Der dreifache Weltmeister Brasilien wollte bei der FIFA Futsal-Weltmeisterschaft Chinese Taipei 2004 alles daran setzen, nach dem gegen Spanien verlorenen WM-Endspiel in Guatemala 2000 den Titel zurückzuerobern. Doch nach einem bis dahin überzeugenden Turnierverlauf mussten sich Falcao & Co. im Halbfinale erneut gegen die Iberer geschlagen geben, der Traum vom vierten WM-Titel war geplatzt. Die Spanier ließen sich auch im Finale nicht beirren und sicherten sich mit einem 2:1-Erfolg über Europameister Italien den zweiten WM-Titel in Folge.
Die großen Überraschungen blieben in Chinese Taipei zwar aus, doch die Zuschauer wurden mit attraktiven Spielen unterhalten, das Leistungsgefälle der teilnehmenden Teams hat sich gegenüber den Titelkämpfen vier Jahre zuvor merklich verringert. Blicken Sie mit FIFA.com zurück auf ein hoch interessantes Turnier in Chinese Taipei!
Spanien glänzt durch mannschaftliche Geschlossenheit
Vor dem Turnier waren die spanischen Spieler durchaus
skeptisch, wenn es darum ging, die eigenen Chancen auf eine
Wiederholung des Titelgewinns von Guatemala 2000 einzuschätzen. Zu
unsicher schien die Einschätzung des eigenen Potentials, zu groß
die Anzahl möglicher Kontrahenten. Noch während des Turniers meinte
Trainer Javier Lozano, dass neben Spanien vier weitere Teams
Chancen auf den Titel hätten. In der Tat war in der Vorrunde und
der Zweiten Runde im spanischen Team noch nicht alles Gold, was
glänzt, selbst wenn die Ergebnisse zunächst eine andere Sprache zu
sprechen schienen. Nach dem wichtigen 2:0-Auftaktsieg gegen die
Ukraine hielt man sich mit ungefährdeten Erfolgen gegen Chinese
Taipei (10:0) und Ägypten (7:0) schadlos. In der Zweiten Runde
mussten sich die Spanier dann aber allerdings schon gewaltig ins
Zeug legen, um das Halbfinale zu erreichen. Denn nach dem
2:0-Arbeitssieg gegen Tschechien verlor der amtierende Titelträger
gegen Italien 2:3 und brachte sich damit in eine unangenehme
Position, denn im abschließenden Spiel wartete mit Portugal ein
alles andere als leichter Gegner. Doch die Spanier behielten einen
kühlen Kopf und rangen den Nachbarn mit 3:1 nieder, die Runde der
letzten vier Teams war erreicht.
Im Halbfinale wartete in einer Neuauflage des Finales von 2000 Brasilien. Lozano versprach bereits im Vorfeld eine attraktive Auseinandersetzung und er sollte Recht behalten. Das Spiel wogte hin und her, mal erarbeite sich Brasilien Vorteile, dann schien wieder Spanien die Nase vorne zu haben. Am Ende konnte sich Spanien mit viel Herz und ein wenig Glück nach Elfmeterschießen gegen die Südamerikaner durchsetzen, mehr wegen ihrer mannschaftlichen Geschlossenheit, denn aufgrund der individuellen Klasse ihrer Spieler. Im Endspiel wartete dann Europameister Italien, das Team, gegen das man wenige Tage zuvor noch verloren hatte. Vorteil oder Nachteil? Darüber waren sich die Trainer beider Teams vor dem Finale nicht gerade einig, doch die Spanier warfen im Finale ihre ganze Erfahrung in die Waagschale, bestritten sie doch ihr drittes WM-Endspiel in Folge. Die etwas müde wirkenden Italiener mussten sich am Ende knapp mit 1:2 geschlagen geben, feierten dennoch den größten Erfolg ihrer Futsal-Geschichte. Im gesamten Turnierverlauf wussten die Italiener durch eine gleichermaßen kompakte wie attraktive Spielweise zu gefallen. Bacaro wurde zum drittbesten Spieler des Turniers ausgezeichnet, Trainer Alessandro Nuccorini war zurecht stolz auf seine Mannschaft.
Argentinien zieht ins Halbfinale ein
Lange Zeit waren die Argentinier ein unbeschriebenes Blatt in
der Futsal-Welt, doch in Chinese Taipei setzten die Albiceleste ein
kräftiges Ausrufezeichen. Schon in ihrer schweren Vorrundengruppe
mit Portugal, Iran und Kuba hatten die Argentinier souverän mit
drei Siegen das bessere Ende für sich, Höhepunkt der Vorrunde war
sicherlich der 1:0-Erfolg gegen die Portugiesen, nachdem man sich
in der Auftaktpartie gegen Kuba (3:0) lange Zeit die Zähne am
gegnerischen Schlussmann Wilfredo Carbo ausgebissen hatte. Zum
Abschluss gewann das Team von Trainer Fernando Larrañaga dann klar
mit 6:1 gegen den mit großen Hoffnungen angetretenen Iran.
