Der deutsche Fussball erlebt derzeit eine Phase, in der scheinbar alles gelingt. Auch die FIFA U-20-Frauen-Weltmeisterschaft Kanada 2014 war da keine Ausnahme. Die abschließenden Bilder von jubelnden Akteuren in weißen Trikots wirkten schon auffallend vertraut, doch die Schützlinge von Maren Meinert holten ihren Titel auf ganz andere Weise als die deutsche A-Nationalmannschaft in Brasilien und die Männer-U-19-Auswahl bei der UEFA-Europameisterschaft.

"Wir alle haben den Sommer über das Männer-Team angefeuert und ihr Erfolg hat uns definitiv angespornt," sagte Meinert nach der Pokalübergabe. "Wir hätten nicht gedacht, dass wir es auch schaffen, aber wir sind sehr stolz – insbesondere angesichts der Klasse der Teams, die wir auf dem Weg zum Titel geschlagen haben."

Tatsächlich haben die deutschen Mädchen nicht eben den leichtesten Weg zum Gewinn des Turniers hinter sich gebracht. Dafür sorgte zunächst die Auslosung, bei der Deutschland in einer enorm schweren Gruppe mit Brasilien, China VR und Titelverteidiger USA landete. Nachdem man sich als Gruppensieger durchgesetzt hatte, folgten die keineswegs leichteren Partien gegen Gastgeber Kanada, Frankreich und schließlich Nigeria. In den Spielen der K.o.-Runde hatten die Schützlinge von Meinert durchaus ihre Probleme und waren keineswegs stets die bessere Mannschaft. So war beispielsweise Europameister Frankreich im Halbfinale eindeutig überlegen und kam zu 22 Torschüssen, während es die späteren Weltmeisterinnen nur auf fünf Torschüsse brachten.

Auch im Finale war das Kräfteverhältnis ähnlich, denn die Nigerianerinnen agierten eines Weltmeisters würdig und spielten mehr und bessere Torchancen heraus. Entsprechend belegten auch Spielerinnen der beiden letzten deutschen Gegner die vorderen Plätze im Kampf um den Goldenen Ball von adidas.

Doch auch die Deutschen hatten zahlreiche starke Akteurinnen in ihren Reihen und der Titelgewinn kam keineswegs nur mit viel Glück zustande. Einen ganz großen herausragenden Star gab es im Team von Maren Meinert indes nicht. Dennoch gelang es den Deutschen dank mannschaftlicher Geschlossenheit, mentaler Stärke und ihres unvergleichlichen Siegeswillens, den dritten Titel bei diesem Turnier zu holen und damit den Rekord der USA einzustellen.

Starspielerinnen und spektakuläre Tore
Der Vizeweltmeister Nigeria und der WM-Dritte Frankreich glänzten mit anderen, nicht weniger lobenswerten Qualitäten. Die Afrikameisterinnen kamen stets singend und tanzend aufs Feld und zeigten entsprechend überschäumende Spielfreude mit vielen frühen Toren, darunter die zwei schnellsten in der Turniergeschichte. Mit Asisat Oshoala hatten die Nigerianerinnen auch die herausragende Akteurin von Kanada 2014 in ihren Reihen, die am Ende den Goldenen Ball und den Goldenen Schuh von adidas gewann. Allein im Halbfinale gegen die DVR Korea erzielte Oshoala sage und schreibe vier Tore und zeigte ihre beste Turnierleistung.

Frankreich seinerseits spielte den wohl besten Fussball und glänzte ebenfalls mit herausragenden Akteurinnen. So spielte sich beispielsweise Claire Lavogez mit viel Flair und spektakulären Toren in die Herzen der Zuschauer. Verteidigerin Griedge Mbock Bathy, die bei der FIFA U-17-WM-Endrunde 2012 den Goldenen Ball gewonnen hatte, unterstrich erneut ihren Status als kommender Topstar.

Doch auch bei den Teams, die am Ende nicht auf dem Podium landeten, gab es Erfolgsgeschichten. So gelang beispielsweise Neuseeland erstmals überhaupt die Qualifikation für die K.o.-Runde eines FIFA-Turniers, während Paraguay bei seinem Debüt bei einer FIFA U-20-Frauen-WM durchaus respektable Leistungen zeigte. Auch die asiatischen Teams können zufrieden sein. Die DVR Korea und die Republik Korea schafften den Sprung aus der Gruppenphase in die K.o.-Runden und die VR China war am wohl spektakulärsten Spiel des Turniers beteiligt,  einem unvergesslichen 5:5-Unentschieden gegen den späteren Weltmeister Deutschland.

Das fussballerische Niveau sorgte auf den Rängen und in der Online-Welt für viel Lob. Die Berichterstattung auf FIFA.com wurde intensiv verfolgt und zahlreiche Videoclips der spektakulärsten Turniertreffer – allen voran die Traumtore von Lavogez und der Engländerin Beth Mead – wurden zu Hits im Internet. Das Turnier machte großen Appetit auf die FIFA Frauen-WM im kommenden Jahr, da sich Kanada wie erwartet als perfekter Gastgeber erwies.

Die einheimischen Fans konnten sich über ihr Team freuen, dem es nach der 0:2-Auftaktniederlage gelang, das Ruder herumzureißen. Im zweiten Spiel gerieten die Schützlinge von Andrew Olivieri erneut mit 0:2 in Rückstand, doch dann wendeten sie das Blatt und schafften am Ende sogar noch den Sprung ins Viertelfinale.

Genau solche dramatischen Geschichten machen den Reiz von WM-Turnieren aus. Kanada 2014 bot dem weiblichen Nachwuchs eine perfekte Bühne, auf der die jungen Spielerinnen ihr Können zeigen konnten und legte die Messlatte für kommende Turniere erneut ein Stück höher.

Teilnehmer:
Brasilien, China VR, Costa Rica, Deutschland, England, Finnland, Frankreich, Ghana, Kanada (Gastgeber), Korea DVR, Korea Republik, Mexiko, Neuseeland, Nigeria, Paraguay, USA

Abschlusstabelle
1. Deutschland
2. Nigeria
3. Frankreich
4. Korea DVR

Spielorte und Stadien
Olympiastadion (Montreal), National Soccer Stadium (Toronto), Commonwealth Stadium (Edmonton), Moncton Stadium (Moncton)

Erzielte Tore:102 (Durchschnitt pro Spiel: 3,2)

Erfolgreichste Torjägerinnen
Goldener Schuh von adidas: Asisat Oshoala (NGA) (7 Tore, 2 Vorlagen)
Silberner Schuh von adidas: Pauline Bremer (GER) (5 Tore, 6 Vorlagen)
Bronzener Schuh von adidas: Sara Dabritz (GER) (5 Tore, 2 Vorlagen)

Individuelle Auszeichnungen
Goldener Ball von adidas: Asisat Oshoala (NGA)
Silberner Ball von adidas: Griedge Mbock Bathy (FRA)
Bronzener Ball von adidas: Claire Lavogez (FRA)
Goldener Handschuh von adidas: Meike Kamper (GER)

Zuschauer
288.558 (Durchschnitt pro Spiel: 9.017)