Wenn die Brasilianerinnen das Spielfeld betreten, ist in aller Regel ein unterhaltsames Spektakel vorprogrammiert. Und zwar nicht nur, weil Brasiliens durchschlagkräftige Angreiferinnen praktisch immer für ein oder mehrere Tore gut sind, sondern weil die Canarinhas bei dieser FIFA U-20-Frauen-Weltmeisterschaft auch jeden Einwurf, den sie zugesprochen bekommen, mit einer technischen Einlage regelrecht zelebrieren.
Mehr noch: Jedes Mal, wenn sich Leah den Ball greift, um einen Einwurf auszuführen, springen die Fans von ihren Sitzplätzen auf, um ja nichts von dem spektakulären Salto zu verpassen, den die Brasilianerin in Verbindung mit dem Einwurf an der Seitenlinie zeigt. "Das ist kein Trick für die Galerie, sondern vielmehr eine höchst effiziente Technik, die uns schon zu manchem Tor verholfen hat. Denn dadurch gewinnt der Ball wesentlich an Fahrt, fast wie bei einem Eckball, so dass von der jeweiligen Angriffsaktion eine erhöhte Torgefahr ausgeht. Das hängt natürlich auch mit den herausragenden Fähigkeiten unserer Spielerinnen bei hohen Bällen zusammen", so Leah im Exklusiv-Gespräch mit FIFA.com.
Sie versichert, dass sie bei dieser Salto-Einlage bisher noch nie ins Straucheln gekommen sei. Andererseits habe sich auch noch keine ihrer Mitspielerinnen daran versucht. "Es ist schon ein bisschen riskant", räumt sie ein.
Zwischen Nord- und Lateinamerika
Die noch kurze Lebensgeschichte der brasilianischen Abwehrspielerin, die durch ihren Vater bereits als Kind zum Fussball fand, ist indes nicht nur wegen ihres Saltos von besonderem Interesse. Leah Lynn Gabriela Fortune ist alles andere als ein typisch brasilianischer Name. Gleiches trifft auf ihr Aussehen zu, denn Brasilianerinnen haben normalerweise keine blonden Haare und tiefblaue Augen.
Die 17-jährige Außenverteidigerin wurde in São Paulo geboren. Als sie zwei Jahre alt war, zogen ihre Eltern mit ihr nach Chicago, wo sie mit ihrer Familie auch heute noch lebt. Ihre Eltern sind U.S.-amerikanische Staatsbürger, die in Brasilien aufwuchsen, weil sich dort einst ihre Großeltern als Missionare niedergelassen hatten.
Vor anderthalb Jahren wurde Brasiliens U-20-Auswahltrainer auf die technisch begabte Jugendliche aufmerksam und lud sie zu einem Probetraining ein. "Als ich den Anruf von der brasilianischen Auswahl bekam, war mir sofort klar, dass ich mir diese Gelegenheit nicht entgehen lassen durfte. Diese Mädchen sind einfach toll, denn sie widmen sich dem Fussball mit einer Leidenschaft, wie ich sie in den USA nie erlebt habe. Es ist unglaublich, wie sie den Fussball förmlich verinnerlichen", erklärt uns Leah sichtlich bewegt.
Und welche Nationalhymne wird sie vor einer möglichen Begegnung zwischen Brasilien und den USA anstimmen, wollen wir von ihr wissen. Leah gerät ins Stottern und antwortet vorsichtig: "Ich weiß es nicht, aber ergreifend und interessant wäre es schon... Fragen Sie mich das am besten nach der Partie, falls es tatsächlich dazu kommen sollte!" Auch für ihre Mitschüler am Gymnasium, die von Chicago aus jeden ihrer Auftritte in Chile 2008 im Fernsehen verfolgen, wäre es keine leichte Situation.
Beharrliches Lernen
Die Berufung in die brasilianische U-20-Frauen-Auswahl war für sie eine große Herausforderung, und das nicht nur in sportlicher, sondern auch in persönlicher Hinsicht. Während ihre Eltern die portugiesische Sprache perfekt beherrschen, konnte sich Leah anfangs nur mit ein paar wenigen Sätzen verständigen. Doch ihre Mitspielerinnen erwiesen sich als ideale Sprachlehrerinnen. "Ich habe ja nie Portugiesisch gesprochen, folglich waren die ersten Trainingseinheiten nicht ganz einfach. Doch letzten Endes ist der Fussball eine universelle Sprache, die alle verstehen. Außerdem wurde ich von der Mannschaft so herzlich aufgenommen, dass die Sprache eigentlich nie ein Problem war. Und heute spreche ich sie auch schon viel besser", freut sich die bekennende Verehrerin von Kaká.
Allerdings tut sich Leah im brasilianischen Team nicht nur wegen ihrer spektakulären Einwürfe hervor, sondern sie ist vor allem auch eine solide Verteidigerin, die über den linken Flügel häufig mit nach vorn geht. "Ich habe vorher stärker in der Offensive gespielt, so dass ich mich erst an die neue Position gewöhnen musste. Dennoch bleibt mir auch in diesem System genügend Freiheit, das Offensivspiel zu unterstützen. Der Trainer setzt mich dort ein, wo es für mich und die Mannschaft den größten Nutzen bringt."
Im Übrigen hat Leah für ihren Coach nur lobende Worte parat. "Er versteht es glänzend, die Taktik unserer Gegner zu analysieren und daraus die richtigen Schlussfolgerungen für ein erfolgreiches Spiel gegen diese Rivalen zu ziehen." Und was seine eigenen Spielerinnen anbelangt, so ist er selbst deren größter Fan. "Wir haben weder eine Marta noch eine Cristiane im Team, doch unserer Generation gehört die Zukunft. Das sind alles großartige Spielerinnen, die einmal in die Fußstapfen von Marta treten können."
"Auf dem Platz herrscht zwischen uns eine ganz besondere Chemie. Gute Voraussetzungen also, um bei diesem Turnier zu beweisen, dass wir durchaus das Zeug zum Gewinn des WM-Titels haben", so Leahs abschließende Prognose.
