Für die meisten der farbenfrohen und mit US-Flaggen ausstaffierten treuen Fans der US-amerikanischen Frauenfussball-Nationalmannschaft, die sich zum kleinen Finale bei der diesjährigen FIFA Frauenfussball-Weltmeisterschaft 2003 in den USA im Home-Depot-Center-Stadion eingefunden haben, war dieses brisante Aufeinandertreffen zwischen den beiden Nachbarländern USA und Kanada mit dem Finale gleich zu setzen.
Die US-Girls würden alles daran setzen, um sich mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen die kampfstarken Kanadierinnen bei diesem für sie so bedeutenden Spiel um Platz 3 auf dem neu verlegten Rasen dieses reinen Fussballstadions durchzusetzen. Die Atmosphäre auf dem Spielfeld selbst war geladen und die Spielerinnen konnten es kaum erwarten, sich endlich in den Kampf zu werfen.
"Das ist eine großartige Erfahrung," sagte Chuck Hartwig aus Los Angeles, als die beiden Nationalteams sich zu den Nationalhymnen auf dem Rasen aufstellten. "Die Aufregung und Spannung ist unglaublich; das ist eine einmalige Erfahrung, so eine Stimmung mit zu erleben. Wir waren schon beim WM-Endspiel 1999 im Rose-Bowl-Stadion dabei, als die USA im Finale standen und damals dachten wir schon, dass das Momente sind, die man nur einmal in seinem Leben so intensiv erfährt. Und ich kann nur bestätigen, dass das wirklich so ist."
Sofort nach dem Anstoß begannen die Fans, ihren Begeisterungsstürmen und USA-Anfeuerungsrufen freien Lauf zu lassen. Und die Euphorie ließ auch während des gesamten Spiels nicht nach.
Ein Knaller von Kristine Lilly in der 23. Spielminute ließ die Menschenmassen aus ihren Sitzen schnellen, und wie aus einer Kehle ertönte im weiten Stadionrund ein spontanes Raunen schierer Bewunderung. Die Entdeckung dieser WM-Endrunde schlechthin, Abby Wambach, hatte sich wieder einmal erfolgreich gegen ihre Kontrahentinnen durchgesetzt und eine glänzende Chance für ihr Team herausgearbeitet. Kristine Lilly, die immer noch den Rekord mit den meisten Länderspieleinsätzen aller Zeiten hält, feuerte einen wahnsinnigen Kracher ab, der in den Winkel des gegnerischen Tores einschlug.
"Was für ein Tor. Der ganze Bewegungsablauf und der Torschuss waren perfekt abgestimmt," sagte ein anderer, ganz in den US-amerikanischen Farben gekleideter amerikanischer Fan im oberen Tribünenbereich des Stadions Sekunden, nachdem Lillys Führungstreffer für die US-Girls im kanadischen Tor eingeschlagen war. "Ich wünschte, ich hätte so einen Bums. So einen Hammer würde ich auch nicht an meinem besten Tag hinbekommen," bemerkte der Fan mit einem ungläubigen Kopfschütteln.
"Die Atmosphäre im Stadion ist elektrisiert," sagte Elizabeth Simmons aus Chicago, Illinois, als die US-Nationaltorhüterin Briana Scurry nach einem harten Zusammenprall mit einer gegnerischen Stürmerin in der 28. Spielminute für längere Zeit intensiver behandelt werden musste. "Man spürt förmlich den unbedingten Siegeswillen beider Teams, keiner lässt auch nur für einen Moment locker...als ob sie im Endspiel um den Weltmeistertitel kämpfen würden. Die Spannung ist einfach überwältigend."
Aber es war nicht nur überschwängliche Freude und Begeisterung für die US-amerikanischen Fans angesagt. In der 38. Spielminute mussten sie gehörig zittern, als die 16-jährige kanadische Weltklasse- und Ausnahmespielerin Kara Lang ihre Mannschaftskameradin Christine Sinclair gekonnt mit einem perfekt in die Gasse gespielten Pass in Szene setzte. Die junge Stürmerin ließ sich diese Chance nicht entgehen und versenkte den Ball mit einem harten Flachschuss im Kasten der angeschlagenen US-amerikanischen Nationaltorhüterin. Der Gegentreffer ließ die 25.253 US-Fans betroffen verstummen.
Durch die Auswechslung der immer torgefährlichen Angreiferin Parlow durch die länderspielerfahrene Tiffeny Milbrett noch vor dem Halbzeitpfiff, versuchten die US-Girls unaufhörlich, die kanadische Abwehrkette unter Druck zu setzen. Aber so sehr sie auch versuchten, den Abwehrriegel der "Ahornblätter" zu knacken, es wollte ihnen einfach nicht gelingen. Und so stand es zur Halbzeitpause nur 1:1-Unentschieden.
