Mit seinen 61 Jahren hat Shang Ruihua jetzt mehr als zwei Jahrzehnte Pionierarbeit im chinesischen Frauenfussball und anderswo hinter sich. Immer wieder wechselte er dabei von der A-Nationalmannschaft zu den Nachwuchsteams. Aktuell betreut er die U-20-Auswahl der Frauen bei der Weltmeisterschaft in Russland.

Dort merkt man momentan, dass Jahre der Erfahrung aus dem Trainer so etwas wie einen Perfektionisten gemacht haben.

Für viele Beobachter ist Shangs offensivstarke Mannschaft aus der Volksrepublik die bislang konstant beeindruckendste. Am Vorstoß ins Halbfinale jedenfalls bestanden nie ernsthafte Zweifel.

Dennoch und trotz der nun 359 Minuten ohne Gegentor bei zehn eigenen Treffern wiederholt sich auf den Pressekonferenzen nach Spielen mit chinesischer Beteiligung mit schöner Regelmäßigkeit das folgende Szenario: Der (unterlegene) Gegner macht artig Komplimente. Und der (siegreiche) Trainer begegnet dem mit harscher Selbstkritik.

Beispiel gefällig? - Da hatte China gerade mit Kanada den Finalisten von 2002 komplett neutralisiert und von dessen Trainer Ian Bridge bescheinigt bekommen "defensiv eine der besten Mannschaften" zu sein, die dieser "in dieser Altersklasse je gesehen" habe, und Kollege Shang beharrte darauf, seine Elf habe "Glück gehabt" und "technische und taktische Mängel" gezeigt.

So oder wenigstens so ähnlich war das bislang noch nach jedem Spiel, selbst nach der praktisch fehlerfreien Demontage von Russland im Viertelfinale. Gastgeber-Trainer Valentin Grishin saß nach dem 0:4 denn auch leicht irritiert in der Pressekonferenz und vernahm staunend Shangs Klagen über die eigene Unfähigkeit "die Möglichkeiten meiner Mannschaft zu maximieren".

Unklar bleibt, was eigentlich passieren muss, damit die chinesische Mannschaft Gnade vor den Augen ihres gestrengen Meisters findet. Bei den USA, dem Gegner im morgigen Halbfinale, dürfte man indes schon leicht nervös werden ob der Aussicht, gegen eine Mannschaft mit derart hohen Ansprüchen antreten zu müssen.

Gegenüber FIFA.com betonte Shang jedoch, seine Methode sei schlicht der Entschlossenheit geschuldet, in der Entwicklung seiner jungen Spielerinnen auch den kleinsten Fehlern entgegen zu steuern.

"Für einen Trainer sind Leistung und Ergebnis meiner Meinung nach gleich wichtig", so Shang. "Wir haben es hier mit einer WM zu tun, deshalb würde ich nie behaupten, es gehe allein um gute Leistungen, denn wenn wir gut spielten und verlören, wären meine Spielerinnen und ich schrecklich enttäuscht.

Ich darf dabei jedoch nie vergessen, dass ich Trainer einer Jugendmannschaft bin. In dieser Funktion muss ich auf meine Spielerinnen achten und ihre individuelle Entwicklung fördern. Ich muss unabhängig vom Ergebnis kritisch bleiben, ihre Schwächen analysieren und die Bereiche aufzeigen, in denen sie sich noch verbessern müssen."

Das gesamte Turnier über war es Chinas Mittelfeld, das im Fokus von Shangs Kritik stand. Nach dem 3:0 über Nigeria etwa kritisierte er die Spielerin in der Schaltzentrale wegen ihres "schlechten Umgangs mit dem Ball".

"Leichte Fortschritte im Mittelfeld", vermeldete Shang nun kürzlich, "insbesondere in der Defensivarbeit. Aber in Sachen Offensive denke ich nach wie vor, dass das Spiel in die Spitze viel besser sein könnte. Wir spielen für meinen Geschmack aus dem Mittelfeld heraus nicht strukturiert genug nach vorn. Unsere Stürmerinnen müssen zu viel arbeiten." 

Ma "kann die Größte werden"
Was für ein Glück ist es da doch für die Volksrepublik, dass sie wenigstens eine Spielerin in der Offensive hat, die anscheinend allen Ansprüchen genügt. Die Rede ist - natürlich - von Ma Xiaoxu, die bislang noch in jedem Spiel getroffen hat und von keiner Gegenspielerin zu halten war. Doch die Führende in der Torschützenliste ist für die Mannschaft weit mehr als nur die Torjägerin vom Dienst.

Die 18-Jährige spielt in der Tat so beeindruckend und intelligent, dass selbst ihr Trainer in den Chor derer einstimmt, die sich offen fragen, ob sie nicht die künftige FIFA Weltfussballerin des Jahres ist und eine, die Marta die Position als beste Spielerin ihrer Generation streitig machen könnte. Aber Shang wäre eben nicht Shang, wenn er nicht doch etwas zu kritisieren hätte.

"Nach den Begegnungen, die ich bislang gesehen habe, besteht für mich kein Zweifel, dass sie die beste Spielerin des Turniers ist", lobt der Trainer seine Spielführerin zwar, fügt aber auch an: "Kann sie die Beste der Welt werden? Ja, sie hat das Potenzial dazu, aber im Augenblick würde ich sagen, sie erliegt wie viele andere junge Spielerinnen noch zu sehr gewissen Versuchungen. Sie muss sich besser unter Kontrolle haben. Wenn ihr das gelingt, hat sie ganz sicher alle Voraussetzungen, die beste Spielerin der Welt zu werden."

Ma also spielt großartig und auch Torfrau Zhang Yanru verrichtet hinter ihrer Betonabwehr herausragende Arbeit. Selbst ein notorisch kritischer Trainer wie Shang kann und muss da dankbar sein. Aber es sind auch dunkle Wolken am Horizont aufgezogen. Xi Dingying musste in der Halbzeit des Spiels gegen Russland verletzt ausscheiden und ist inzwischen in die Heimat zurückgekehrt. Die Diagnose lautet auf Schädigung der Bänder im Knie.

"Dieser Schlag trifft uns hart", gibt Shang zu. "Sie ist eine sehr gute Spielerin und extrem schnell. Gegen unsere nächsten beiden Gegner, die sehr viel stärker sein werden, hätte sie uns gut zu Gesicht gestanden. Genau aus dem Grund hatte ich sie in der Gruppenphase auf der Bank gelassen. Insofern ist es wirklich schade.

Dass Shang gleich von den nächsten beiden Gegnern spricht, mag dabei verwundern und mancherorts für hochgezogene Augenbrauen sorgen, aber der Verdacht der Überheblichkeit ist denkbar unbegründet. Tatsächlich nämlich hat Sang allerhöchsten Respekt vor den USA, die seiner Mannschaft in Freundschaftsspielen jüngst gleich zwei Niederlagen beibrachten, und immerhin gibt es ja nicht nur das Endspiel sondern auch noch das um Platz 3.

"Ich erwarte ein sehr hochklassiges Spiel und wünschte mir, es wäre das Finale", so Shang mit Blick auf das bevorstehende Halbfinale im Lokomotiv-Stadion von Moskau. "Ich habe die Partie der USA gegen Deutschland gesehen und für mich waren die USA zweifelsfrei die stärkere Mannschaft. Ich rechne mit einem schönen Spiel, weil beide Mannschaften ganz unterschiedliche Stile bevorzugen. Mein Wunsch wäre, dass unser Stil sich als der bessere erweist ..."