Die Geschichte scheint sich zu wiederholen. Genau wie vor zwei Jahren in Thailand war auch dieses Mal in Russland sowohl für die Brasilianerinnen als auch die U.S.-Amerikanerinnen im Halbfinale Endstation, so dass beiden Teams wieder nur der schwache Trost bleibt, das Spiel um Platz 3 zu bestreiten. Die Partie findet am Sonntag, dem 3. September, im Moskauer Lokomotive-Stadion statt. Anpfiff ist um 16.00 Uhr Ortszeit.
"Ich bin vom vielen Weinen schon ganz müde", klagte die brasilianische Spielführerin Renata Costa nach der bitteren Halbfinalniederlage gegen die DVR Korea. Das ist auch verständlich, denn die die erfahrene Mittelfeldakteurin war bisher bei allen drei Auflagen der Frauenfussball-WM in der Juniorenkategorie mit von der Partie und kam dabei jedes Mal nur bis in die Vorschlussrunde. Das Schlimme daran ist, dass sie in den Spielen um Platz 3 bislang schon zwei Niederlagen hinnehmen musste.
Doch herrschte nach dem Halbfinale nicht nur bei den Brasilianerinnen eine traurige Stimmung. Ähnliche Szenen spielten sich auch in der Kabine der U.S.-Amerikanerinnen ab. "Ich bin ungemein enttäuscht, aber auch stolz über das, was wir als Team geleistet haben. Im Übrigen bin ich nicht der Meinung, dass die bessere Mannschaft ins Finale gekommen ist", so Torfrau Val Henderson mit bitterem Unterton.
Bevor sie jedoch endgültig die Heimreise antreten müssen, bleibt den USA und Brasilien noch eine letzte Partie in Russland 2006. "Leider haben wir wieder einmal das Finale verpasst, aber das Turnier ist noch nicht zu Ende. Jetzt müssen wir alles daran setzen, wenigstens auf den dritten Platz zu kommen. Da hilft nur eines: Kopf hoch und um die Bronzemedaille kämpfen. Wir werden versuchen, nicht mehr an das verlorene Halbfinale zu denken, sondern uns nur nach vorn und auf den nächsten Gegner zu orientieren", gibt sich Renata Costa kämpferisch.
Mit der gleichen Absicht gehen auch die U.S.-Amerikanerinnen in diese Partie. "Wir müssen uns auf diese letzte Chance konzentrieren. Im Halbfinale haben wir ein tolles Spiel gemacht und zahlreiche Torchancen herausgespielt. Leider fehlte uns das Glück im Abschluss. Gegen Brasilien müssen wir es besser machen", so die amerikanische Torhüterin weiter.
Enttäuschung durch einen Sieg lindern
Jeweils vier Akteurinnen beider Teams standen sich bereits vor zwei Jahren im Rajamangala-Stadion von Bangkok im Spiel um Platz 3 gegenüber. Damals behielten die U.S.-Amerikanerinnen nach Toren von Kerri Hanks, Megan Rapinoe und Angie Woznuk mit 3:0 die Oberhand. Mit Ausnahme von Torfrau Thais, die aufgrund der herausragenden Leistung von Bárbara in Russland 2006 nur die Nummer zwei im brasilianischen Tor ist, deutet alles darauf hin, dass Aliane, Renata Costa und Maurine auch dieses Mal wieder in der brasilianischen Startformation auflaufen werden. Auswahltrainer Jorge Barcelos hat im Turnierverlauf konsequent seine Stammelf spielen lassen und nur dann kleine Veränderungen vorgenommen, wenn es Ausfälle wegen Verletzungen oder Sperren gab.
Schwieriger scheint hingegen die Voraussage hinsichtlich eines erneuten Einsatzes von Amy Rodríguez, Jessica Rostedt, Stephanie López und Stephanie Logterman im Spiel um Platz 3. U.S.-Coach Tim Schulz hat sein Team bisher vor jeder Partie umgestellt. Außer Casey Nogueira, der Jüngsten in der Mannschaft, die lediglich eine Halbzeit lang gegen die DR Kongo zum Einsatz kam, haben alle anderen Spielerinnen, einschließlich der drei Torfrauen, mindestens über 90 Minuten gespielt.