Aber aufgrund des von ihrer Mannschaft während des ersten Durchgangs gezeigten druckvollen Spiels waren die US-Fans vor dem Anpfiff der zweiten Halbzeit recht guter Dinge. "Mit dieser angeheizten, elektrisierten und mit Hochspannung geladenen Atmosphäre hier im Stadion fühlt man sich bei dieser Partie eher bei einem WM-Endspiel als beim Spiel um Platz 3," bemerkte Holly Heath aus Albuquerque, New Mexico, die neben ihrem Bruder Robert saß, der alle Flugstrapazen vom entfernten Hawaii auf sich genommen hatte, um bei diesem Spiel live dabei zu sein. "Wir konnten beim WM-Finale 1999 im Rose-Bowl-Stadion leider nicht dabei sein; aber nichts hätte uns dieses Mal davon abhalten können, dieses kleine Finale zu verpassen," sagte sie. "Ich bin fest davon überzeugt, dass die US-Girls in der zweiten Halbzeit wieder aufdrehen und am Ende das Spiel für sich entscheiden werden. Wir werden hier auf der Tribüne alles tun, was möglich ist, um unsere Mädels dabei zu unterstützen."
Obwohl die meisten Fans im Stadion hinter der Gastgebernation standen, sah die in Calgary geborene Lonny Traun die Partie als ein großes sportliches Ereignis und einen erhebenden Moment für ihr historisch doch so gebeuteltes Vaterland. "Die Atmosphäre bei diesem Spiel ist überwältigend. Ich habe so etwas noch nie mit erlebt," meinte sie. "Ich denke, dass wir im zweiten Durchgang das Ruder noch einmal herumreißen können. Aber wie das Spiel auch ausgehen mag, ich muss sagen, dass ich wirklich sehr stolz darauf bin, dass unsere Mädels es so weit bei diesem Turnier geschafft haben und nun gegen die USA spielen."
Aber obwohl die wackeren Kanadierinnen sich mit all ihren Kräften dem Weltmeister USA entgegensetzten, dauerte es nicht lange, bis die entfesselten US-Fans erneut für ihre Mannschaft jubeln konnten. Nur sechs Minuten nach Anpfiff der zweiten Spielhälfte riss es die Menschenmassen von ihren Stühlen, als Shannon Boxx am zweiten Pfosten den von Mia Hamm getretenen Eckball mit einem wuchtigen Kopfstoss in das kanadische Tor nagelte.
"Was für ein Tor," brüllte ein ekstatischer US-Fan, der von Kopf bis Fuss in die US-amerikanischen Farben weiss-rot-blau gehüllt war. "Das war traumhaft. Ein toller Moment."
Nach dem perfekt durch die spielerfahrene und technisch versierte Hamm in den gegnerischen Strafraum geschlagenen Eckstoß, der durch den talentierten All-Star-Neuling Boxx perfekt verwandelt wurde, lagen sich die beiden Protagonistinnen des zweiten US-Treffers in den Armen. Dies war sicherlich ein bewegender Moment, der keinen Zweifel darüber zulässt, dass der Generationswechsel in der Frauenfussball-Nationalmannschaft der USA definitiv vollzogen ist. Die Szene war symptomatisch für die Wachablösung im US-amerikanischen Lager.
Nachdem beide Mannschaften die Nerven der Massen durch mehrmalige Pfosten- und Lattenkracher bis zum Zerreißen anspannten und die "Oooohs" und "Aaaahs" fast zu einem normalen Geräusch im weiten Stadionrund wurden, ließ Julie Foudys Auswechslung in der 78. Spielminute die Fans wieder auf ihre Füße schnellen. Die Mannschaftsführerin wurde mit "standing ovations" von den Fans verabschiedet, die genau wussten, dass dies wohl der letzte Auftritt einer der Pfeiler im US-Team bei einer FIFA Frauenfussball-Weltmeisterschaftsendrunde war.
Eine andere Akteurin, die bei dieser FIFA Frauenfussball-Weltmeisterschaft 2003 in den USA mit größter Wahrscheinlichkeit ebenfalls ihren letzten Dienst im Trikot der USA für ihr Land verrichten sollte, war Milbrett, die jedoch ihren Abschied von der Nationalmannschaft und der Frauenfussball-Weltbühne gebührend mit einem letzten entscheidenden Treffer für ihr Land feierte. Nach einer etwas konfusen Situation im kanadischen Strafraum hämmerte sie den Ball mit einem satten Linksschuss in das kanadische Tor und die Fans waren wieder aus dem Häuschen und jubelten und kreischten erneut wie verrückt.
"Es ist wirklich schrecklich und herzzerreißend, ansehen zu müssen, wie sich diese wunderbaren Spielerinnen endgültig vom internationalen Fussball verabschieden," sagte die in Los Angeles geborene Tamira Stone auf ihrem Weg aus dem Stadion. "Diese Spielerinnen haben so viel für den Fussballsport und für dieses Land getan, dass ich sie nicht laut genug anfeuern kann."
Während das US-Team seine Bronzemedaille überreicht bekam und sich winkend bei ihren tollen und begeisterungsfähigen Fans für die unglaubliche Unterstützung bedankte, applaudierten die treuen Fans in dem Bewusstsein, wahrscheinlich dem Ende einer Ära beigewohnt zu haben, zum Abschied ihrer US-Girls ein wenig lauter.