Die FIFA U-20-Frauenfussball-Weltmeisterschaft Russland 2006 sah mit dem packenden Endspiel zwischen der DVR Korea und der VR China einen tollen Schlusspunkt und einen würdigen Sieger. 32 Spiele und 106 Tore gab es während der drei Wochen in Russland. Zeit für eine Analyse des Turniers mit Tatjana Haenni, der Leiterin der Technischen Studiengruppe der FIFA (TSG) sowie Verantwortlichen für Frauenfussball bei der FIFA, und Tina Theune-Meyer, der ehemaligen Bundestrainerin der deutschen Frauenfussball-Nationalmannschaft, die 2003 den WM-Titel gewann und Mitglied der TSG bei der FIFA U-20 Frauenfussball-Weltmeisterschaft Russland 2006 war.

Wie fällt die Bilanz der U 20 WM 2006 aus TSG-Sicht aus? Was war am Auffälligsten?
Tina Theune-Meyer:
Wir haben sehr viele talentierte Spielerinnen gesehen mit besonderen individuellen Fähigkeiten, wie Koreas Hong Myong Gum und Kim Kyong Hwa, oder Chinas Ma Xiaoxu, Brasiliens Fabiana sowie Danesha Adams aus den USA. Es steckt sehr viel Potenzial in den Spielerinnen und wir werden diese früher oder später in den A-Nationalmannschaften wieder sehen. Auch im Trainerstab hat sich viel getan, die Mannschaften hatten viele erfahrene Trainer hier. Es gab zwar nur eine verantwortliche Trainerin, was durchaus ein Kritikpunkt ist, aber die männlichen Trainer waren hoch qualifiziert und haben in ihren Verbänden herausragende Arbeit geleistet.

Tatjana Haenni: Das ganze Umfeld der Teams bei diesem Turnier war sehr professionell. Die Delegationen waren größer, alle hatten Co-Trainer, Torwarttrainer, Medienverantwortliche, Administratoren sowie Ärzte dabei. Man sieht hier also auch von dieser Seite eine Verbesserung. Zu wünschen wäre es, dass die Verbände versuchen, mehr Frauen und ehemalige Spielerinnen in den Stab zu integrieren.

Keine europäische Mannschaft schaffte es unter die letzten Vier. Hängt das mit der kurz davor stattgefundenen UEFA U-19-Europameisterschaft zusammen?
Theune-Meyer:
Das hängt sicherlich damit zusammen. Die Mannschaften, die sich sehr gut vorbereitet haben, wie zum Beispiel China, die USA oder Korea kamen auch am weitesten. Das Potential von Deutschland oder Frankreich wäre zum Beispiel auch da, um unter den letzten vier Mannschaften zu sein. Aber es gab wenig Zeit für diese Teams und wenn dann noch Wettbewerbe wie die U-19-EM dazukommen, dann kann man die Spielerinnen nicht überstrapazieren. Es ist keine optimale Vorbereitung auf einen Wettbewerb, vor allem wenn man den Anspruch hat, auch erfolgreich zu sein. Europa hat sehr gute Ligen, Pokalwettbewerbe sowie internationale Wettbewerbe und verschiedene Nationalmannschaften, was ein Luxusproblem ist. Das haben die Chinesinnen und die Koreanerinnen in dieser Form nicht. Jedoch müsste die Terminplanung verbessert werden und zwar in dem Sinne, dass für alle Teams die Möglichkeit besteht, sich auf das Turnier vorzubereiten.

Mit der DVR Korea und VR China standen zwei asiatische Mannschaften im Finale. Wie beurteilen Sie das?
Haenni:
Ich denke, dass die letzten sechs bis acht Teams auf einem sehr hohen Niveau spielen. Denn nur weil Europa diese Termin-Problematik hat, heißt das ja nicht, dass sie sonst automatisch besser wären. Das kann man so nicht sagen. Aber man sucht natürlich Gründe dafür, warum unter den letzten Vier keine europäische Mannschaft ist. Ich denke, dass sich die Asiaten extrem verbessert haben. Zum einen natürlich, weil sie sich gezielt vorbereitet haben, aber auch weil sie entsprechende Bedingungen in ihrem Land haben. Sie haben genug Vorbereitungsspiele gemacht, Trainingscamps durchgeführt und die Mannschaften zusammen gezogen. Auch Neuseeland ist ein gutes Beispiel. Sie sind zwar nicht ganz vorne mit dabei gewesen, aber sie haben sich gezielt vorbereitet und haben entsprechende Ressourcen im Land frei gestellt.

