"Natürlich waren wir alle von Chinas Abschneiden bei der FIFA-Frauenfussball-Weltmeisterschaft sehr enttäuscht", sagte Michelle Chai von der Technischen Studien-Gruppe der FIFA (TSG) in einem Interview mit FIFAworldcup.com. "Wir haben alle gesehen, dass die individuellen Fähigkeiten der Chinesinnen absolut erstklassig sind. Dennoch musste die Mannschaft mit einem zweitklassigen Ergebnis nach Hause fahren. Da muss man einfach enttäuscht sein."

Die frühere TSG-Vorsitzende bei der U-19-Meisterschaft der Asiatischen Fussball-Konföderation AFC war für die Bewertung der vier asiatischen Mannschaften bei der FIFA-Frauenfussball-Weltmeisterschaft USA 2003 zuständig.

"Ich weiß nicht, was bei den Chinesinnen dieses Mal nicht funktioniert hat, doch die individuellen Fähigkeiten und die Technik der Spielerinnen hätten sie mindestens bis ins Halbfinale bringen müssen," so Chai.

FIFAworldcup.com: Welchen Eindruck hatten Sie von der Leistung Chinas im Turnier?

Chai: Die Chinesinnen haben immer noch einige der besten Spielerinnen weltweit in ihren Reihen, die denen der USA und Deutschland sicherlich ebenbürtig sind. Sun Wen ist auch heute noch eine hervorragende Spielerin, wenn auch vielleicht nicht mehr ganz so überragend wie früher, und auch Bai Jie, Fan Yunjie und Wang Liping sind echte Ausnahmespielerinnen. Torhüterin Zhao Yan hat ihre Sache gut gemacht, auch wenn sie nur in den ersten beiden Spielen zum Einsatz kam.

Doch nach ihrem Fehler im Spiel gegen Australien, als sie einen Ball ins Tor rutschen ließ, wurde Zhao Yan nicht mehr eingesetzt.

Chai: Man muss Spielerinnen auch Fehler zugestehen. Es gibt keinen Fussballspieler, der nie einen Fehler macht.

Warum hat China mit diesen hervorragenden Spielerinnen nicht besser abgeschnitten?

Ich habe die vier Spiele der Chinesinnen gesehen und fand, dass die Organisation in der Mannschaft mangelhaft war. Die Spieler haben alle gute Einzelleistungen gezeigt, doch als Mannschaft hat China nicht gut gespielt. Trotz der außerordentlichen technischen Fähigkeiten der Spielerinnen und trotz deutlicher Überlegenheit im Ballbesitz konnten die Chinesinnen kaum Tore erzielen. Viel zu oft spielten die Spielerinnen ohne Risiko, spielten lieber noch einen Pass, statt zum Tor zu gehen. Dieser Stil ist jedoch in der heutigen Welt des Frauenfussballs nicht mehr gut genug. Torchancen werden in erster Linie durch gutes Stellungsspiel und gutes Teamwork herausgespielt. Die chinesische Mannschaft aber wirkte, als hätte sie erst eine Woche vor dem Beginn der Weltmeisterschaft mit dem Training angefangen. Ich weiß nicht, wo das wirkliche Problem lag, doch auf dem Feld haben wir keine geschlossene Mannschaft gesehen.

Tatsächlich war es aber so, dass China schon Anfang August mit der Vorbereitung auf das Turnier begonnen hat, also früher als die meisten anderen Mannschaften.

Ja, das stimmt. Ich habe vor der Weltmeisterschaft mit einigen Spielerinnen gesprochen. Die Spielerinnen in der WUSA sagten mir damals alle, dass sie nun ihre Vereine verlassen und nach China reisen würden, um mit der Nationalmannschaft zu trainieren.

Ist es denn dann fair zu sagen, dass die Chinesinnen nicht genügend Vorbereitung hatten?

Wenn man die Spiele beobachtet hat, konnte man die Früchte des Trainings kaum erkennen. Gegen Kanada spielten die Chinesinnen viel "schöner" als ihre Gegnerinnen, und die Spielerinnen zeigten tolle Einzelleistungen – doch es wirkte, als seien sie insgesamt nicht gut auf die Partie vorbereitet. China hatte viel mehr Ballbesitz als Kanada, und dennoch gab es nur wenige Torchancen im Spiel. Eigentlich waren nur zwei wirklich gute Chancen im ganzen Spiel zu sehen: in der neunten Minute, als ein Schuss von Sun Wen gegen die Latte ging, und kurz vor Schluss des Spiels, als Zhang Ouying von der Grundlinie flankte und sowohl Sun Wen wie auch Teng Wei in der Mitte nicht an den Ball kamen.

Sie sagen also, dass das mangelnde Mannschaftsspiel die Stärken der Spielerinnen unwirksam werden ließ?

Nun, vor vier Jahren hätte eine derart mit Ausnahmespielerinnen gespickte Mannschaft sicher bessere Resultate erzielt. Doch wie man hier deutlich sieht, geht es im internationalen Frauenfussball immer mehr um erfolgreiches Mannschaftsspiel, um Taktik und Koordination, und immer weniger um Einzelleistungen. Eine Mannschaft mit der spielerischen Klasse der Chinesinnen hätte es mindestens bis ins Halbfinale schaffen müssen, wenn das Teamwork gestimmt hätte. Bei einer Niederlage im Halbfinale wäre man wenigstens gegen ein starkes Team wie Schweden oder Deutschland ausgeschieden. Das wäre wohl angemessener gewesen. Die Niederlage gegen Kanada war, gelinde gesagt, unerwartet.

Der Generalsekretär der Asiatischen Fussball-Konföderation, Dato' Peter Velappan, hatte vorausgesagt, dass mindestens eine asiatische Mannschaft bis ins Finale kommen würde. War er vom Abschneiden der Asiatinnen besonders enttäuscht?

Ja, er war sehr enttäuscht. Doch insgesamt haben sich die asiatischen Mannschaften so schlecht nicht geschlagen. Sie haben allerdings das Potenzial, noch besser abzuschneiden. Das gilt natürlich insbesondere für China, denn die Chinesinnen sind nicht wegen mangelnder Fertigkeiten, sondern wegen einer schlechten Mannschaftsleistung ausgeschieden. Die Nordkoreanerinnen haben gezeigt, dass ihnen zwar die internationale Erfahrung noch fehlt, aber dass auch sie über hervorragende Technikerinnen und Einzelspielerinnen verfügen. Japan hat sein Kurzpassspiel ebenfalls recht gut durchgezogen, wenn es auch für die Zuschauer etwas einfallslos aussah. Ich habe den Japanerinnen immer gern zugesehen. Südkorea hat eine sehr junge Mannschaft. So sind die technischen Fähigkeiten der Spielerinnen noch begrenzt und damit konnten die Erwartungen kaum höher liegen. Zusammenfassend muss man also leider festhalten, dass von allen asiatischen Mannschaften die Leistung und das Abschneiden Chinas die größte Enttäuschung waren.