Vor 20 Jahren gewann José Touré mit der französischen Olympiaauswahl die Goldmedaille im Olympischen Fussballturnier. Der "französische Brasilianer", wie ihn seine Fans nannten, war damals das Nachwuchstalent schlechthin im französischen Fussball. Leider wurde seine außergewöhnliche Karriere immer wieder durch schwere Verletzungen unterbrochen. Der heute 43-jährige ehemalige Angreifer, der in seiner aktiven Zeit für den FC Nantes und Girondins Bordeaux spielte, sprach mit FIFA.com über seine Teilnahme an den Olympischen Spielen und über das Olympische Fussballturnier Athen 2004.

José, wie ist Ihre Meinung zum Olympischen Fussballturnier Athen 2004?
Die Stärke der argentinischen Olympiaauswahl lag zweifellos in ihrem Mannschaftsgeist, ihrer Geschlossenheit und ihrem Professionalismus begründet. Sicher, nicht alle Mannschaften waren mit ihrem besten Spielerkader angereist, aber allein die Tatsache, dass man damit jungen Spielern eine Chance gibt, zahlt sich am Ende schon aus. Im Fussball von minderwertigen Mannschaften zu sprechen, käme einem Selbstbetrug gleich.

Südamerika stellte beide Finalteilnehmer. Überhaupt ist der südamerikanische Kontinent in den Nachwuchskategorien außerordentlich erfolgreich. Wie kommt das?
Für mich ist das nicht überraschend. In Südamerika spielt der Fussball eine allgegenwärtige Rolle und hilft über vieles hinweg. Die Begeisterung für den Fussball ist überall spürbar und besonders die Kinder und Jugendlichen leben diese Begeisterung sehr intensiv aus, denn es ist auch ihre Hoffnung auf ein besseres Leben. In Europa sind die Kinder mehr verwöhnt. Wenn sie Fussball spielen, haben sie schon lange keinen leeren Magen mehr. Auch werden sie oft zu schnell mit Lorbeeren überschüttet. Ein Fussballplatz ist nichts anderes als ein Teil des gesellschaftlichen Lebens. Es gibt die Guten und die Bösen, und es gibt einerseits Gewalt und andererseits Freigiebigkeit. Dieser Sport bewahrt seine Popularität, weil er überall betrieben werden kann. Dazu kommt, dass er hervorragende Möglichkeiten bietet, bestimmte Verantwortlichkeiten aufzuteilen.

Auf der anderen Seite ist in Afrika, wo traditionell eine gute Nachwuchsarbeit geleistet wurde, ein Abwärtstrend in diesem Bereich zu verzeichnen. Wie erklären Sie sich das?
Afrika offenbart hier in der Tat einige Defizite. Aber dieser Kontinent war schon immer ziemlich anfällig. Dort ist eine gründliche Arbeit erforderlich. Die Verantwortung liegt bei den afrikanischen Verbandsfunktionären. Und dann gibt es noch viele afrikanische Top-Spieler bei den großen europäischen Klubs. Auch sie müssen durch ihre Vorbildwirkung einen Beitrag leisten. Auf dem Gebiet der Infrastruktur sind enorme Anstrengungen erforderlich. Hier müssen alle an einem Strang ziehen. Dabei sollte man nicht dem Fehler verfallen, den Vergleich mit dem europäischen Fussball zu suchen. Stattdessen sollte man bescheiden bleiben und die Verantwortlichkeiten neu definieren, um so den afrikanischen Fussball als solchen weiter zu entwickeln.

Sie haben vor 20 Jahren mit der französischen Olympiaauswahl das Olympische Fussballturnier in Los Angeles gewonnen. Welche Erinnerungen sind für Sie damit verknüpft?
Bei den Olympischen Spielen 1984 hatten wir ein bisschen das Gefühl, als "Söldner" anzureisen, denn wir waren damals die ersten Profis, die ein Olympisches Fussballturnier spielen durften. Wir wurden auch nicht gerade begeistert aufgenommen. Das war schon ein wenig abenteuerlich. Wegen einer Verletzung hatte ich die damals in Frankreich ausgetragene Europameisterschaft nicht spielen können. Henri Michel hatte mir gesagt, dass er für die Olympischen Spiele mit mir rechnet, wenn ich mich rasch von der Verletzung erholen würde. Und als ich dann in das Flugzeug nach Los Angeles stieg, hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, ein echter Athlet zu sein. Denn die Olympischen Spiele sind etwas ganz Außergewöhnliches und Universelles, das weit über den Fussball hinausreicht. Und dazu noch in Los Angeles, einer Stadt mit einer wunderbaren Umgebung. Wir wollten ein gutes Turnier spielen. Unsere Mannschaft war in einer bemerkenswerten Form. Auch in der Qualifikation waren wir sehr erfolgreich gewesen.

Der Fussball nahm bei den Olympischen Spielen stets einen besonderen Platz ein. Haben sie damals etwas davon gespürt?
Es hatte schon etwas eigenartig begonnen, zumal die Vorrunde an der Ostküste der USA ausgespielt wurde. Zum Viertelfinale waren wir dann schon im Olympischen Dorf untergebracht, zusammen mit dem französischen Basketball-Team. Natürlich habe ich mich auch mit anderen Sportlern getroffen und bei anderen Sportarten zugesehen. Das war für mich auch eine zusätzliche Motivation. Denn es war klar, dass wir bei einem Einzug ins Viertelfinale auch nach Los Angeles kommen würden. Solange wir noch in Minneapolis, einer Stadt im Norden der USA waren, wollte die eigentliche Olympia-Stimmung noch nicht so richtig aufkommen.

Die Übergabe der Goldmedaille muss ein großartiger Augenblick gewesen sein …
Da ich ihn damals schon ein bisschen kannte, hatte ich mir gewünscht, Joseph S. Blatter würde mir die Goldmedaille persönlich umhängen. Aber João Havelange war damals FIFA-Präsident und eine Goldmedaille überreicht zu bekommen, hatte schon etwas Magisches an sich. Im Pasadena-Stadion waren 100.000 Zuschauer, und die "La-Ola"-Welle war noch etwas Neues und Aufregendes. Wir feierten auf "brasilianische" Art. Und dennoch, der bewegendste Moment war der, als wir unsere Medaillen mit all dem, was diese bedeuten, überreicht bekamen. Aber das realisiert man erst später.

Wie wurde Ihr Olympiasieg danach in Frankreich gefeiert?
In den Medien wurde damals über den Olympiasieg relativ nüchtern berichtet. Wir wurden bei unserer Rückkehr nicht zu Mitgliedern der Ehrenlegion ernannt. Ich glaube nicht, dass wir wie Helden empfangen wurden. Meine Mutter war überglücklich und meine Freunde waren es auch. Und dann wurde man schnell wieder vom Alltag eingeholt. Irgendwie waren die Olympischen Spiele somit für mich so etwas wie ein langer Urlaub, den wir bis zum Ende ausgekostet haben!