Theune-Meyer: China und Korea sind taktisch sehr reif. Sie stehen in der Defensive sehr kompakt durch die Zusammenarbeit als Team, haben eine sehr moderne Auffassung. Und alle Spielerinnen verstehen das. Die Mannschaften, die eine sehr organisierte Defensive haben, wie zum Beispiel die USA, China oder Korea, sind auch am Schluss noch dabei. Deutschland hatte zum Beispiel teilweise keine gute Defensive, war ungenügend eingespielt, was die Defensive betrifft. Das gleiche gilt für Nigeria, die nur offensiv gespielt haben und dadurch zwangsläufig Probleme in der Defensive hatten.

 

Welches sind die wichtigsten Unterschiede zwischen den früheren Turnieren in Kanada 2002, Thailand 2004 und Russland 2006? Hatte der Altersunterschied (U20) einen Einfluss auf die Qualität der Spiele?
Haenni:
Interessant ist, dass die Spielerinnen fast gleich alt waren wie bei der U-19-Weltmeisterschaft in Thailand 2004, nämlich 18 Jahre im Schnitt. Die Qualität der Spielerinnen hat sich enorm entwickelt und die Teams sind sehr viel weiter als noch vor zwei Jahren.

Theune-Meyer: Einige Spielerinnen sind reifer und haben schon internationale Erfahrung gesammelt. Sie stehen etwas über den anderen, weil sie selbstbewusster auftreten, reifer im Spiel sind. Das geht schon eher Richtung Frauenmannschaft.

Es gab 106 Tore. Ist das ein Indikator für offensiven Fussball oder eher dafür, dass viele Mannschaften noch nicht das gleiche Niveau haben?
Theune-Meyer:
Man hat bei den hohen Siegen gesehen, dass, wenn eine Mannschaft einmal ihren Rhythmus gefunden hat gegen einen schwächeren Gegner, diese Mannschaft einfach nicht mehr zu stoppen ist, wie Deutschland oder Nigeria zum Beispiel.

Haenni: Auffällig war auch, dass zum Beispiel die Schweiz oder Finnland versucht haben, mitzuspielen. Sie hätten auch nach einem 0:4 die Taktik umstellen können. Aber sie haben weiter ihr Spiel gemacht, was die Spielerinnen weiter bringt, auch wenn es dann zu höheren Resultaten geführt hat…

Theune-Meyer: …was aber für die Zukunft besser ist. Denn wenn ich mich hinten rein stelle, dann entwickele ich die Spielerinnen nicht weiter.

Welcher Spielstil hat sich 2006 durchgesetzt?
Theune-Meyer:
Die reifsten Mannschaften haben um die Medaillen gespielt. Sie verengen die Räume perfekt, haben eine sehr gute defensive Auffassung und schalten im richtigen Moment um. Die Spielweise war sehr aggressiv, dynamisch mit Kurzpassspiel nach vorne nach Balleroberung.

Welche Wertigkeit hat das Turnier im Hinblick auf die Frauen-WM im kommenden Jahr in China? Welche Spielerinnen werden wir wieder sehen?
Haenni:
Man hat oft gehört, das Turnier sei der Vorlauf zur WM. Aber ich glaube, das ist noch ein Unterschied. Bei den Frauen gibt es ein Durchschnittsalter von 25-26 Jahren, bei der U-20-WM waren es im Durchschnitt 18 Jahre. Diese jungen Spielerinnen haben zwar Potential, sind aber noch ein Stück weit weg. Ich glaube, es wird eine tolle WM, weil sich der Frauenfussball toll entwickelt, die Spiele attraktiv sind und schneller werden. Ich denke, dass einzelne herausragende junge Spielerinnen pro Team in China dabei sein weden.

Theune-Meyer: Eine U-20-WM ein Jahr vor der Frauen-WM ist ein guter Zeitpunkt um zu schauen, welche Spielerinnen bereit sind. Solch ein Turnier ist etwas anderes als amerikanische oder europäische Meisterschaften. Hier spielt man ein Turnier mit 16 internationalen Teams und hat fünf oder sechs Spiele. Was aber sicherlich sehr gut für die WM in China sein wird, war das asiatische Finale bei dieser U-20-Weltmeisterschaft als Auftakt für das WM 2007 Jahr und auch Herausforderung und Motivation dienen kann für die Asiatinnen.