Ucar: "Das ist keine gewöhnliche Sache"
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Es gibt Menschen, die können schon jetzt voraussagen, dass das gerade erst begonnene Jahr für sie zu einem ganz besonderen wird. Einer davon ist Feyyaz Ucar. Mit breiter Brust und jeder Menge Kreativität will der 49-Jährige seine Schützlinge in den heimischen Stadien auftreten sehen - in der Hoffnung, dass sie für die ganz große Sensation sorgen.

"Die Tatsache, dass wir das zweitgrößte FIFA-Turnier in sieben türkischen Städten austragen dürfen, sorgt für große Begeisterung. Aber sie ist auch mit einer großen Verantwortung verbunden", sagt Ucar im Gespräch mit FIFA.com. Hinsichtlich der sportlichen Erwartungen weiß der ehemalige Star-Angreifer von Beşiktaş Istanbul, der in 320 Spielen für die Schwarzen Adler vom Bosporus 170 Tore erzielte und zudem in 25 A-Länderspielen für sein Heimatland sieben Mal ins gegnerische Netz traf, natürlich nur zu gut, dass die leidenschaftlichen türkischen Fans auch Siege sehen wollen. So viele wie möglich.

Zwischen Euphorie und Erwartungen
Rund fünf Monate vor dem Turnierauftakt am 21. Juni setzt Ucar deshalb auf eine Mischung aus Selbstvertrauen, Erfolgshunger und Realismus. Einerseits weiß er ganz genau, dass der türkische Fussball schon immer das Potential besaß, aus dem Nichts zum Überraschungspaket zu werden. Andererseits muss er sein junges Ensemble schützen. "Wir wollen sie nicht zu sehr unter Druck setzen, in dem wir riesige Ziele ausrufen", erklärt der Coach, um dann hinzuzufügen: "Wir denken erstmal daran, die Gruppenphase zu überstehen. Das wird ein wichtiger Schritt für uns sein."

Wer die türkische Mentalität kennt und sich an die FIFA WM 2002 sowie an die UEFA EURO 2008, bei welchen jeweils eine von immer größer werdender Euphorie getragene Milliler bis auf Rang drei beziehungsweise ins Halbfinale vorpreschte, erinnert, weiß dennoch genau, was möglich ist. Ucar drückt es so aus: "Nach der Gruppenphase hätte jedes Match mit der Unterstützung unseres Publikums für uns Endspielcharakter. Mit dem Willen und dem Talent meiner Spieler wollen wir das Höchstmögliche erreichen." Kommt sein Ensemble erstmal in Fahrt, könnte es nur schwer aufzuhalten sein.

Eine Frage der Mentalität
Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Insgesamt 38 Spiele haben die Auswahlteams der Altersbereiche U-18, U-19 und U-20 im vergangenen Jahr bestritten. Zudem erzähle Co-Trainer Emre Asik, der selbst bei der FIFA U-20-WM 1993 in Australien für die Türkei auf dem Feld stand, immer wieder von seinen "einzigartigen Erfahrungen" bei diesem Turnier, so Ucar. "Heutzutage ist vor allem jungen Spielern die Bedeutung einer Teilnahme an einer U-20-WM bewusst. Je näher der Auftakttag rückt, desto ernsthafter und konzentrierter werden sie. Eine WM-Endrunde zu spielen, ist schließlich keine gewöhnliche Sache in der Karriere eines Profi-Fussballers", betonte der Coach.

Die Vorfreude steht aber dennoch im Vordergrund. "Zwei unserer drei Gruppenspiele finden in Trabzon statt, das dritte in Rize. Als Spieler war ich sehr häufig in diesen beiden Städten und weiß, wie groß die Fussball-Leidenschaft dort ist", erzählt Ucar und lässt keinen Zweifel aufkommen, dass die dortigen Fans der türkischen U-20-Nationalmannschaft riesengroße Unterstützung bieten werden. Schon jetzt kann der ehemalige Torjäger die Auslosung, die am 25. März stattfindet, kaum erwarten.

Schneller denken und schalten
Zu glauben, das türkische Team setze ausschließlich auf den mentalen Aspekt, vom Heimpublikum nach vorne getrieben zu werden, ist jedoch völlig falsch. Ucar weiß nur zu gut, dass er auf ein starkes Ensemble bauen kann. "Ich habe Spieler mit großer Kreativität", sagt er. "Viele können als Schlüsselspieler bezeichnet werden. Doch ich glaube, meine Mannschaft wird als Kollektiv beeindrucken, und nicht nur durch eins, zwei Schlüsselspieler."

Dabei sei es wichtig, "im Spiel noch schneller zu denken und zu schalten". Man müsse noch mehr Chancen zu Toren nutzen und im Abschluss noch akkurater werden. "Wenn wir es schaffen, unsere Schwierigkeiten bei Standartsituation abzustellen, was ein generelles Problem des türkischen Fussballs ist, können wir in jedem Spiel den Sieg anpeilen."

Einen großen Traum vor Augen
Zum dritten Mal nehmen die Türken an einer FIFA U-20-WM teil. 1993 in Australien schied man nach der Gruppenphase aus, am Ende gewann Brasilien. Zwölf Jahre später musste man in den Niederlanden nach dem Achtelfinale die Segel streichen, der spätere Sieger hieß Argentinien. Und auch diesmal sieht Ucar die beiden südamerikanischen Giganten - sofern sie sich qualifizieren - neben Spanien und Portugal in der Favoritenrolle.

"Doch natürlich wird es, wie in jedem Turnier, auch Überraschungsteams geben, die der Veranstaltung zusätzliche Würze verleihen", betont der Coach mit einem Schmunzeln. Man muss kein Hellseher sein, um zu wissen, welche Mannschaft er ganz besonders gerne in diese Rolle schlüpfen sehen würde.