In jedem Aufgebot, das für ein großes Turnier berufen wird, befinden sich einerseits die unumstrittenen Stammspieler und andererseits die Ergänzungsspieler, die im Falle von Verletzungen oder Sperren einspringen dürfen. Der Nigerianer Sani Emmanuel gehörte zu Beginn der FIFA U-17-Weltmeisterschaft 2009 zur letztgenannten Gruppe, doch das Pech eines seiner Mannschaftskameraden wurde unversehens zu seinem Glück.

Als die letzte Partie der Gruppe A gegen Argentinien angepfiffen wurde, nahm der junge Stürmer zu dritten Mal auf der Ersatzbank Platz. Vom Spielfeldrand aus wurde er Zeuge der frühen Führung der Südamerikaner und der schnellen Reaktion seines Teams, das durch Omoh Ojabu zum Ausgleich kam. Was für Nigeria eine gute Nachricht war, bedeutete für den als Ersatz des Torschützen vorgesehenen Emmanuel, dass sich an seiner Situation nicht viel ändern würde. Doch in der Welt des Sports wird schnell aus dem Unglück des einen das Glück des anderen.

Überraschende Hereinnahme
Nach etwa einer halben Stunde Spielzeit musste Ojabu verletzt das Spielfeld verlassen. Zur Überraschung aller, einschließlich des Nutznießers selbst, wurde Emmanuel aufgerufen, um ihn zu ersetzen. "Natürlich war ich überrascht! Ich hatte seit Beginn des Turniers noch keine Minute gespielt und der Trainer setzt mich in einem so wichtigen Spiel ein", sagte er nach dem Schlusspfiff freudestrahlend zu FIFA.com. "Dieser Vertrauensbeweis hat mich motiviert. Ich war traurig für Omoh, doch ich dachte mir, dass ich verpflichtet bin, diese Chance zu nutzen."

Dazu bot sich ihm bereits fünf Minuten später die Gelegenheit, als der argentinische Torhüter Ignacio Arce einen strammen Schuss von Aigbe Oliha aus 25 Metern nicht festhalten konnte. Dem eben eingewechselten Stürmer sprang der Ball einschussbereit vor die Füße - doch er vergab kläglich! "Ich verstehe bis heute nicht, wie ich den verfehlen konnte", fragte er sich. "Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie eine so leichte Chance vergeben. Aber es war mein erster Ballkontakt. Vielleicht war ich noch zu angespannt oder noch nicht warm. Wenn mir das nur wenige Minuten später passiert wäre, bin ich sicher, dass ich getroffen hätte."

Doch in einer derart intensiv geführten Begegnung bleibt zum Grübeln keine Zeit. Zumindest vermittelte Emmanuel diesen Eindruck in der restlichen Spielzeit: er rannte noch längere Wege, bot sich öfter an, startete noch mehr Angriffe. "Doch in Wirklichkeit dachte ich nur noch daran" gab er nach der Partie zu. "Ich dachte, wenn wir verlieren, ist es meine Schuld. Ich wollte das unbedingt wieder gutmachen." Es sollte noch über eine Viertelstunde in der zweiten Halbzeit vergehen, bis er sein Ziel erreichte.

Ein Tor für My People
Es war Emmanuel, der die Aktion einleitete, bei der Olarenwaju Kayode im Strafraum zu Fall gebracht wurde. Und er war es auch, der sich mit der Erlaubnis des Stammschützen das Spielgerät auf dem Elfmeterpunkt zurechtlegte. Dieses Mal zeigte er keine Nerven, das Leder schlug im Winkel des gegnerischen Tores ein. "Ich durfte nicht verschießen, ich schuldete dies all unseren Anhängern", sagte der Stürmer des Klubs My People, der sein Land damit in einen Freudentaumel stürzte. "Es ist eine Belohnung für all die tägliche Arbeit. Auch wenn man nicht spielt, absolviert man dasselbe Programm wie die Stammspieler. Wir trainieren so viel, wir strengen uns so sehr an, wir nehmen alle am selben Abenteuer teil. Ich bin glücklich darüber, dass ich meinen Beitrag dazu beisteuern konnte."

Die jungen Golden Eagles wissen noch nicht sicher, ob sie in der Achtelfinalbegegnung gegen Neuseeland wieder auf Ojabu zählen können, doch zweifellos wissen sie jetzt nun, dass sie in Emmanuel mehr als nur einen gewöhnlichen Reservespieler haben. Der mannschaftsdienliche, fleißige und fröhliche Akteur mit der Trikotnummer 14 hofft natürlich auf einen Einsatz und darauf, gegen die Kiwis ein Tor zu erzielen, doch sein Blick reicht noch weiter.  

"Das soll nicht arrogant klingen, doch wir denken nicht nur an unser nächstes Spiel. Seit dem ersten Tag denken wir nur an eines: Weltmeister zu werden", erklärte der Edelreservist, bevor er in den Bus stieg, der seine Mannschaft nach Abuja transportierte. "Ich weiß nicht, ob ich in den Plänen des Trainers für die nächsten Begegnungen eine Rolle spiele, doch wenn er mir sein Vertrauen schenkt, wird er es nicht bereuen", versprach er zum Abschluss. Eine Äußerung, die ihm auf dem nächsten Spielberichtsbogen einen Platz unter den ersten Elf einbringen könnte.