Die FIFA U-20-Weltmeisterschaft steht kurz vor ihrem Höhepunkt. Am Donnerstag finden die beiden Halbfinalpartien statt. FIFA.com unterhielt sich mit April Heinrichs, Mitglied der Technischen Studien-Gruppe der FIFA und von 2000 bis 2005 Nationaltrainerin der USA, um sich den bisherigen Turnierverlauf aus Sicht der TSG schildern zu lassen.
Die WM 2010 in Deutschland wird bisher gemeinhin als erfolgreiches Turnier angesehen. Sieht das die TSG auch so?
Auf jeden Fall. Wir waren sehr beeindruckt von der Schnelligkeit, Beweglichkeit und Quirligkeit der an diesem Turnier teilnehmenden Spielerinnen. Insgesamt ist das Turnier sowohl im Hinblick auf die physischen Stärken als auch auf die psychologische Reife hochklassiger geworden als vorherige Weltmeisterschaften der Juniorinnen. Die Spielerinnen durchlaufen die Entwicklung vom Mädchen zur Frau viel schneller, und einige Spielerinnen werden sicher bald in der A-Nationalmannschaft zum Einsatz kommen. Im deutschen Team stehen zwei oder drei Spielerinnen und im nigerianischen drei bis fünf, die schon genauso gut sind wie ihre Kolleginnen aus der A-Nationalmannschaft. Das Spiel entwickelt sich, und die Spielerinnen werden auf diesem Niveau immer älter und immer reifer. Die Teams wählen in dieser Altersklasse keine 16- oder 17-Jährigen aus, weil keine 20-Jährigen zur Verfügung stehen, sondern weil die 16- oder 17-Jährigen schon so gut sind.
Welche positiven Tendenzen sind Ihnen bei der WM 2010 in Deutschland aufgefallen?
Zunächst einmal ist es gut zu sehen, dass die auf Ballbesitz ausgerichteten Mannschaften weiterkommen. Mit Ausnahme von Japan und Korea DVR stehen die am stärksten auf Ballbesitz ausgerichteten Teams allesamt im Halbfinale. Die Deutschen können direkt spielen, wenn sie wollen, aber dann steckt eine Absicht dahinter. Sie können die Abwehr durchschneiden, wie ein heißes Messer ein Stück Butter – mit einem direkten, aber gezielten Ball. Nigeria kann ebenfalls direkt spielen, aber mit Dynamik. Dass man auf Ballbesitz setzt, ist ein Anzeichen für psychische Reife. Außerdem weist diese Tatsache darauf hin, dass die Mannschaften vor dem Turnier eine sorgfältige Vorbereitung durchlaufen haben. In dieser Hinsicht sind wir sehr zufrieden, weil wir hier ziemlich schönen Fussball geboten bekommen. Die Spielerinnen wurden für ihre hervorragenden Leistungen sowohl mit hohen Zuschauerzahlen als auch mit entsprechendem Beifall von den Fans belohnt.
Wie steht es mit den beiden Halbfinalpartien am Donnerstag? Wie interessant sind die beiden Paarungen?
Es ist sehr spannend, dass wir hier drei neue Halbfinalisten haben. Das kann nur als positiver Aspekt für den Fussball gewertet werden. Wirklich faszinierend ist Folgendes: Wenn Sie eine beliebige der vier Mannschaften herauspicken und dann das Team heraussuchen, das dieser Mannschaft am ähnlichsten ist, dann bekommen Sie genau die Paarungen, die wir jetzt haben. Die Republik Korea ist technisch versiert und sehr beweglich mit dem Ball. Es handelt sich um eine sehr selbstbewusste Gruppe von Frauen, die den Einzug ins Halbfinale wirklich verdient hat. Beide Mannschaften werden in dieser Partie viel am Ball sein. Interessant ist auch, dass die Deutschen nicht daran gewöhnt sind, phasenweise nicht im Ballbesitz zu sein. Sie werden eventuell Zeit damit verbringen müssen, den Ball zurückzuerobern, und das kann ziemlich kräftezehrend sein. Deutschland könnte also plötzlich unter größerem Druck stehen als zuvor.
