Vom 17. bis 27. Juli kämpfen im französischen Marseille 16 Mannschaften um den Titel bei der FIFA Beach-Soccer-Weltmeisterschaft 2008. Mit dabei auch das Team aus El Salvador - eine Truppe von Berufsfischern.
La Pirraya erlebte an diesem Samstag ein rauschendes Hochzeitsfest. Der Strom der Besucher, die von der Anlegestelle in Puerto Parada pausenlos in rund 20 Minuten zur Insel gebracht wurden, wollte nicht abreißen. Sie alle - ob von der idyllischen Insel San Sebastián, der Bucht von Jiquilisco, aus Rancho Viejo, Costa del Sol, Chirilagua oder California - wollten dem Brautpaar die Ehre erweisen, auch wenn viele die beiden nur vom Hörensagen kannten. Ihnen genügte der Name Agustín Ruiz. Um nichts in der Welt wollten sie es verpassen, wenn der Torjäger des Beach-Soccer-Nationalteams, einer der Helden von Puerto Vallarta und einer der Fischer, die El Salvador zur WM schossen, seiner Idalia das Jawort gibt.
Die Geschichte ließt sich wie ein modernes Fussballmärchen, das La Pirraya inzwischen die größte Dichte an Spitzenfussballern eingebracht hat: Fünf der zwölf aktuellen Nationalspieler stammen von der Insel.
Alles begann 2004, als Israel Cruz, Sprecher des salvadorianischen Fussballverbands (FESFUT), die Insel zu einem Schwerpunktgebiet der nationalen Fussballförderung machte. Cruz versprach sich viel von La Pirraya sowie den Inseln Rancho Viejo und San Sebastián und reiste deshalb bis zu dreimal wöchentlich in die Region. Über 100 Mal pro Jahr fuhr er durch die Mangrovensümpfe, um den Fussball hier in Schwung zu bringen.
"Hier wird bis zum Letzten gekämpft. Gespielt wird aus purer Leidenschaft, und dennoch will niemand verlieren. Cool bleiben, lautet deshalb die Devise. Wer die Fassung verliert, hat schon verloren und darf deshalb nicht mitspielen", beschreibt Medardo Lobos, Verteidiger des Nationalteams, die simple Spielkultur des Teams, die viel über den Charakter der Insulaner verrät.
Fischer durch und durch
Dank dem unermüdlichen Einsatz von Cruz verfügte schon bald jede Insel über richtige Turniere und Meisterschaften, bei denen die "Besten der Besten" aufeinandertrafen. "Wenn man den Lebensstandard der Menschen betrachtet, muss man sagen, dass unser Konzept mit Schulen, Strand-, Vater-Kind- und Frauenfussball eigentlich auch ein Sozialprojekt war. Nächster Schritt war die Gründung der Beach-Soccer-Mannschaft von Usulután", erklärte Cruz im Mai 2006 in einem Interview.
Für ein Einladungsturnier in Costa Rica stellte Cruz im Frühjahr 2006 schließlich auch eine nationale Auswahl zusammen. Obwohl ihn der FESFUT gebeten hatte, Spielern aus der ersten und zweiten Division den Vorzug zu geben, vertraute er mehrheitlich auf Kicker, die ihm bei den unzähligen Amateurturnieren aufgefallen waren, die er in den letzten Jahren organisiert hatte. Er schätzte insbesondere ihre ausgezeichnete körperliche Verfassung. Hinter den Muskelpaketen und den traumhaften Fettwerten, die nur bei zwei Spielern über 10 Prozent lagen, steckte nicht etwa intensives Training, sondern die Knochenarbeit als Berufsfischer.
Alles war bereit für den großen Auftritt - bis das liebe Geld Cruz und seinem Team einen Strich durch die Rechnung machte. Die Reise nach Costa Rica musste abgeblasen werden, womit das Nationalteam - vorerst - gestorben war.
Im Juni 2007 wurde das Team wiederbelebt. Erklärtes Ziel war die Teilnahme an der CONCACAF-Ausscheidung für die FIFA Beach-Soccer-Weltmeisterschaft. Mit der Teambetreuung wurde wiederum Cruz beauftragt, der erneut auf die Fischer von La Pirraya setzte. Diesmal stand El Salvadors Beach-Soccer-Premiere nichts im Weg. In Acapulco feierte das Team sein viel beachtetes Debüt, das mit drei knappen Niederlagen (5:9 gegen die USA, 4:6 gegen Mexiko und 3:4 gegen Costa Rica) für die Zukunft so einiges versprach.
"Uns fehlte die Erfahrung, da wir zuvor noch nie ein Länderspiel bestritten hatten. Dennoch war der Abstand zu den anderen Teams, die schon seit Jahren auf diesem Niveau spielten, nicht allzu groß. Wir wurden mit jedem Spiel besser", bilanzierte Cruz die Leistung seines Teams.
Der Auftritt der Salvadorianer hatte auch die Konkurrenz beeindruckt und wurde im September 2007 mit einem glanzvollen Auftritt bei einem Einladungsturnier des Fussballverbandes von Costa Rica belohnt. Dieser brachte den Senkrechtstartern nicht nur den ersten Sieg auf internationalem Parkett, sondern auch einen neuen Star: Stürmer Agustín Ruiz.
