Wäre der rechte Fuß von Deyna Castellanos irgendein unbelebtes Objekt, so wäre er möglicherweise schon in einem Museum ausgestellt worden. Stattdessen baut die 17-Jährige Venezolanerin damit weiter ihren Ruf als Ausnahmestürmerin aus.

Heute traf sie gegen Kamerun gleich zwei Mal mit diesem Fuß, mit dem sie schon in der Vergangenheit in anderen Altersklassen viele Tore erzielt hat. Dank dieser Treffer feierte Venezuela seinen ersten Sieg bei der FIFA U-17-Frauen-WM in Jordanien.

"Ich kann nicht sagen, wie viel dieses Tor nun wert ist, doch ich weiß, dass es die riesige Freude verursacht hat, die wir alle derzeit empfinden", so Castellanos mit einem breiten Grinsen im Gesicht gegenüber FIFA.com, nur wenige Minuten nach ihrem unglaublichen Siegtor im zweiten Gruppenspiel der Vinotinto. "Dieser Treffer hat uns den Sieg geschenkt. Das war natürlich das wichtigste. Aber er hat uns auch unendlich viel Freude gemacht und das ist einfach unbezahlbar.

Wer die beiden Tore Venezuelas in Amman noch nicht gesehen hat, kann sie sich nun auf FIFA.com ansehen. Dazu sollte man sich allerdings besser hinsetzen. Schon das erste Tor, ein perfekt getretener Freistoß, ist durchaus einen zweiten Blick wert. Doch der absolute Höhepunkt der Partie war natürlich der Siegtreffer durch Castellanos in den allerletzten Sekunden der Partie, nur wenige Augenblicke nachdem Kamerun in der dritten Minute der Nachspielzeit durch einen frechen Hackentreffer von Alexandra Takounda den Ausgleich erzielt hatte.

Kein Einzelfall
"Ich habe nicht einfach nur draufgehalten und das Beste gehofft, ehrlich nicht", so die Live-Your-Goals-Spielerin der Partie selbstbewusst. "Ich hatte mir das ganz genau so vorgestellt als ich sah, dass die Torhüterin ein keines bisschen zu weit vor der Linie stand. Meine Mitspielerin Nohelis Coronel war gerade erst eingewechselt worden und fragte mich, wohin ich den Ball beim Anstoß haben wollte. Ich habe es ihr gezeigt und sie hat ihn genau so gespielt, wo ich ihn brauchte. Als ich nach dem Schuss sah, dass die Richtung stimmte, war ich auch sicher, dass er reingehen würde."

Castellanos Instinkt war indes nicht der einzige Faktor, der diese außergewöhnliche Aktion beeinflusste. Natürlich spielte auch der Entschluss des venezolanischen Trainers Kenneth Zsemereta eine Rolle, unmittelbar nach dem Ausgleich für Kamerun als letzte Einwechselspielerin noch Coronel zu bringen. Es gab noch einen dritten Faktor, berichtet Castellanos, die bereits einige Einsätze in der A-Nationalmannschaft absolviert hat.

"Die Erfahrung, die wir alle im Laufe der Jahre in der Nationalmannschaft gesammelt haben, hilft in solchen Situationen enorm und gibt uns die Courage, solche Sachen zu versuchen. Es wirkt wie ein großes Wunder, doch eigentlich ist es auch das Resultat von viel harter Arbeit."

Die meisten Fussballer würden sicher zustimmen, dass ein solches Tor in der Karriere eine eher einmalige Sache ist. Doch Castellanos hat sozusagen eine Gewohnheit daraus gemacht, Tore aus dem Mittelkreis zu schießen. "Als ich noch klein war, habe ich öfter solche Tore geschossen. Kürzlich ist es mir schon einmal in der venezolanischen Nationalmannschaft gelungen, und auch in meinem College-Team in den USA", so die Stürmerin der Florida State University.

"Dieses Tor war keineswegs ein Glücksfall", bestätigt denn auch Trainer Zsemereta. "Sie übt diesen Schuss regelmäßig und arbeitet daran, ihn zu verfeinern."

Ein entscheidendes Tor
Doch es gibt einen großen Unterschied zwischen den früheren Treffern und diesem hier, in der 94. Minute eines WM-Spiels, unmittelbar nachdem der Gegner mit dem Ausgleichstreffer scheinbar die eigenen Pläne durchkreuzt hatte. "Ein Spiel ist erst vorbei, wenn der Schlusspfiff ertönt ist", zitiert sie eine fussballerische Binsenwahrheit. "Nach dem Tor Kameruns gab es noch keinen Schlusspfiff. Also haben wir uns gesagt: 'Warum eigentlich nicht? Das machen wir jetzt!' "

Letztlich brachte diese kühne Aktion den Südamerikanerinnen den Sieg ein. Der sensationelle Treffer gehört schon jetzt zu den Anwärtern auf das Tor des Turniers oder sogar auf den FIFA Puskás-Preis für das Tor des Jahres. "Eigentlich ist das nicht das schönste Tor meiner Karriere", so die Spielerin, die 2014 in Costa Rica den Goldenen Schuh von adidas gewonnen hatte. "Aber das wichtigste könnte es wohl sein. Nein, das stimmt nicht, denn das beste und wichtigste Tor ist dasjenige, das ich im Finale schießen werde!"

Das würde den Wert dieses magischen rechten Fußes noch einmal steigen lassen. Aber in einem Museum ist die Trophäe der WM besser aufgehoben als dieser Fuß, der wahrscheinlich noch viele Tore schießen wird.