Ein Punkt aus zwei Partien - so liest sich die magere Bilanz der Franzosen bei der für sie bislang gründlich missratenen FIFA U-17-Weltmeisterschaft Korea 2007. Sicher, noch ist nichts verloren für die Mannschaft. Ein Sieg gegen Japan im letzten Spiel der Gruppe D würde ihr fast sicher den Einzug ins Achtelfinale bescheren. Was Trainer François Blaquart indes weit mehr beunruhigt als die schlechten Ergebnisse, ist die Tatsache, dass seine Spieler bislang nicht ihr Potenzial abrufen konnten.

So gab es zum Auftakt gegen Nigeria eine 1:2-Niederlage, obwohl die Statistiker die Franzosen in allen Belangen (Torchancen, Ballbesitz) überlegen gesehen hatten. Doch zwei Konzentrationsfehler machten alle Bemühungen der ambitionierten Spieler zunichte. "Nach so einem Spiel, in dem das Ergebnis im krassen Widerspruch zum Spielverlauf steht, kann man nur enttäuscht sein", lautete entsprechend ein erstes Fazit des französischen Trainers gegenüber FIFA.com. "Die Jungs haben heute Fehler gemacht. Sie sind schließlich auch nur Menschen, da kann das schon mal vorkommen. Beim ersten Gegentor hätten wir nicht versuchen dürfen, den Ball zu halten oder gleich den nächsten Angriff einzuleiten. Da hätten wir schlicht und einfach gleich zur Ecke oder zum Einwurf klären müssen."

Was passiert, wenn man das nicht tut, zeigte sich im Spiel prompt: Der nigerianische Stürmer Macauley Chrisantus schaltete nach dem von Torhüter Joris Delle nur abgeklatschten Ball schneller als die französische Hintermannschaft und staubte ab. "Wir haben danach versucht, zum Ausgleich zu kommen, statt dessen aber einen weiteren Fehler gemacht", so Blaquart weiter. "Statt uns zu befreien, haben wir das zweite Tor just in einer Phase kassiert, da wir das Spiel unter Kontrolle hatten. Solche Fehler dürfen uns in den nächsten Spielen nicht mehr unterlaufen."

Albtraum Haiti
In der Anfangsphase des zweiten Gruppenspiels gegen Haiti schienen des Trainers Worte auch noch auf fruchtbaren Boden gefallen zu sein. Haushoch überlegen waren die Franzosen da noch und ihre Führung durch Damien Le Tallec in der 13. Minute hoch verdient. Aber von "fruchtbar" zu "furchtbar" ist es eben nur ein Buchstabendreher, und so hob sich denn der Vorhang für den zweiten Akt des französischen Albtraums. Denn wer vorne die Tore trotz bester Chancen nicht macht, wird hinten bekanntlich oft bestraft. Zu des Trainers großem Missfallen war es erneut einer dieser vermeintlichen Flüchtigkeitsfehler mit fatalen Folgen: Die französische Innenverteidigung ließ Valdo Normil entwischen, und ihr Schlussmann wusste sich anschließend nur noch mit einem Foul im Strafraum zu helfen. Delle hatte im Anschluss gleich doppelt die Gelegenheit, seinen Patzer wieder gut zu machen, weil die haitianischen Spieler beim ersten Schuss zu früh in den Strafraum gelaufen waren, aber Peterson Desrivieres zeigte keine Nerven und verwandelte auch den zweiten Strafstoß.

Und ein Unglück kommt bekanntlich selten allein. Nur Minuten nach Wiederbeginn schaffte es Verteidiger Badis Lebbihi, binnen kürzester Zeit zwei Verwarnungen zu kassieren, womit er sich für eine vorzeitige Dusche qualifizierte. Die Aufregung darüber hatte sich noch nicht gelegt, als Henri Saivet und Emmanuel Rivière im Abstand von zehn Sekunden Querlatte und Pfosten trafen. Spätestens da kam die Frage auf, ob das allein mit Pech zu erklären war. Das Tüpfelchen auf dem i an einem Tag, den man den Franzosen offensichtlich gebraucht angedreht hatte, war jedoch der Elfmeter in der 89. Minute. Als vorbildlicher Kapitän schnappte sich Said Mehamha das Leder, um die Seinen tunlichst zum Sieg zu schießen - und jagte den Ball in die Wolken!

