Wer eine Reise nach Chile plant und dafür einen Reiseführer über das Andenland zu Rate zieht, wird in den meisten Fällen einen Besuch der Städte Santiago, Viña del Mar und Valparaíso sowie einen Abstecher zur Osterinsel im Visier haben. Unsere heutige Route führt indes nach Temuco, einem der Austragungsorte der FIFA U-20-Frauen-Weltmeisterschaft Chile 2008. Denn am Mittwoch wird die Hauptstadt der Region Araucanía im absoluten Mittelpunkt dieses WM-Turniers stehen. Und zwar nicht vordergründig deshalb, weil die Chinesinnen als amtierende Vize-Weltmeisterinnen im dortigen Estadio Germán Becker gegen die USA um den Einzug ins Viertelfinale spielen, sondern weil sich das gastgebende Team der Rojitas in der zweiten Partie des Tages von seinem begeisterten Publikum aus dem Turnier verabschieden wird.
"Auf diesem Stückchen Erde, dem Wilden Westen meines Heimatlandes, bin ich aufgewachsen. Hier habe ich die Liebe zur Poesie entdeckt und den Regen schätzen gelernt..." Mit diesen Worten beschrieb Pablo Neruda einst Temuco, die rund 670 Kilometer südlich der Hauptstadt Santiago gelegene Stadt mit heute 250.000 Einwohnern, von denen die überwiegende Mehrheit den indigenen Mapuches angehört. Es ist die Stadt, in der Chiles berühmtester Dichter und Schriftsteller seine Kindheits- und Jugendjahre verbrachte und der er sogar ein Buch mit dem Titel "Notizen aus Temuco" widmete.
In diesen Tagen ist es indes nicht die literarische Hinterlassenschaft des chilenischen Volksdichters, sondern vielmehr das Thema Fussball, das ganz Temuco angesteckt zu haben scheint. Schließlich kommen Las Rojitas in die Geburtsstadt von El Matador Marcelo Salas, dem erfolgreichsten Torjäger aller Zeiten der chilenischen Fussball-Nationalmannschaft. Und die jungen Chileninnen, die von der Spanierin Marta Tejedor trainiert werden, wollen sich bei dieser Gelegenheit auf ihre ganz spezielle Art und Weise bedanken. Und zwar nicht nur bei der Stadt Temuco und ihren Bewohnern, weil dort der prominenteste Fussballer Chiles das Licht der Welt erblickte, sondern auch und vor allem beim gesamten chilenischen Volk, das ihnen sowohl während der einjährigen und intensiven Vorbereitung auf dieses WM-Turnier als auch in den beiden ersten Gruppenspielen gegen England (0:2) und Neuseeland (3:4) seine uneingeschränkte Unterstützung zuteil werden ließ.
"Wir müssen weiterhin überlegt spielen und dabei auf die Unterstützung seitens unserer Zuschauer bauen. Unseren Fans gegenüber sind wir schon jetzt zu ewigem Dank verpflichtet, denn sie haben uns nie abgeschrieben. Ihnen haben wir es zu verdanken, dass wir uns in beiden Partien recht ordentlich geschlagen haben", gestand Dominique Hisis, Verteidigerin von Colo Colo Santiago, mit sichtlich gerührter Mine.
Derweil konzentriert Marta Tejedor ihre Arbeit darauf, ihre Schützlinge nach dem Aus bei "ihrem" Turnier, das diese trotz ihres kämpferischen Aufbegehrens gegen Neuseeland nicht mehr abwenden konnten, moralisch wieder aufzubauen.
Chiles Spielführerin Daniela Pardo hofft dennoch, sich mit einem Sieg von den treuen Fans verabschieden zu können. "Wir trainieren und spielen erst zwei Jahre als Mannschaft zusammen. Daher müssen wir noch härter an uns arbeiten, um endlich auch bessere Ergebnisse zu erzielen. Hoffentlich gelingt uns das bereits gegen Nigeria. Damit würden wir den Zuschauern und uns selbst eine große Freude bereiten", so die Mittelfeldspielerin.
Natürlich wusste ihre Mannschaft, dass es schwer werden würde, die Vorrunde zu überstehen. Dies umso mehr, da sie es mit Gegnern zu tun bekam, die in der FIFA-Weltrangliste der Frauen vor Chile rangieren. Doch ihre Leistung in der Auftaktpartie gegen England und auch die in der zweiten Halbzeit gegen Neuseeland ließen durchaus Optimismus aufkommen, zumal sie streckenweise einen beeindruckenden Mut bewies und sich dabei auch mehrere Torchancen erarbeitete. Auch gegen Nigeria wird es alles andere als leicht werden, denn die Afrikanerinnen sind dem einheimischen Team in physischer und technischer Hinsicht zweifellos überlegen und wollen ihrerseits unbedingt die nächste Runde erreichen.
Während die chilenischen Spielerinnen noch fleißig ihre Trainingseinheiten absolvieren, um sich erhobenen Hauptes aus dem Turnier zu verabschieden, bereitet sich Temuco schon auf einen herzlichen Empfang der Mannschaft vor. An den Ticketschaltern vor dem Stadion stehen die Fans inzwischen Schlange. Schließlich will niemand den Auftritt ihrer Rojitas bei einer Weltmeisterschaft versäumen. Demnach ist zu erwarten, dass am Mittwochabend, 19:00 Uhr Ortszeit, wenn die jungen Chileninnen voller Stolz und im Chor mit 18.000 Zuschauern ihre Nationalhymne anstimmen werden, im Estadio Germán Becker kein Platz leer bleiben wird.