"Mein Kader umfasst 21 Akteurinnen und ich habe meine ganze Arbeit auf den Gewinn des WM-Titels ausgerichtet. Dennoch diente dieses Turnier auch der weiteren Entwicklung der einzelnen Spielerinnen. Man muss ihnen Gelegenheit geben, sich zu beweisen und wertvolle Erfahrungen zu sammeln", so Schulz und meint ergänzend, dass "es letztlich den Sportjournalisten vorbehalten sei, unsere elf besten Spielerinnen zu ermitteln."
Schulz verfügt über eine große und weitgehend ausgeglichene Auswahl an Spielerinnen, die sich alle dem offensiven Spiel verschrieben haben. Zwei Tage vor der letzten Partie in Russland 2006 beschränkt sich seine Betreuertätigkeit im Wesentlichen darauf, seine Spielerinnen vor allem mental wieder aufzurichten. "Ich werde immer genau so Tränen vergießen wie die Spielerinnen und mit ihnen die Enttäuschung über eine Niederlage teilen. Doch geht deshalb die Welt noch lange nicht unter. Stattdessen müssen wir nach vorn blicken und weiter an uns arbeiten. Ohne darüber den Schmerz der Niederlage verbergen zu wollen, denn dieses Gefühl kann auch irgendwie hilfreich sein. Danach müssen wir uns aber wieder aufrappeln und uns auf das nächste Spiel konzentrieren."
Sein brasilianischer Trainerkollege stimmt mit ihm insofern überein, dass die derzeit schwierigste Aufgabe darin bestehe, die bittere Enttäuschung zu überwinden. "Es ist wahnsinnig schwer, sich nach einer solchen Niederlage neu zu motivieren, vor allem für derart junge Akteurinnen. Andererseits sind sie alle professionelle Fussballerinnen. Von daher werden sie sich auch bestmöglich auf dieses Spiel vorbereiten, damit wir am Ende zumindest noch Bronze holen können", so Barcelos gegenüber FIFA.com.
Darüber hinaus räumte der brasilianische Coach ein, dass die Niederlage seines Teams gegen die DVR Korea auf eine einzige verhängnisvolle Unaufmerksamkeit zurückzuführen war, die zu dem späten Gegentreffer führte. Im bevorstehenden "Kleinen Finale" müssen die Brasilianerinnen nun doppelt konzentriert auftreten, denn schließlich treffen sie dort auf ein Team, das im bisherigen Turnierverlauf die meisten Torschüsse abgab und das von den vier Halbfinalteilnehmern nach den Nordkoreanerinnen die meisten Treffer erzielte. Die Bilanz der U.S.-Amerikanerinnen weist bislang elf Tore bei nur drei Gegentreffern aus.
Dagegen können die Brasilianerinnen mit vier Treffern und ebenso vielen Gegentoren bisher die wenigsten Tore unter den vier Halbfinalisten vorweisen. "Wir sind nicht mit dem Ziel in dieses Turnier gegangen, möglichst viele Tore zu schießen, sondern vielmehr um unsere taktischen und technischen Fähigkeiten auszuspielen und dabei unsere Spielerinnen auf unterschiedlichen Positionen und in verschiedenen Situationen geschickt einzusetzen", rechtfertigte der brasilianische Trainer sein Vorgehen.
Wenn man einmal die Zahlen und Statistiken beiseite lässt, dann treffen am Sonntag elf Brasilianerinnen auf elf U.S.-Amerikanerinnen, die sämtlich bemüht sein werden, ihre noch frischen Wunden durch einen Sieg zu lindern und sich so wenigstens noch Platz 3 zu sichern.
Nach den Worten von U.S.-Trainer Tim Schulz kann "dieser Sport einerseits enorm viel Freude bereiten, mitunter aber auch für riesige Enttäuschung sorgen. Gerade deshalb lieben wir ihn so sehr." Spätestens am Sonntag werden wir wissen, wie Freude und Frust, die im Fussball ja häufig eng beieinander liegen, am Ende zwischen Brasilianerinnen und U.S.-Amerikanerinnen verteilt sind.