Wenn die amerikanische Nationalmannschaft am Samstag zum Spiel um Platz drei gegen Kanada antritt, wird man sicher einige sehr enttäuschte Gesichter sehen. Doch die US-Amerikanerinnen werden beim Aufeinandertreffen mit ihren nördlichen Nachbarn sicher ganz bei der Sache sein. Auch ohne den letzten Schritt ins Finale geschafft zu haben, schreiben die USA erneut ein Kapitel Fussballgeschichte.
Schon durch das Erreichen des Halbbfinales dieser vierten FIFA-Frauenfussball-Weltmeisterschaft wurden die USA die einzige Mannschaft, die bei jedem Weltturnier unter den letzten Vier landete. Die erste FIFA-Frauenfussball-Weltmeisterschaft in China 1991 schlossen die USA mit dem Titelgewinn ab, indem sie Norwegen im Finale besiegten. Vier Jahre später, in Schweden 1995 zogen die Amerikanerinnen dann gegen Norwegen den Kürzeren. Unvergessen ist bis heute das Finale der dritten FIFA-Frauenfussball-Weltmeisterschaft, in dem die USA beim dramatischen Elfmeterschießen vor 90.000 Zuschauern im Rose-Bowl-Stadion das glücklichere Ende für sich hatten.
Obwohl die USA nun ihren dritten Finaleinzug verpasst haben, werden sie aus mindestens zwei Gründen auf einen Sieg gegen Kanada aus sein. Zum einen befinden sich die Kanadierinnen derzeit auf einem Höhenflug und wollen sich gern in der Weltspitze festsetzen. Bei der FIFA-Frauenfussball-Weltmeisterschaft USA 2003 fuhren die Ahornblätter ihren ersten Endrundensieg überhaupt ein, zogen erstmals in die zweite Runde ein und erreichten dann sogar noch das Halbfinale. Nachdem die Kanadierinnen bislang immer im Schatten ihres übermächtigen südlichen Nachbarn standen, wollen sie beim Aufeinandertreffen am Samstag endlich einmal selbst als Siegerinnen im Flutlicht stehen. Die amerikanische Cheftrainerin April Heinrichs weiß genau: "Die Kanadierinnen wollen uns um jeden Preis besiegen."
Das Schlimmste vermeiden
Sollten die USA das Spiel verlieren, bliebe ihnen in der Gesamtwertung nur der vierte Platz. Dies wäre die schlechteste Platzierung aller Zeiten, denn 1995 in Schweden gewann man vor sehr wenigen Zuschauern in Stroemvallen mit 2:0 gegen den Erzrivalen China und gewann die ungeliebte Bronzemedaille - ein schwacher Trost für die Amerikanerinnen.
"Wir würden niemals die Weltmeisterschaft, unseren Verband oder den Gegner Kanada dadurch geringschätzig behandeln, dass wir dieses Spiel weniger ernst nehmen, als jedes andere Spiel", versicherte die US-Spielführerin Julie Foudy gegenüber USsoccer.com. "Wir sind hoch konzentriert und werden gegen Kanada unser Bestes geben, genau wie wir das im gesamten Turnier getan haben."
Doch es gibt noch einen anderen Grund neben der Ehre, der Rivalität und dem Willen, nicht als Vierter und damit so schlecht wie noch nie abzuschneiden: das historische 1.000 Tor der Nationalmannschaft ist in greifbarer Nähe.
Der Treffer von Abby Wambach im Viertelfinale gegen Norwegen war das 997. Tor (im 307. Spiel) in der 18-jährigen Geschichte der amerikanischen Frauenfussball-Nationalmannschaft. Allerdings dürfte es für die USA nicht einfach werden, drei Treffer gegen Kanada zu erzielen, denn in den Reihen Kanadas steht immerhin eine Charmaine Hooper, die sich von einer Stürmerin zu einer außergewöhnlichen Verteidigerin entwickelt hat und die dank ihrer bisherigen Spiele den Sprung in das MasterCard All-Star-Team von USA 2003 schaffte. Den 900. Treffer für die USA markierte die ebenfalls groß gewachsene Cindy Parlow am 8. September 2002. Theoretisch könnte die gleiche Spielerin nun auch den 1.000 Treffer erzielen, wenn es den demoralisierten Amerikanerinnen gelingt, ihre Enttäuschung beiseite zu schieben, sich zusammenzureißen und eine gute Leistung zu liefern.
Trotz einer eindeutigen Statistik gegen den Nachbarn aus dem Norden haben die USA die Schützlinge von Even Pellerud nur in drei der letzten acht Begegnungen besiegen können. Kanada hat durchaus das Zeug dazu, sich zu einem ernstzunehmenden Faktor in der immer ausgewogeneren Fussballwelt zu entwickeln. Ein Sieg über die vor dem Turnier als hoher Favorit gehandelten Amerikanerinnen käme den Kanadierinnen genau recht und wäre für sie ein toller Abschluss des Turniers.
Während die Spiele um den dritten Platz normalerweise nicht unbedingt vom Hocker reißen, könnte die Begegnung im Home Depot Center von Carson am 11. Oktober tatsächlich in die Annalen des Fussballs eingehen.