Wie auch die Statistiken belegen, war das Halbfinale zwischen der DVR Korea und Brasilien eine knappe Angelegenheit. Die Koreanerinnen hatten etwas mehr Ballbesitz - 52 Prozent gegenüber 48 Prozent der Auriverdes - und auch die Schussbilanz ging mit 13:11 an die Asiatinnen. Dennoch musste man bis zur 87. Spielminute warten, ehe die beste Spielerin der Begegnung, Kil Son Hiu, den Siegtreffer vorbereitete.
"Es war ein hartes Spiel, in dem wir schließlich als Sieger vom Platz gingen, weil wir bis zur letzten Sekunde alles gegeben haben, um den Erwartungen unseres Trainers und unserer Fans gerecht zu werden", sagte Kil, die zwar ohne Torerfolg blieb, aber durch ihr schnelles Offensivspiel immer wieder eine Gefahr für die brasilianische Abwehr darstellte.
"Sie arbeitet sehr viel und ist eine großartige Spielmacherin", meinte Fran Hilton-Smith, Mitglied der Technischen Studien-Gruppe der FIFA, über den nordkoreanischen Star nach dem Halbfinalsieg.
Die Chinesin Ma Xiaoxu steht indes vor dem Gewinn der Torjägerkrone. Bisher hat sie bereits fünf Mal getroffen. Die Koreanerinnen haben vielleicht keine vergleichbare Vollblutstürmerin in Ihren Reihen, dafür ist das Team von Choe Kwang Sok in allen Mannschaftsteilen torgefährlich. Auch hier sprechen die Zahlen für sich: 13 Tore von zehn verschiedenen Spielerinnen, nur drei haben bisher doppelt getroffen. Ebenso beeindruckend ist die Tatsache, dass die Siegstreffer in den beiden K.O.-Spielen jeweils von Abwehrspielerinnen erzielt wurden: Hong Myong Gum und Ri Un Hyang.
In beiden Spielen fiel das entscheidende Tor erst kurz vor dem Schlusspfiff, so dass der Gegner kaum noch die Chance zu einem Gegenschlag hatte. "Ich denke nicht, dass es etwas mit Stärke oder Willenskraft zu tun hat, dass wir erst so spät getroffen haben", resümierte der koreanische Trainer Choe Kwang Sok. "Vielmehr liegt es daran, dass wir niemals aufgegeben haben."
Auf dem Weg ins Finale mussten sowohl die Koreanerinnen als auch die Chinesinnen erst einen Gegentreffer hinnehmen. Das bedeutet einen neuen Rekord - der bisherige Rekordhalter USA kassierte 2002 zwei Gegentreffer (Finalgegner Kanada deren fünf). Im Jahr 2004 mussten die Finalisten China und Deutschland vier bzw. fünf Gegentore bis zum Finale hinnehmen.
Die Leistung der Koreanerinnen ist umso bemerkenswerter, da sie als unerfahrene Außenseiter zur WM nach Russland reisten. Im April dieses Jahres kamen sie bis ins Finale der AFC U-19-Meisterschaft von Asien, wo sie ausgerechnet dem Finalgegner am Sonntag, der VR China, mit 0:1 unterlagen. Dennoch erwartete von ihnen niemand einen dermaßen guten Auftritt in Russland. "Das Geheimnis unseres Erfolgs ist harte Arbeit", erklärte Choe. "Unsere Fans erwarten viel von uns, und das motiviert uns, bis zum Ende alles zu geben."
Bei Großveranstaltungen standen sich die VR China und die DVR Korea bereits drei Mal gegenüber. Jedes Mal gingen am Ende die Chinesinnen als Siegerinnen vom Platz, aber die Koreanerinnen konnten den Klassenunterschied in der letzten Zeit deutlich verringern. Im Jahr 2002 verlor man mit 1:4, zwei Jahre später unterlag man nach einem 1:1 nach regulärer Spielzeit erst im Elfmeterschießen. Zu Beginn dieses Jahres gewann China das Finale der Meisterschaft von Asien dank des Treffers von Ma Xiaoxu knapp mit 1:0.
Am Vorabend des Finales kündigte Choe im Gespräch mit FIFA.com an, dass weder er noch seine Spielerinnen Interviews geben werden, um eine Ablenkung vor dem großen Spiel zu vermeiden. Die WM-Debütantinnen wollen damit wahrscheinlich den Wahrheitsgehalt eines alten Sprichworts beweisen: "Reden ist Silber - Schweigen ist Gold!"