Als die deutsche Verteidigerin Steffi Jones im Spiel gegen Argentinien ohne Einwirkung einer Gegnerin plötzlich zu Boden ging, war dies ein schwerer Schock für Nationaltrainerin Tina Theune-Meyer und ein Rückschlag für die deutschen Hoffnungen, das Turnier zu gewinnen. Die Diagnose bestätigte die schlimmsten Befürchtungen: Riss des vorderen Kreuzbands im Knie. Doch leider ist diese Art der Verletzung in der Welt des internationalen Frauenfussballs beileibe kein Einzelfall, sondern sogar recht häufig.
Frauen haben nach Langzeitstudien ein zwei- bis achtmal so hohes Risiko, sich eine solche Bänderverletzung beim Fussball zuzuziehen, wie Männer. Besonders gefährdet sind Mädchen von 16 bis 17 Jahren. In den meisten Fällen entstehen Kreuzbandverletzungen ohne Einwirkung von Gegnern, also nicht als Folge eines Foulspiels oder eines Zusammenpralls.
Vor einem Jahrzehnt waren diese Tatsachen allerdings noch weitgehend unbekannt. Damals entdeckten Orthopädie- und Sportkliniken eine alarmierende Häufung weiblicher Athleten mit Knieverletzungen, inbesondere mit Verletzungen des vorderen Kreuzbandes. Bei näherer Untersuchung der Verletzungen stellte sich dann eindeutig heraus, dass Frauen tatsächlich für diese Art der Verletzung wesentlich anfälliger sind, als Männer.
Bei der Suche nach möglichen Ursachen für dieses Phänomen konzentrierte man sich auf vier Bereiche. 1) Anatomische Faktoren hierzu gehören die Stellung von Knie- und Hüftgelenk zueinander, die Stärke des vorderen Kreuzbandes (ACL) und des Ansatzes, 2) Umgebungsfaktoren, wie Art der Schuhe und Oberflächen, auf denen gespielt wird (Kunstrasen, Rasen oder Hartplätze) usw., 3) Hormonelle Faktoren hier wurde untersucht, ob es Zusammenhänge zwischen dem Auftreten der Verletzungen und dem Menstruationszyklus gibt oder ob es möglicherweise besondere Rezeptoren für Östrogen und andere Hormone im Bereich des Bandes gibt und 4) biomechanische und neuromuskuläre Faktoren.
Innovative Ideen der FIFA
Die ersten drei Gruppenstudien kamen zu keinen eindeutigen Ergebnissen. Die vierte Gruppe hingegen trug wesentlich dazu bei, dass die wichtigsten Risikofaktoren für diese Verletzung heute bekannt sind. "Beim intensiven Studium von über 50 Videobändern entsprechender Verletzungen wurde folgendes festgestellt: 1) Frauen kommen nach Sprüngen im Allgemeinen auf dem flachen Fuss auf, wobei Hüft- und Kniegelenke starker gestreckt sind, als bei Männern und 2) Frauen haben im Allgemeinen schwächere Achillessehnen und größere Belastungen zwischen Quadrizeps und Achillessehne, wodurch die Kreuzbänder stärker belastet werden und damit einem höheren Risiko ausgesetzt sind", erläutert Dr. med. Ben Mandelbaum, Stellvertretender Medizinischer Leiter des amerikanischen Fussballverbandes US Soccer. Mandelbaum war einer der wichtigsten Wissenschaftler bei der intensiven Erforschung dieser Verletzungen und entwickelte in der Folge mit Unterstützung der FIFA Programme zur Vorbeugung.
Das Center for Disease Control und der Fussballverband US Soccer entwickelten im Jahr 2001 in Zusammenarbeit mit der FIFA ein alternatives Trainings- und Aufwärmprogramm, das mit fast 1500 Spielerinnen aus US-amerikanischen College-Mannschaften getestet und optimiert wurde. Die Übungen, die sich auf neuromuskuläre Aktivitäten konzentrieren, sollten eine ganze Saison lang drei Mal wöchentlich 15-20 Minuten lang ausgeführt werden. Sie umfassen bestimmte Dehnungsübungen, Ausfallschritte, Streckungsübungen für die Beine, das Anheben der Zehen sowie das Springen über flache Hindernisse.
"Wir konnten eine Verringerung von ACL-Verletzungen um den Faktor drei beobachten. Insbesondere die Verletzungen ohne Gegnerkontakt gingen stark zurück was unterstreicht, dass neuromuskuläre Variablen für das häufige Vorkommen der Verletzungen ohne Körperkontakt verantwortlich sind. Durch spezielles Training mit Mädchen im Alter von 14 bis 23 Jahren konnten wir das Auftreten von ACL-Verletzungen deutlich reduzieren", so Mandelbaum, der als Oberster Medizinischer Leiter der FIFA-Frauenfussball-Weltmeisterschaft USA 2003 auch die Operation am Knie von Pan Lina durchführte, nachdem diese sich bereits im ersten Spiel ihrer Mannschaft eine ACL-Verletzung zugezogen hatte.
"Die Operation ist gut verlaufen und die Spielerin kann voraussichtlich in drei bis vier Monaten wieder voll trainieren. Dies ist die normale Rehabilitationszeit nach einer solchen Verletzung", so Mandelbaum.