Im Hinblick auf Kolumbien muss ich etwas vorsichtiger sein, weil ich das Team noch nicht live gesehen habe. Aber die Kolumbianerinnen machen einen unglaublich kompetenten Eindruck und geben gern den Spielrhythmus vor. Sowohl Kolumbien als auch Nigeria sind auf Ballbesitz ausgerichtet. Von dieser Spielweise werden sie wohl auch nicht abweichen. Aber bei dieser Partie gibt es einige unbekannte Aspekte. Wird Kolumbien sich auch unter höherem Druck noch steigern können? Werden die Nigerianerinnen nach ihrem größten Sieg im Frauenfussball trotzdem ihre Ordnung aufrechterhalten können? Wie gut werden sie mit dem Druck zurechtkommen, dem wirklichen Druck, der erst ab dem Halbfinale ins Spiel kommt?
Diese nigerianische Mannschaft ist die beste, die ich je aus diesem Land gesehen habe, und ich beobachte sie seit zehn Jahren bei Weltmeisterschaften. Das Team verfügt über alle klassischen Qualitäten nigerianischer Mannschaften: Hervorragendes Tackling, Zweikampfstärke und unglaubliche Schnelligkeit. Aber die Nigerianerinnen sind sehr diszipliniert. Physisch sind sie allen anderen Mannschaften dieses Turniers überlegen. Außerdem führen sie ihre Rollen mit viel Begeisterung und Einsatz aus. Sie scheinen keinen Superstar in der Mannschaft zu haben und nach einem alten Sprichwort zu handeln: "Keine von uns ist schlauer als wir alle". Gegen die USA haben sie das Spiel in der zweiten Halbzeit gedreht. Die Nigerianerinnen haben gezeigt, dass sie sich anpassen und schnell lernen können, denn anfangs sind sie etwas naiv an die Sache herangegangen.
Ist Ihnen bei diesem Turnier im Hinblick auf die Rolle der Trainer und deren Einfluss auf die Mannschaften ein Unterschied aufgefallen?
Mir ist aufgefallen, dass die Trainer die Mannschaften vor dem Turnier besser kannten. Das haben sie hier gezeigt. Wir haben es schon häufig erlebt, dass Trainer im ersten Spiel mit einer bestimmten Startformation ins Rennen gegangen sind, diese dann für das zweite Spiel geändert haben und für das dritte noch mal. Das war hier in Deutschland seltener der Fall als je zuvor. Die Trainer müssen sich also nicht mehr während des Turniers über die besten Spielerinnen und das beste Spielsystem klar werden. Infolge dieser Änderung steigern sich die Mannschaften im Turnierverlauf. Deutschland war beispielsweise immer ein Team, das gesamte Turniere mit einer fast unveränderten Startelf durchgespielt hat – einmal abgesehen von Verletzungen und Gelben Karten. Inzwischen folgen andere Mannschaften diesem Modell.
Vielleicht könnten Sie noch einen kurzen Kommentar zu anderen Mannschaften abgeben, beispielsweise zu Japan.
Japan hat sich zwar nicht für das Viertelfinale qualifiziert, aber es ist deutlich geworden, dass die Japanerinnen sich wieder verbessert haben und sich sicher in Zukunft noch weiter steigern werden. Ich habe mir einige Trainingseinheiten des Teams angeschaut und ein sehr hohes Niveau gesehen. Japan war letztes Jahr auf U-19-Ebene Asienmeister, genauso wie England Europameister und Brasilien südamerikanischer U-20-Meister war. Die Tatsache, dass keine der Mannschaften die zweite Runde erreicht hat, deutet auf ein größeres Gleichgewicht innerhalb der Konföderationen hin.