Das durchlittene Martyrium der 90 Minuten sah man hernach Spielern wie Trainer gleichermaßen an. "Wenn man sich wieder zusammenrauft, einen Platzverweis kassiert, danach zwei Mal nur das Aluminium trifft und schließlich noch einen Elfmeter vergibt, dann sind das reichlich Tiefschläge für alle Beteiligten. Tiefschläge, von denen wir uns heute leider nicht mehr erholt haben." Gefragt, ob er enttäuscht oder sauer sei auf seine Spieler, sprudelt es aus dem Ex-Trainer von Nantes, Saint-Etienne und Sochaux nur so heraus: "Ich bin sogar stinksauer! Gegen die einzelnen Aktionen in ihrer Art und Fülle lässt sich nichts sagen; das kann in jedem Spiel passieren. Was mich rasend macht, ist die mangelhafte Einstellung."

"Potenzial abrufen"
Jetzt sollen es die Routinierteren im Kader richten. Mit dem Pariser Mamadou Sakho, Yann Mvila und Le Tallec aus Rennes und dem Lyoner Mehamha wird der erfahrene Trainer wohl versuchen, mehr Abgeklärtheit und Ruhe ins französische Spiel zu bekommen. "Hinsichtlich ihres Könnens mache ich mir überhaupt keine Sorgen. Ich weiß, dass sie die Qualitäten haben, so ein Spiel zu gewinnen. Die Schwierigkeit besteht allein darin, sie in die Lage zu versetzen, ihr Potenzial auch abzurufen. Ich glaube, die Jungs sind noch zu nett. Ich habe das Glück, einen Kader von 20 Spielern mit gutem Niveau zu haben. Aber es ist keiner dabei, der herausragt. Und das könnte sich letztlich als Manko erweisen."

Aber Blaquart weiß nicht nur um die Defizite in seiner Mannschaft, er weiß auch, was es dagegen zu tun gilt. "Zunächst mal hoffe ich, das wir endlich mal wieder Glück haben! Wir hätten auch die ersten beiden Begegnungen gewinnen können, stehen aber mit nur einem Punkt da. Das kenne ich schon von der Europameisterschaft. Auch da sind wir mit einem Unentschieden und einer Niederlage aus drei Spielen noch weiter gekommen. Die Situation jetzt ist auch nicht anders." Mit Blick auf die Stimmung im Kader appelliert der ehemalige Assistent von Jacques Santini an die moralischen Qualitäten seiner Truppe. "Wir haben keine Wahl mehr: Es zählt nur noch der Sieg. Wir haben ab jetzt nur noch Endspiele."

Frankreichs Gegner vom Samstag ist immerhin nicht der große Unbekannte. "Japan ist ein gefährlicher Gegner, aber unsere Kragenweite", schätzt Blaquart. "Die japanische Spielweise kennen wir gut. Das liegt zum einen daran, dass die Japaner bei der Trainingsarbeit viel nach Frankreich schielen, und zum anderen daran, dass sie einen Fussball praktizieren, der unserem ähnlich ist." Wie also lautet nun des Trainers Erfolgskonzept für das entscheidende Spiel? "Sich nicht auf die gegnerischen Schwächen sondern auf die eigenen Stärken konzentrieren!"

Gut beraten wären Frankreichs Nachwuchskicker damit allemal. Andernfalls hätte François Blaquart seinen Spielern anschließend sicher einiges zu sagen. Genug Zeit dazu allerdings auch. Schließlich ist der Rückflug von Korea nach Paris lang.