Delphine im Angriff, Estelle in der Defensive. Die eine auf der linken, die andere auf der rechten Seite. Auf dem Platz sind sich die Cascarino-Schwestern so fern, wie sie sich im Leben nahe stehen. Denn die zweieiigen Zwillinge teilen fast alles. Seit ihrer Kindheit in der Region von Lyon haben sie alle Jugendkategorien der französischen Auswahl zusammen durchlaufen und stehen heute gemeinsam in Papua-Neuguinea. Dort treffen sie im Viertelfinale der FIFA U-20-Frauen-Weltmeisterschaft auf Deutschland.

FIFA.com traf die beiden Französinnen im Anschluss an den Sieg gegen Neuseeland (2:0), um ihre jeweiligen Besonderheiten genauer unter die Lupe zu nehmen. 

Delphine zwischen Licht und Schatten
Dass Les Bleuettes noch im Wettbewerb stehen, verdanken sie zu einem großen Teil Delphine. Sie steuerte gegen Ghana einen Treffer und gegen Neuseeland eine Vorlage bei. Zwei Mal in drei Partien wurde sie zur Live-Your-Goals-Spielerin der Partie gewählt. Gleichwohl steht die junge Frau nicht besonders gerne im Rampenlicht. "Ich mag Interviews nicht besonders", räumte sie im Anschluss an die erste Begegnung der Französinnen gegenüber FIFA.com schüchtern ein. Dies gilt auch auf dem Platz, wo die Spielerin mit der Nummer sieben sich darauf beschränkt, ihr technisches Können sprechen zu lassen, um die gegnerischen Abwehrreihen zu überwinden. 

Weniger ist manchmal mehr, scheint ihre Devise zu lauten. Angesichts der Tatsache, dass sie trotz ihrer noch jungen 19 Jahre im Angriff stets die richtige Entscheidung trifft, scheint sie damit gut zu fahren. Auch wenn ihre Schwester der Meinung ist, dass sie etwas weniger selbstlos sein sollte. "Delphine ist manchmal zu nett. Sie spielt den Pass, auch wenn sie schießen könnte", moniert Estelle liebevoll und beschreibt ihre Schwester als "gerecht und sachlich".

Rauflust und Reife
Aber auch schüchtern. In jedem Fall mehr als Estelle, deren Blick und Stimme vor dem Mikrofon sicherer wirken. Aber auch in allen anderen Lebenslagen, wie Delphine versichert: "Estelle ist lustig, viel mehr als ich. (Lacht) Und auf dem Platz ist sie sehr kampfstark." Qualitäten, die ihre Trainer dazu bewegt haben, sie immer weiter hinten zu postieren, obwohl sie in jüngeren Jahren neben ihrer Schwester im Angriff spielte. 

Ihre entschlossene Natur zeigte sich im vergangenen Sommer auch in der Entscheidung, die familiäre Geborgenheit im Ausbildungszentrum von Olympique Lyon, dem sie seit 2009 gemeinsam mit ihrer Schwester angehört, zu verlassen. Auf der Suche nach mehr Einsatzzeit wechselte sie zu Juvisy. "Ich bin jetzt allein zu Hause, es ist ein bisschen leer ohne dich! Ich langweile mich ein wenig, muss ich zugeben", sagt Delphine, die glücklich ist, wieder an der Seite ihrer Schwester zu spielen, die beim Triumph Frankreichs bei der FIFA U-17-Frauen-Weltmeisterschaft 2012 nicht dabei war. 

Funkensprühen
Aber dass Nationalcoach Gilles Eyquem die beiden zu zwei Säulen seines Teams machte, geschah nicht in der Absicht einer Familienzusammenführung. Er ist sich schlicht und ergreifend des enormen Potenzials der Zwillinge bewusst. "Estelle ist rauflustig und bissig, sie hat einen festeren Charakter. Delphine liegt eher die technische Finesse. Gemeinsam ist ihnen ihre Liebenswürdigkeit, ihr Großmut und ihre Zurückhaltung", fasst er zusammen.

"Es sind Spielerinnen wie jede andere auch und gut in die Gruppe integriert. Sie sind nicht permanent zusammen und haben übrigens zwei völlig verschiedene Charaktere", fährt der Trainer fort. Und das führt manchmal dazu, dass die Funken sprühen, glaubt man Estelle: "Wir streiten uns ständig! Das Problem ist, dass wir beide immer Recht haben wollen. Und da wir immer zusammen sind... Aber es dauert nie lang. Wir werfen uns die Dinge an den Kopf, und zehn Minuten später ist es vergessen." 

Funken schlagen, ohne einen Brand zu legen: Das ist das Erfolgsgeheimnis der beiden Antreiberinnen des französischen Spiels.