Jeder, der den Fussball der 1990er Jahre miterlebt hat, erinnert sich an die Sensation, die Ronaldo Luís Nazário de Lima – O Fenômeno – auf der Weltbühne auslöste. Bereits zu Beginn seiner Karriere bei Cruzeiro Belo Horizonte kursierten Gerüchte von einem Megastar, später machte der brasilianische Stürmer dann beim PSV Eindhoven auf sich aufmerksam, und von 1996 bis 1998 war er bereits auf der ganz großen Bühne anzutreffen und begeisterte die Welt zu Zeiten des Satellitenfernsehens beim FC Barcelona, bei Inter Mailand und bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Frankreich 1998™.

Damals wirbelte er mächtig Staub auf, und kurioserweise hat diese Epoche bei der aktuellen Auflage der FIFA U-20-Weltmeisterschaft in der Republik Korea deutliche Spuren hinterlassen. "Nach der WM war Ronaldo der Lieblingsspieler meines Vaters", berichtet Vanuatus Stürmer Ronaldo Wilkins im Gespräch mit FIFA.com. "Mein Vater war Brasilien-Fan", fügt der Venezolaner Ronaldo Chacón hinzu.

"Meiner ist Fan von Ronaldo geworden, als dieser bei Barcelona spielte", erklärt der Mexikaner Ronaldo Cisneros. "Mein Vater ist fanatischer Fussballfan, hat selbst bei Portuguesa gespielt und hatte schon immer eine Vorliebe für hochklassige Spieler", betont der Venezolaner Ronaldo Peña. "Meiner hat ebenfalls bei Portuguesa gespielt und war weder Fan von Brasilien noch von Barça, doch Ronaldo hat ihn beeindruckt", so Ronaldo Lucena.

Fünf Ronaldos sind bei diesem Turnier vertreten, allesamt in Gruppe C. Sie alle wurden nach jenem spektakulären Spieler benannt, der seinerzeit den ganzen Planeten in seinen Bann zog. Zufälligerweise – oder vielleicht auch nicht – sind vier von ihnen Stürmer. Sie schauen sich gern Videos von Ronaldo an und nehmen Analysen vor, auch wenn sie ihn praktisch nicht mehr persönlich erlebt haben. Lucena, heute ein technisch versierter zentraler Mittelfeldspieler, schaut sie sich nicht mehr so häufig an wie früher, als er noch auf der Außenbahn zum Einsatz kam. Doch die Szenen haben sich tief in seine Erinnerung eingegraben.

"Ronaldo, das Pummelchen, ist für mich ein Idol." Wenn Peña, der Mann mit der Nummer neun im Team Venezuelas, den Star als "Pummelchen" bezeichnet ist das keineswegs hämisch gemeint. Er verehrt Ronaldo und spricht noch in der Gegenwart von dem Spieler, der die Fussballschuhe bereits vor sechseinhalb Jahren an den Nagel gehängt hat und den er schon als Kind bewundert hat. Damals hat er ihn in den Zeitschriften bestaunt, die sein Vater zu Zeiten kaufte, als es YouTube noch nicht gab.

"Er ist ein Mittelstürmer mit einem unfassbaren Talent. Ich habe nie jemand Vergleichbares gesehen. Es gefällt mir, wenn er seine Bewacher abschüttelt. Mit einem Dribbling lässt er drei Spieler stehen, und außerdem hat er eine gewaltige Durchschlagskraft. Man versucht, diese Dinge zu kopieren, um sich zu verbessern", erklärt er. "Ich hatte keine Gelegenheit, ihn persönlich spielen zu sehen, aber ich habe mir immer seine Bewegungen angeschaut, die Art und Weise, wie er Gegenspieler mit ungeheurer Leichtigkeit abgeschüttelt hat", fügt Chacón hinzu. Lucena zeigt sich derweil beeindruckt davon, "wie er die Torhüter auszudribbeln pflegte".

Wilkins bewundert ihn so sehr, dass er ihn sich als Spiegel vorhält, weil er einen "ungeheuren Drang hat, sich zu verbessern". Außerdem ist ihm schon vor langer Zeit klar geworden, dass es ein Vorteil sein kann, den Namen des Stars zu tragen. "In Vanuatu ist er ein Idol. Als ich sechs Jahre alt war, wurde mir bewusst, dass der Name hilfreich sein könnte, weil mich damit jeder kennt."

Für Cisneros gibt es keinen Zweifel: "Ich glaube, wenn er sich nicht verletzt hätte, wäre er der beste Spieler aller Zeiten geworden. Diese Antrittsschnelligkeit, die er hatte, sein Torriecher..."

Der Spieler ist das jüngste Beispiel für ein Phänomen, das in Mexiko recht häufig anzutreffen ist. Nach der WM 1970 waren die Namen Edson und Jair, mit Bezug auf Pelé und Jairzinho – die Stars dieser WM – in Mode. Nach der WM 1986 gab es wegen Maradona viele Diegos. In der Nachwuchsabteilung von Santos Laguna gibt es noch einen ganz besonderen Fall, nämlich einen 14-Jährigen namens Ronaldo Zinedin. Er ist allerdings im Gegensatz zu den anderen fünf Ronaldos nicht in Korea vertreten. Seine Geschichte können wir vielleicht bei der nächsten WM erzählen.