• TLO ist Bindeglied zwischen Teams und Organisatoren
  • Mitjubeln, mitleiden und auch mal mittrainieren
  • "Jetzt muss ich nur noch Fussball spielen lernen..."

Fällt es Ihnen schwer, sich verständlich zu machen, wenn Sie in ein neues Land kommen, das tausende von Kilometer von zu Hause entfernt ist und dessen Sprache und Kultur Sie nicht kennen? Dann stellen Sie sich diese Situation vor, wenn sie 23 Heranwachsende zwischen 16 und 17 Jahren betrifft. Nachwuchsspieler, die berufen wurden, um den wichtigsten Wettbewerb in ihrer noch jungen Karriere zu bestreiten.

Damit sich die Delegationen der an der FIFA U-17-Weltmeisterschaft teilnehmenden Mannschaften auf das Sportliche konzentrieren können und sich nicht mit organisatorischen Dingen oder Übersetzungen herumschlagen müssen, stellt das Lokale Organisationskomitee (LOK) jedem Team einen Verbindungsbeauftragten (Team Liaison Officer oder TLO) zur Verfügung. Dies geschieht übrigens bei jedem von der FIFA organisierten Turnier.

Das ABC eines TLO: 
- Diese Volunteers sind das Bindeglied zwischen der ihnen zugeteilten Delegation und den Organisatoren sowie der einheimischen Bevölkerung
- Sie müssen die Sprache ihres Teams, die des Gastgeberlandes und Englisch beherrschen

Zweifellos also verfügen sie alle über hervorragende Sprachkenntnisse, doch wie sieht es mit ihrem Fussballwissen aus? FIFA.com interessierte sich für ihre Verbindung zur Welt des runden Leders in einem Land, in dem Cricket in der Sportszene unangefochten die Nummer eins ist.

"Vor dieser WM interessierte ich mich gar nicht für den Fussball, obwohl ich wusste, dass es ein Sport mit Milliarden von Fans ist", räumt Mohsin Khan ein, TLO von Neukaledonien. Seine bisherige Beziehung zum Fussball beschränkte sich auf ein Textilstück. "Meine ehemalige Freundin war ein Fan von Cristiano Ronaldo. Eines Tages schenkte sie mir sein Trikot mit der Nummer sieben. Danach hatte ich eine Vorliebe für Portugal. Aber Cricket war trotzdem immer das Wichtigste."

Ähnliches berichtet Jitendra Kumar, der in Indien das Team aus Honduras begleitete. "Ich hatte gar keine Verbindung zum Fussball, war aber leidenschaftlicher Cricket-Fan. Aber ich hatte schon von der FIFA gehört, also zögerte ich keine Sekunde, als ich die Gelegenheit hatte, bei dieser WM dabei zu sein", sagt er.

Etwas anders sieht es bei Ritesh Patnaik aus, der mit seinen 40 Jahren nicht nur über größere Erfahrung verfügt als die beiden Studenten, sondern einige dieser Lebensjahre in Frankreich, England und Kanada verbracht hat. "In Indien gibt es nicht viele Möglichkeiten, Fussball zu spielen, aber ich hatte ein wenig in der Schule gespielt. Während der WM schauten wir uns vor allem Brasilien, Deutschland oder Italien an", erinnert er sich und nennt Lothar Matthäus, Roberto Donadoni, Paolo Maldini, Romario und Bebeto als Spieler, die ihn geprägt haben. "Vor allem in Frankreich habe ich mich dafür interessiert. Ich ging immer zu den Spielen des FC Nantes. In England verfolgte ich den Fussball sogar noch mehr."

Doch seit ihrer Erfahrung bei der FIFA U-17-Weltmeisterschaft 2017 haben alle drei eine Gemeinsamkeit: Der Fussball ist nun ein Teil ihres Lebens. "Man lernt viel Neues bei dieser Aufgabe", versichert Ritesh. "Wenn man sich das im Fernsehen anschaut, gibt es viele Dinge, die man nicht unbedingt versteht. Was ruft der Trainer von seiner Bank aus? Was sagt der Schiedsrichter zu den Spielern und in welcher Sprache? Ich habe die Spieler gebeten, mir diese Situationen zu erklären. Man lernt das Leben eines Fussballteams von innen kennen."

"Je mehr Spiele ich mir anschaue, desto aufregender finde ich diesen Sport. Ich habe nach und nach die Regeln gelernt: Strafstoß, Eckball", sagt Mohsin, der den ersten Auftritt Neukaledoniens auf der weltweiten Bühne aus nächster Nähe miterlebt hat. "Ich verstehe ein Spiel nun auch aus technischer Sicht. Ich beginne zu sehen, was nicht funktioniert hat oder was einer Mannschaft gefehlt hat", ergänzt Jitendra.

Hat den TLOs diese Aufgabe vielleicht sogar das Gefühl gegeben, zum Team dazuzugehören? "Sie haben zu mir gesagt, dass ich ein vollwertiges Teammitglied bin", verrät Ritesh, während Jitendra bekräftigt, wie "ein Mitglied der Familie" behandelt worden zu sein. Mohsin wiederum identifizierte sich so sehr mit seiner Mannschaft, dass er bei jedem Gegentor mit ihr litt. "Und beim letzten Spiel gegen Japan saß ich bei der Mannschaft in der technischen Zone, und ich weiß noch, wie ich geschrien habe, als Neukaledonien traf. Zwei Volunteers schauten mich ganz schön überrascht an."

"Wenn sie Weltmeister werden, bin ich es auch", sagt Ritesh sogar, der zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß, dass sein französisches Team im Achtelfinale ausscheiden wird. "Ich habe durch den Kontakt zu den Spielern und dem Trainer viel über den Fussball gelernt", fasst Jitendra seine Erfahrungen zusammen. "Jetzt muss ich nur noch Fussball spielen lernen..."

Eine prägende Erinnerung: 
Mohsin Khan (Neukaledonien): "Der Trainer Dominique Wacalie hat mir seine Fussballschuhe gegeben und bat mich, zu trainieren, damit wir zusammen spielen können, wenn ich ihn besuche."
Ritesh Patnaik (Frankreich): "Das Training verläuft immer sehr ernst, doch am Ende der Einheiten kickte und jonglierte ich ein wenig mit ihnen."
- Jitendra Kumar (Honduras): "Ich hätte nie eine vergleichbare Gelegenheit gehabt, so viel über Honduras zu lernen. Der Trainer stammt aus einem sehr bescheidenen Umfeld, so wie ich auch. Wir haben uns viel unterhalten."