu sein. Aber heutzutage geht wohl kein Weg an Messi vorbei. Wenn der Frauenfussball nur ein paar Spielerinnen wie ihn hervorbringen könnte, wären wir absolut auf dem richtigen Weg."

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