Die Atmosphäre im PGE-Park von Portland war am vergangenen Sonntag, regelrecht elektrisch geladen. Das Publikum stand fast während des gesamten Spiels auf den Beinen und feuerte die Gastgeberinnen und Titelverteidigerinnen aus voller Kehle an. Die aber lagen bereits nach einer Viertelstunde mit 0:1 zurück und versuchten für den Rest der Spielzeit vergeblich, die Hintermannschaft des Europameisters Deutschland zu knacken.

Das Spiel hatte alles, was ein gutes Fussballspiel braucht: Zweikämpfe, Dynamik, Schnelligkeit, Spannung... ein Spiel für die Ewigkeit. Kerstin Garefrekes hatte nach nur 15 Minuten durch ein Kopfballtor die Deutschen in Führung gebracht und damit die Bühne für den großen Kampf bereitet. Als ihr kraftvoller Kopfball von der Unterkante der Latte ins Netz zischte, konnte Torfrau Briana Scurry nur hilflos hinterher starren. Das Publikum verstummte entsetzt und nur die Jubelschreie der Deutschen auf dem Platz und der Bank durchbrachen die Stille. 27.000 Zuschauer im ausverkauften Stadion waren sprach- und fassungslos.

"Die ganze Atmosphäre heute, auf dem Platz und im Station, war wie elektrisiert", sagte die aus dem fussballbegeisterten Portland stammende Tiffeny Milbrett nach dem Spiel. "Ich muss Portland ein Riesenkompliment aussprechen. Es ist eine echte Fussballstadt. Das Publikum hier genießt immer das ganze Spiel, nicht nur die Tore."

Je mehr man angreift, desto mehr muss man aufmachen

In den verbleibenden 75 Minuten liefen die favorisierten Gastgeberinnen verzweifelt dem Ausgleichstreffer hinterher. Mia Hamm versuchte zu ordnen, Cindy Parlow ackerte auf dem rechten Flügel wie besessen und Kristine Lilly versuchte wieder und wieder, durch die Mitte zum Erfolg zu kommen. Die Amerikanerinnen versuchten alles, um wieder ins Spiel zu kommen. Doch eine geradezu übermenschliche Silke Rottenberg im deutschen Tor und eine ebenfalls unüberwindlich scheinende Abwehrleistung der gesamten deutschen Mannschaft sorgten dafür, dass den bis dahin so unbesiegbar scheinenden Amerikanerinnen kein einziger Treffer gelang.

Während der Schlussoffensive, als die USA verzweifelt alles nach vorne warfen und die Uhr die Sekunden zum Abpfiff gnadenlos herunter zählte, zeigten Maren Meinert und Birgit Prinz eiskalt, wie es geht, und machten durch ihre beiden Treffer nach schönen Kombinationen endgültig alle amerikanischen Hoffnungen auf ein Wunder zunichte. Die USA hatten am Ende ihre erst zweite Niederlage überhaupt bei FIFA-Frauenfussball-Weltmeisterschaft erlitten und den Tränen, die die US-Frauen danach auf dem Rasen von Portland vergossen, stand der Freudentaumel der Siegerinnen gegenüber.

"Das Spiel war äußerst offensiv orientiert und spielte sich hauptsächlich vor den Toren ab", analysierte die US-Cheftrainerin April Heinrichs danach. "Wir haben spektakuläre Angriffe gesehen. Auf andere Weise würde ich nicht verlieren wollen. Wenn man 0:1 zurück liegt, dann gibt es nur die eine Antwort, nämlich selbst nach vorn spielen, Chancen herausarbeiten und immer wieder versuchen, die Abwehr zu überwinden. Eine andere Reaktion hätte ich nicht akzeptiert."

Das beste Spiel aller Zeiten

Für die USA sind alle Träume von einer Titelverteidigung geplatzt, und für viele der Altstars war dies sicher die letzte Chance auf den Titelgewinn bei einer FIFA-Frauenfussball-Weltmeisterschaft. Während die Amerikanerinnen sich immer noch fragen, wie das passieren konnte, ohne eine Antwort zu finden, sind die Deutschen in die Favoritenrolle geschlüpft und stehen nun im alles entscheidenden Finale am Sonntag, dem 12. Oktober.

Trotz ihrer riesengroßen Enttäuschung fand Heinrichs nach dem Spiel auch optimistische Worte. "Rückblickend werden wir uns mit dieser Niederlage arrangieren müssen", meinte die stets eindrucksvolle Cheftrainerin und versuchte dabei, eine Träne zurückzuhalten. "Das war wohl das beste Frauenfussballspiel aller Zeiten. Ich bin jetzt noch genau so stolz auf meine Mannschaft, wie vor dem Anstoß."

Auch Vera Pauw, Mitglied der Technischen Studien-Gruppe der FIFA (TSG) schloss sich der Bewertung Heinrichs an. "Das war das spannendste Frauenfussballspiel, dass ich je gesehen habe", sagte sie nach dem Spiel gegenüber FIFAworldcup.com.

Respekt für die Siegerinnen

Die am Boden zerstörte Stürmerin Milbrett lobte nach der emotionalen Partie die Leistung der Deutschen: "Die deutschen Kombinationen laufen über das ganze Feld. Jede Spielerin auf dem Platz kann sich in den Angriff einschalten und den Ball halten - in der Vorwärtsbewegung sind sie alle gefährlich. Das macht die deutsche Mannschaft so stark."

Amerikas Fussball-Ikone Mia Hamm schien von der Niederlage am stärksten mitgenommen. Unter dem erbarmungslosen gleißenden Schein der Flutlichtstrahler saß sie zusammengesunken auf dem Rasen. Nacheinander kamen alle ihre Mitspielerinnen zu ihr und versuchten, sie zu trösten. Schließlich rang sie sich und der Niederlage doch noch ein paar positive Worte ab.

"Diese Mannschaft ist in jeder Hinsicht absolut außergewöhnlich. Selbst wenn ich könnte, würde ich nicht einen Moment missen oder ändern wollen", so die bescheidene Stürmerin. "Jede einzelne Spielerin ist völlig selbstlos. Selbst in der Niederlage ist dies die beste Mannschaft, zu der ich je gehört habe. Alle spielen voller Stolz und Verantwortung für ihr Land und lieben, was sie tun."

"Es war ein großartiges Spiel", sagte auch die deutsche Trainerin Tina Theune-Meyer. "Beide Mannschaften spielten auf sehr hohem Niveau und die Atmosphäre hier in Portland war wirklich eindrucksvoll."