Es war Samstag, der 12. November 2016, als Katja Orschmann nach dem Zweitliga-Spiel ihres Klubs Union Berlin in die Kabine kam und auf ihr Handy schaute. Es blinkte, ein Anruf in Abwesenheit. Keine Geringere als Ex-Weltmeisterin Renate Lingor, die heutige Teammanagerin der deutschen U-20-Auswahl, hatte angerufen, um die 18-Jährige zum größten Abenteuer ihres Lebens einzuladen - nach Papua-Neuguinea.

"Als ich den Namen auf dem Display gesehen hatte, habe ich natürlich schon so etwas geahnt", verrät Orschmann im Interview im Teamhotel von Port Moresby mit FIFA.com. Knapp 48 Stunden später stieg sie am anderen Ende der Welt aus dem Flugzeug, um als Nachrückerin für die verletzte Rieke Dieckmann an der FIFA U-20-Frauen-Weltmeisterschaft 2016 teilzunehmen. "Ich mag spontane Aktionen, von daher war das hier genau das Richtige."

Besonders gefreut hat sich Zwillingsschwester Dina, die bereits zum DFB-Kader gehörte und die Ankunft von Katja kaum abwarten konnte. "Sie selbst hat mich direkt angerufen und mich ein wenig hinters Licht geführt. Sie hat gesagt, dass sie mich vermisst und daher gerne vorbeikommen wolle", erinnert sich Dina, die zum ersten Mal überhaupt mit ihrer Schwester zum Interview eingeladen wurde, lachend. "Wir haben uns natürlich riesig gefreut, dass wir beide wieder vereint sind. Aber klar ist auch, dass dies eigentlich unglücklichen Umständen geschuldet ist."

Die Freude der Zwillinge erreichte am vergangenen Montag im letzten Gruppenspiel gegen Korea Republik (2:0) noch einmal ungeahnte Höhen, als Dina mit einem sehenswerten Schuss zur 1:0-Führung traf und anschließend zur Bank lief, um ihre Schwester ausgiebig zu umarmen. "Das war aus den Emotionen heraus. In dem Moment war ich überglücklich, und natürlich habe ich auch an meine ganze Familie gedacht, die uns von zu Hause unterstützt. Ich habe dann sozusagen Katja stellvertretend für alle in der Heimat umarmt. Es ist ein sehr schönes Geschenk, dass sie hier mit dabei ist und wir das zusammen erleben dürfen." 

"Ein perfekter Orschmann-Tag"
Zehn Minuten vor dem Ende der Partie hatte auch Katja dank ihrer Einwechslung Grund zum Jubeln und kam zu ihrem ersten WM-Einsatz. "Ein perfekter Orschmann-Tag kann mal wohl sagen", schießt es aus den Schwestern, die sich in Papua-Neuguinea kein Zimmer teilen, aber ansonsten wie Pech und Schwefel zusammenhalten, zeitgleich heraus. Schon auf dem Schulhof haben die beiden gemeinsam gegen den Ball getreten und bis zur D-Jugend bei den Jungen mitgespielt, ehe der Schritt zu Union Berlin folgte. Auch dank der großartigen Unterstützung des heimischen Verbandes ging es steil nach oben bis in die 2. Bundesliga. "Wir können es gut trennen, dass wir auf dem Platz für uns selbst Gas geben und trotzdem nach der Schwester schauen. Wir sind auf eine Weise auch ganz normale Mannschaftskolleginnen."  

Große Streitereien gibt es zwischen den beiden eher selten. Dina sei zwar ab und an etwas zu ehrgeizig, Katja dafür das eine oder andere Mal zu ordentlich. Und wer ist die bessere Fussballerin? "Das ist schwierig zu sagen", gibt sich Katja diplomatisch. "Dina hat sich in den letzten Jahren extrem weiterentwickelt, auch persönlich." Das traumhafte Tor der Mittelfeldspielerin gegen Südkorea hätte die Verteidigerin vielleicht mit Glück verhindern können, aber "es war so schön, das wollte man gar nicht stoppen."  

Die Zwillinge, die man übrigens fast nur an der Länge ihrer Haare unterscheiden kann, nehmen nun gemeinsam gegen einen europäischen Nachbarn das Halbfinale ins Visier. "Ich habe ganz gute Erinnerungen an Frankreich, denn gegen die Franzosen habe ich in der U-17 mein erstes Länderspieltor erzielt", verrät Dina. "Es wird sicherlich von der Schwierigkeit her noch eine Stufe härter als die Gruppenspiele. Aber wir werden vorbereitet sein."

Und sollte schlussendlich sogar der erneute Endspieleinzug gelingen, dann wird es Zeit für den zweiten Teil der Familienzusammenführung. "Wir haben noch zwei ältere Schwestern, 21 und 24 Jahre alt, und eine davon ist derzeit in Neuseeland. Leider hat sie es noch nicht geschafft, hier vorbeizukommen. Aber da wir so lange wie möglich im Turnier bleiben wollen, schließen wir es nicht aus, dass es noch klappt", verrät Dina.