Der lange Weg des Kevin Méndez
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Die 190 Kilometer, die Trinidad von Montevideo trennen, müssen sich für einen kleinen Jungen wie eine Weltreise anfühlen. Vor allem für einen 13-Jährigen, der seine Heimatstadt in der Provinz Flores zurücklässt, um ganz alleine ohne seine Familie in der uruguayischen Hauptstadt zu leben.

Wie mag sich dann erst die lange Reise nach Ras Al-Khaimah im Norden der Vereinigten Arabischen Emirate anfühlen, um dort an einer FIFA U-17-Weltmeisterschaft teilzunehmen? Für Kevin Méndez sind die vielen tausend Kilometer, die er bereits zurückgelegt hat, eigentlich kaum zu fassen – vor allem, wenn er an seine Lebensumstände vor vier Jahren zurückdenkt.

"Ich hätte mir so etwas nie vorgestellt. Wenn ich heute sehe, dass ich hier bin, mit all dem um mich herum... Das ist schwer zu begreifen", erzählt der offensive Mittelfeldspieler im Gespräch mit FIFA.com. "Wir spielen bei einer WM, tragen das Nationaltrikot von Uruguay und wissen, dass alles möglich ist."

Der Fussball als große Hilfe
Für den Fussball ist kein Opfer zu groß, vor allem wenn eine Einladung von Peñarol Montevideo ins Haus flattert. Wenn man große Ambitionen hat, dann folgt man ihr einfach. Auch wenn das bedeutet, alles hinter sich zu lassen, was die gesamte noch unausgereifte Realität eines jungen Spielers bislang ausmachte. Dazu gehört auch, Lebewohl zu sagen zu denen, die einen von Anfang an begleitet haben – und zwar wirklich von Anfang an.

"Es war hart, ohne jeden Zweifel. Ich musste alles zurücklassen, um nach Montevideo zu gehen. Meine Eltern, meinen Bruder und viele Menschen, die mir sehr viel bedeutet haben. Das erste Jahr war sehr schwierig für mich als 13-jährigen Jungen, dem diese ganze Nähe und Zuneigung fehlen", erzählt Méndez. Das uruguayische Talent spricht dabei, als ob seine gesamte Karriere bereits hinter ihm läge. Doch man darf nicht unterschätzen, was vier Jahre für das Leben eines Teenagers bedeuten. "Aber dann habe ich mich langsam daran gewöhnt. Heute vermisse ich immer noch meine Familie, doch man lernt, damit zu leben. Ich konzentriere mich darauf, so gut wie möglich Fussball zu spielen, und ich hoffe, dass es ihnen gut geht."

In diesen Zeiten erwies es sich als das beste Rezept, sich mit dem Fussball abzulenken und sämtlichen privaten Frust auf dem grünen Rasen zu verdrängen. "Der Fussball ist eine große Hilfe. Es ist eine Sache, die man von Grund auf liebt, und mit der man weit kommen möchte. Mit ihm kann man die Sehnsucht ein wenig lindern und sich vom Heimweh ablenken."

Bis zu dem Zeitpunkt, an dem ein junger Spieler – in diesem Fall Kevin Méndez – sich im Kreise einer neuen Familie wieder findet. Man wohnt mit den anderen jungen Talenten des Klubs zusammen und durchläuft mit ihnen die verschiedenen Nachwuchsteams. Im U-17-Nationalteam Uruguays finden sich vier weitere Spieler von Peñarol: Torhüter Thiago Cardozo, die Verteidiger Fabrizio Buschiazzo und Darwin Avila sowie Stürmer Gonzalo Latorre. Zusammen stellen diese jungen Uruguayer eine Truppe dar, die großen Hunger auf Titel hat.

Die Tür ganz weit aufstoßen
Die Celeste, die im Achtelfinale auf die Slowakei trifft, zählt natürlich nicht allein auf die gute Nachwuchsarbeit von Peñarol. Zu den fünf genannten Spielern gesellen sich noch die Talente vom Stadtrivalen Nacional sowie diverser anderer Klubs. Das Ergebnis ist eine vielversprechende Spielergeneration mit einer hohen offensiven Durchschlagskraft.

Bei der Südamerikameisterschaft in dieser Altersklasse war das Team noch sehr abhängig von den Toren des Mittelstürmers Franco Acosta. Bei der WM hingegen schließt der Offensivplan von Trainer Fabián Coito viele weitere Optionen ein. Diese Erfahrung musste gleich am ersten Spieltag Gegner Neuseeland machen, das mit 0:7 unter die Räder kam. "Es ist für die Mannschaft wichtig, dass viele Spieler in Tornähe kommen und den Abschluss suchen, anstatt nur einen Torjäger zu haben – auch wenn Franco bei der Südamerikameisterschaft hervorragend war. Jetzt treffen bei uns offensive und defensive Mittelfeldspieler und auch andere Angreifer. Das geht sehr gut auf."

Inmitten dieser vielseitigen Angriffsmaschinerie muss Kevin Méndez unterschiedliche Aufgaben meistern. Dabei macht er sich keine Sorgen darüber, jederzeit den Fussball zeigen zu müssen, der europäischen Medien zufolge bereits das Interesse von Klubs wie dem FC Barcelona und dem AC Mailand geweckt hat. "Das sind nur Gerüchte. Es gibt da nichts Konkretes. So etwas könnte wirklich gut für mich und meine Familie sein. Und es ist natürlich schön, dass sich solche großen Klubs für mich interessieren könnten. Aber es gibt keine konkreten Anfragen, und meine Konzentration gilt ganz allein der WM und dem Nationalteam."

Dies hat er beim Sieg gegen Neuseeland unter Beweis gestellt, als er nach nur drei Minuten den ersten Treffer des Turniers erzielte. "Es war wichtig, die Tür aufzustoßen und Ruhe einkehren zu lassen. Es ist schließlich eine große Verantwortung, solch ein Turnier für Uruguay zu bestreiten", erklärt er.

Für den uruguayischen Mittelfeldakteur war die Tür bereits seit geraumer Zeit aufgestoßen – seit dem Tag, an dem er sein Elternhaus verließ. Nun gilt es herauszufinden, wie weit er und seine Celeste noch kommen werden. "Wir haben gute Voraussetzungen. Also müssen wir unser Bestes geben und versuchen, den Weltmeistertitel zu holen. Ich hätte mir das nie erträumt, aber jeder kleine Junge träumt doch. Und heute – mit Einsatz und Opferbereitschaft – kann ich versuchen, den Traum zu verwirklichen."