Irgendetwas ist anders in Malawi, als ob man zurück in längst vergangene Zeiten oder in einen bisher unentdeckten Teil der Welt gereist wäre. Zwar unterscheidet sich das Land im Südosten Afrikas auf den ersten Blick nicht wesentlich von seinen Nachbarn und ist auch in gleichem Maße von den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Problemen des Kontinents betroffen. Aber es hat etwas Unschuldiges, Erfrischendes an sich, das es einzigartig macht.
Die Malawier behaupten von ihrem Land, es sei das "warme Herz Afrikas", was jeder, der ihre Freundlichkeit und Offenheit erfahren durfte, bestätigen kann. Einst missionierten hier schottische Presbyterianer, weshalb "McDonald", "Hastings" oder "McLeod" auch heute noch gebräuchliche Vornamen sind. Das konservative Erbe der Missionare mag ein Grund dafür sein, dass in Malawi kaum etwas von der Hektik der modernen Welt zu spüren ist; ein anderer ist möglicherweise die jahrzehntelange Abschottung des Landes während der Diktatur unter Hastings Banda. Eine dritte Erklärung könnte die geografische Lage Malawis sein, das als Binnenland nie an einer der traditionellen Handelsstraßen lag.
Was letztlich auch der Grund dafür sein mag: Die Malawier sind ungemein fröhlich, gesprächig, hilfsbereit und - obwohl sie in einem der ärmsten Länder der Welt leben - äußerst gastfreundlich. Sie sind es in erster Linie, die dieses Land in einer immer anonymer und egoistischer werdenden Welt zu einem ganz besonderen Ort machen.
Vieles ist anders in Malawi, aber manches ist auch genau gleich wie anderswo auf der Welt - zum Beispiel die große Leidenschaft für den Fussball.
Auf internationaler Ebene machte der malawische Fussball bisher kaum von sich reden. Die A-Nationalmannschaft, die "Flames", konnte sich nur ein einziges Mal (1984) für den Afrikanischen Nationen-Pokal qualifizieren, und das ist auch schon wieder 25 Jahre her. Seither sind die Malawier immerhin einige Male nur knapp gescheitert, und mit dem Vorstoß in die letzte Phase der afrikanischen Qualifikation zur FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2010™ haben sie ihre Fortschritte endgültig unter Beweis gestellt.
Die Qualitäten der besten malawischen Spieler blieben auch ausländischen Spähern nicht verborgen, und so finden mittlerweile immer mehr von ihnen den Weg nach Europa. Beispiele dafür sind der Stürmer Esau Kanyenda, nach einem Engagement bei Lokomotive Moskau zurzeit bei einem Verein der zweiten russischen Liga, oder der beim schwedischen Zweitligisten IFK Norrköping unter Vertrag stehende Russell Mwafulirwa. Die überwiegende Mehrheit der malawischen Profis spielt jedoch bei südafrikanischen Klubs.
Mit dem Gastgeber der nächsten FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ verbindet Malawi nicht nur der Fussball, sondern auch eine traditionell enge Handelsbeziehung und die Tatsache, dass bis heute viele Malawier in den südafrikanischen Goldminen arbeiten.
Stolz der Nation
Dass die malawischen Junioren nun nach Nigeria zur FIFA U-17-Weltmeisterschaft reisen dürfen, während ihre südafrikanischen Kollegen zu Hause bleiben müssen, ist für die jungen Talente eine riesige Chance und für die geduldigen Fans eine besondere Genugtuung.
"Wir sind sehr stolz und denken, wir haben diese Teilnahme verdient - auch wenn wir uns quasi durch die Hintertüre qualifiziert haben", sagt Walter Nyamilandu Manda, Präsident des malawischen Fussballverbands und selbst ehemaliger Nationalspieler.
Tatsächlich war Malawi bei der U-17-Afrikameisterschaft in Algerien im März dieses Jahres nach den Gruppenspielen eigentlich schon ausgeschieden, rückte dann aber für den Niger, der wegen des Einsatzes eines zu alten Spielers disqualifiziert wurde, ins Halbfinale nach. Damit sicherte sich die Mannschaft trotz vier Niederlagen in fünf Spielen das WM-Ticket.
Die Qualifikation löste eine intensive Suche nach talentierten Verstärkungen für das Team aus, das in Nigeria in den Gruppenspielen auf die Vereinigten Arabischen Emirate, die USA und Spanien treffen wird.
"Wir haben umfangreiche Sichtungen an den Schulen vorgenommen, um neue Talente aufzuspüren", erklärt U-17-Nationaltrainer John Kaputa. "Zudem sind wir mit zwei verschiedenen Teams zu Turnieren in Angola und im Sudan gereist, um möglichst viele Kandidaten testen zu können. Wir werden die Mannschaft nicht völlig umkrempeln, aber im Vergleich zum Turnier in Algerien müssen wir uns schon verstärken, und zwar vor allem mit größeren und kräftigeren Spielern."
Knappe Mittel
Kaputa hat ehrgeizige Pläne für die Zukunft der malawischen Junioren. Er weiß aber auch, dass die knappen vorhandenen Mittel nicht ausreichen werden, um alle seine Wünsche zu erfüllen: "Die optimale Vorbereitung für Nigeria wäre ein Trainingslager in Europa mit Testpartien gegen starke Gegner gewesen. Aber wir müssen einfach aus unseren Möglichkeiten das Beste machen und aus den begabten Spielern, die wir zur Verfügung haben, ein echtes Team formen."
Der U-17-Coach, der seine Mannschaft als erstes malawisches Team zu einer FIFA-Endrunde geführt hat, bringt viel Erfahrung mit, hat er doch zuvor sowohl das A-Nationalteam als auch die U-20-Auswahl Malawis betreut.
"Für meine Spieler ist es ein großer Vorteil, dass ich nicht nur im Nachwuchsbereich tätig war", glaubt Kaputa. "Mein Coaching ist dadurch besser geworden, und es macht mir viel Freude, mit den Junioren zu arbeiten."
Für das Turnier in Nigeria wollen sowohl der Trainer als auch sein Verbandspräsident die Ziele nicht allzu hoch stecken. "Das Überstehen der Gruppenphase wäre bereits ein toller Erfolg", meint Kaputa. "Das wichtigste Spiel ist unsere Auftaktpartie gegen die Emirate. Wenn uns da ein positives Resultat gelingt, ist vieles möglich. Wir freuen uns darauf, im Konzert der Großen mitzuspielen, aber bis es losgeht, bleibt noch einiges zu tun. Wir müssen konzentriert bleiben und dafür sorgen, dass wir am Tag X bereit sind."
Nyamilandus größter Wunsch ist es, der Welt zu beweisen, dass auch ein armes Land große Talente hervorbringen kann: "Es mag uns an finanziellen Mitteln fehlen, aber in Bezug auf die Leidenschaft für den Fussball können wir uns mit jedem anderen Land messen. Die erstmalige Teilnahme an einer FIFA-Endrunde ist ein Meilenstein für den malawischen Fussball. Für unsere jungen Spieler wird es in Nigeria nicht leicht werden, aber ich bin überzeugt, dass sie um jeden Ball kämpfen und Ehre für unser Land einlegen werden."