In die Zwischenrunde startete das Team mit einem 2:1-Erfolg gegen die USA, nach einer knappen 1:2-Niederlage gegen Brasilien musste die Partie gegen die Ukraine über den Aufstieg ins Halbfinale entscheiden. Ein Unentschieden hätte den Argentiniern bereits gereicht und am Ende war es beim 0:0 eine Punktlandung, welche die Südamerikaner ins Halbfinale beförderte. Doch dort stand man gegen Italien auf verlorenem Posten, fing sich einen schnellen Rückstand ein, der sich als unaufholbar herausstellen sollte, auch wenn Argentinien in der zweiten Halbzeit noch einmal sein wahres Können aufblitzen ließ.
Ballzauberer Falcão
Der Brasilianer Falcão war der unumstrittene Star der fünften
FIFA Futsal-Weltmeisterschaft. Mit seinen 13 Treffern avancierte er
nicht nur zum besten Torschützen und zum Publikumsliebling des
Turniers, darüber hinaus erhielt er die Auszeichnung zum besten
Spieler. Der 27-Jährige beeindruckte die Zuschauer ein ums andere
Mal mit seinen technischen Fähigkeiten, paarte seine individuelle
Klasse jedoch mit einer mannschaftsdienlichen Spielweise, die dem
gesamten Team zunutze kam. Bereits im Auftaktspiel gegen Australien
traf er erstmals ins Schwarze, Höhepunkt war sein im Spiel gegen
Thailand erzielter Treffer namens "Carretilha", mit dem
er nicht nur den thailändischen Torhüter düpierte, sondern sich
unauslöschlich einen festen Platz in der Erinnerung der Fans
sicherte.
Gestiegenes Leistungsvermögen gegenüber Guatemala 2000
Das allgemeine Leistungsniveau der teilnehmenden Teams hat
sich gegenüber den vergangenen Titelkämpfen in Guatemala 2000
merklich verbessert, wie u. a. Brasiliens ehemaliger
Nationaltrainer Ferretti bemerkte. Hatte beispielsweise der
Gastgeber vor vier Jahren noch eine herbe 2:29-Niederlage
einstecken müssen, fiel die höchste Niederlage der jungen, bunt
zusammengewürfelten Truppe aus Chinese Taipei vergleichsweise milde
aus (0:12 im Auftaktspiel gegen Ägypten). Länder wie Japan,
Thailand, Ägypten oder Kuba haben sich deutlich verbessert, was dem
Sport im Allgemeinen sehr zugute kommt. Australien wusste trotz
dreier Niederlagen zu gefallen, auch die USA zeigten trotz ihrer
nicht gerade mit Futsal-erfahrenen Spielern gespickten Mannschaft
eine ansprechende Leistung. Spanien, Italien und Brasilien
zementierten ihre Position in der Weltspitze, Argentinien gehörte
mit dem vierten Platz zu den positiven Überraschungen des Turniers.
Schon jetzt darf man sich auf die nächsten Titelkämpfe 2008
freuen.
Teilnehmer:
Ägypten, Spanien, Ukraine, Chinese Taipei, Australien,
Brasilien, Thailand, Tschechische Republik, Italien, Paraguay, USA,
Japan, Argentinien, Portugal, Iran, Kuba.
Abschlusstabelle:
- Spanien
- Italien
- Brasilien
- Argentinien
Namen, die man sich merken sollte:
Luis Amado, Javi Rodríguez, Marcelo (alle ESP), Vinicius
Bacaro, Edgar Bertoni, Grana (alle ITA), Falcão, Simi, Franklin
(BRA), Carlos Sanchez, Javier Guisande, Leandro Planas (alle ARG),
Ivan, Joel Queiros (beide POR), Wael Abdel Mawla (EGY), Sergiy
Koridze (UKR), Johnny Torres (USA), Wilfredo Carbo (CUB), Kenichiro
Kogure (JPN), Vahid Shamsaee (IRN), Anucha Munjarern (THA)
Stadien: NTU in Taipeh City, Linkou Gymnasium in Tao Yuan
Tore (gesamt): 237, Durchschnitt = 5,93 pro Spiel
Erfolgreichste Torjäger:
13 Tore: Falcao (BRA)
10 Tore: Indio (BRA)
9 Tore: Marcelo (ESP)
Zuschauer: 50.923
Durchschnittliche Zuschauerzahl pro Spiel: 1.273
Interessantes am Rande:
Noch nie zuvor endete bei einer FIFA Futsal-Weltmeisterschaft
ein Spiel 0:0. In Chinese Taipei 2004 gab es gleich zwei
historische torlose Remis. Zunächst trennten sich Italien und
Portugal 0:0, nur wenige Tage später endete das Spiel Argentinien
gegen Ukraine mit dem gleichen Ergebnis, Beleg für die wachsende
Defensivstärke der Teams.
