Der englische Fussball hat in der Vergangenheit zahlreiche erstklassige Verteidiger hervorgebracht, einer von ihnen ist zweifelsohne Sol Campbell. Der inzwischen 43-Jährige lief zwischen 1996 und 2007 73 Mal für die Three Lions auf, nahm an drei FIFA Fussball-Weltmeisterschaften teil und absolvierte in der heimischen Premier League über 400 Spiele für Top-Klubs wie Arsenal London und Tottenham Hotspurs.

Bei der FIFA U-17-Weltmeisterschaft Indien 2017 hat Campbell die Seiten gewechselt und analysiert für die Technische Studiengruppe der FIFA (TSG) das Geschehen auf dem Platz. Im Interview spricht er über seine Eindrücke im bisherigen Turnierverlauf.

Herr Campbell, wie sehen Sie das Niveau dieser U-17-Weltmeisterschaft?
Der Standard und die Qualität bislang ist sehr hoch. Die Spieler sind erst 16, 17 Jahre alt. Das darf man nicht vergessen. In den Halbfinals waren viele gute Dinge zu sehen. Es wurde schnell aus der Defensive in die Spitze gespielt, dazu kam oft ein hohes Pressing. Es wird viel Energie aufgewendet. Die Teams fordern den Ball und legen Wert auf Ballbesitz.

Und im taktischen Bereich?

Taktisch sind die Spieler schon sehr weit ausgebildet, gerade die europäischen Mannschaften. Ich glaube aber, dass sie manchmal zu viel in 1-1-Situationen gehen. Sie haben keine Angst. Das ist gut. Die Fans im Stadion sind zwar da, aber sie stehen noch nicht so im Scheinwerferlicht der Medien.

Das Finale am Samstag ist eine rein europäische Angelegenheit - Spanien gegen England. Was erwarten Sie vom Endspiel?
Es wird ein ausgeglichenes Finale werden. Beide Teams haben hier in Indien überzeugt und schon bei der EURO standen sie sich gegenüber. Das Spiel damals musste im Elfmeterschießen entschieden werden. Dies zeigt, dass sie auf Augenhöhe sind.

Spanien kann hohes Tempo gehen und hat ein sicheres Passspiel. England ist sehr organisiert und muss sich entsprechend geschickt verhalten. Das wird die Herausforderung sein. Als Engländer freue ich mich natürlich, dass England im Finale steht. Es ist toll, die Verbesserungen im englischen Jugendfussball zu sehen.

Welches Team hat Sie noch positiv überrascht?
Für mich hat Mali sehr stark gespielt, auch gegen Spanien. Die Afrikaner hatten viele Chancen, aber ihnen fehlt die Ruhe im letzten Drittel des Spielfeldes. Gerade im taktischen Bereich haben die afrikanischen Teams Nachholbedarf. Die Spanier haben es vorgemacht und im richtigen Moment den entscheidenden Pass gespielt.

Welcher Spieler hat für Sie bislang am meisten überzeugt?
In erster Linie geht es immer um das Team. Ohne eine starke Mannschaft kann kein Einzelner gewinnen. Aber jedes Team braucht in einem Turnier zwei, drei Akteure, die herausstechen, um den Titel zu gewinnen. Die Engländer haben beispielsweise Rhian Brewster. Er trifft aus allen Lagen. Die Spanier haben mit Abel Ruiz ebenfalls einen enorm treffsicheren Angreifer in ihren Reihen. Es wird spannend am Samstag, wenn diese beiden aufeinandertreffen.

Für Indien war es das FIFA-Turnier überhaupt. Wie haben Sie den Gastgeber gesehen?

Viele Menschen in Indien sind dem Fussball verbunden und die FIFA hat hier einen fantastischen Job gemacht, ihnen das Turnier zu geben. Ich glaube, in der Zukunft wäre Indien sicherlich bereit, eine FIFA WM auszutragen. Wir sind zwar in einem Cricket-Land, aber sie könnten das schaffen. Die Unterstützung wäre da. Es gib über eine Milliarde Inder, daher bin ich mir sicher, dass genug Potenzial vorhanden ist, dass Indien irgendwann bei einer WM dabei sein wird.