Ruiz war ein Mann der ersten Stunde, fehlte dann aber beim Qualifikationsturnier in Acapulco. Nun war er zurück - und wie. Mit seinen Toren hatte er sich im Nu in die Herzen der Fans gespielt, die an diesem Samstag hautnah dabei sein wollten, wenn ihr Idol seine Sandkastenliebe heiratete. Und sie wurden nicht enttäuscht. Hier hatten sich zwei gefunden, die gemeinsam durchs Leben gehen wollten - durch dick und dünn. Bester Beweis war das sandige Rechteck, auf dem Agustín während Jahren mindestens einmal pro Woche zwischen zwei verwitterten Toren sein Glück suchte - sein grösster Fan: Idalia.
Wie jedes Paar schmiedeten auch sie lange vor der Hochzeit Zukunftspläne. Fussball kam dabei nur am Rande vor. Das wurde auch mit den Erfolgen des Nationalteams nicht anders. Fussball blieb bestenfalls ein Zusatzverdienst. Von November bis Januar ruhte der Trainings- und Spielbetrieb gar gänzlich, weshalb Ruiz nichts anderes übrig blieb, als seinen Lebensunterhalt wieder als Fischer zu verdienen.
Keine große Nummer
Auch andere Spieler sahen sich in dieser Zeit mit Existenzsorgen konfrontiert, etwa der 17-jährige Stürmer Cipriano Hernández, einer der Besten bei der WM-Qualifikation in Acapulco. Seine Verzweiflung war so groß, dass er seine Heimat Espíritu Santo verlassen und illegal in die USA einreisen wollte.
Im Frühjahr hatte die fussballlose Zeit dann endlich ein Ende. Es begann gleich mit Pauken und Trompeten, als der Verband mit Rudy González einen neuen Trainer präsentierte, der bei der anstehenden WM-Qualifikation in Puerto Vallarta ein ernstes Wörtchen mitreden wollte. Die Spieler waren sogleich Feuer und Flamme, zumal die gleichen drei Gegner wie im Vorjahr warteten. Ebenfalls mit dabei war Hernández, der im Team von González schon bald gesetzt war. Währenddessen kämpften die Spieler landauf, landab um die letzten freien Plätze. Alle wollten mit von der Partie sein, wenn El Salvador allen ein Schnippchen schlagen würde. Die Konkurrenz konnte sich auf einiges gefasst machen, daran ließ González einen Monat vor Qualifikationsbeginn keinen Zweifel: "Wir besitzen reelle Qualifikationschancen. Wir sind solider geworden und in guter Form."
Selbstbewusst gaben sich auch die Spieler, allen voran Stammtorhüter Luis Rodas, der einzige Spieler aus der Hauptstadt. "Mexiko hat zwar einen überragenden Torwart und auch sonst einige gute Spieler. Deswegen sind sie aber noch lange nicht die große Nummer", meinte der 24-Jährige, der nebenbei in der Pfarrgemeinde Don Rúa tätig ist und schon in Acapulco dabei gewesen war.
Selbst die Neulinge im Team schlugen große Töne an. "Alle sehen uns als Außenseiter, weil wir noch wenig Erfahrung haben. Doch uns muss man auf der Rechnung haben. Wir werden bis zum Umfallen kämpfen", betonte Ronaldinho alias Elías Ramírez, der nur dank einem Mann, den er aus seiner Heimat kannte, überhaupt ins Team gekommen war. "Er wollte ein Team für die zweite Division gründen und nahm mich mit nach San Salvador. Eines Tages kamen einige Beobachter vom FESFUT und wählten mich schließlich für den nationalen Sichtungskader aus." Das war letzten März.
Ramírez intensivierte in der Folge das Training. Dreimal die Woche stand er auf dem Platz, sei es auf La Pirraya, in El Espino oder Costa del Sol.
Sensation
Was folgte, übertraf selbst die kühnsten Erwartungen. Nach dem sensationellen Sieg gegen die USA bezwang El Salvador auch Costa Rica und sicherte sich damit das Ticket für die FIFA Beach-Soccer-Weltmeisterschaft Marseille 2008.
Auf La Pirraya herrschte der Ausnahmezustand. Bis in die frühen Morgenstunden wurden Medardo Lobos, Wilber Hernández, Tomás Antonio Hernández, Agustín Ruiz und Roberto Membreño, die fünf WM-Helden der Insel, gefeiert.
"Das war sensationell und schlicht unfassbar. Wir brachen vor lauter Glück in Tränen aus und brachten bei den Interviews deshalb fast kein Wort heraus", beschreibt der Trainer einen der schönsten Momente in der salvadorianischen Fussballgeschichte, der Luis Rodas, Elías Ramírez und Agustín Ruiz gar ein Angebot von Atlético Balboa, dem Gewinner der Apertura 2007 der zweiten Division, eingebracht hat.
"Selbst als das Team von Firpo Meister wurde, war hier nicht annähernd so viel los", schildert der Verkäufer José Cortez die Szenen, die sich nach dem Triumph auf den Straßen abspielten. Für die Helden von La Pirraya, California und Espíritu Santo, die sich bislang mit dem Fussball einfach die Zeit vertrieben, wenn sie nicht aufs Meer hinausfahren konnten, der vorläufige Höhepunkt eines Fussballmärchens, das noch lange nicht zu Ende ist. Fortsetzung folgt bei der FIFA Beach-Soccer-Weltmeisterschaft am
17. Juli in Frankreich.

