Bei ihren letzten beiden Auftritten bei Fussballweltmeisterschaften brachte es die kanadische Frauenfussball-Nationalmannschaft auf magere zwei Punkte und eine Tordifferenz von minus 17 - doch bei der FIFA Frauenfussball-Weltmeisterschaft USA 2003 fegten die Ahornblätter wie ein Wirbelwind durch das Turnier und schafften es bis unter die besten vier Teams der WM. Die meisten Beobachter sind sich einig, dass dieser unerwartete Höhenflug nur dem kämpferischen, aggressiven Spielstil und dem unbeugsamen Willen dieser kanadischen Mannschaft zu verdanken ist.

Nach einer 4:1-Schlappe im ersten Gruppenspiel gegen Deutschland gelang den Kanadierinnen mit dem 3:0 über Argentinien ihr erster Sieg bei einer Weltmeisterschafts-Endrunde. Es sagt einiges über den Erfolgswillen des Teams aus, dass die Mannschaft diese Leistung kaum zur Kenntnis nahm, sondern sich stattdessen voll darauf konzentrierte, den nächsten Gegner - Japan - zu bezwingen und sich so den zweiten Platz in Gruppe C zu sichern.

Und auch in diesem Spiel konnten die Kanadierinnen sich durchsetzen: Aus dem anfänglichen Rückstand machten sie einen überzeugenden 3:1-Sieg. Dank dieser drei Punkte war ihnen der Einzug in die zweite Runde sicher - und damit ein Viertelfinalmatch gegen China, die beste Mannschaft des asiatischen Kontinents und ein Team, gegen das sie von den letzten 11 Spielen nur eines gewinnen konnten. Doch auch in dieser Begegnung zeigte das kanadische Team so viel Mut und Einsatzfreude, dass es nach einem frühen Tor von Spielführerin Charmaine Hooper den chinesischen Ansturm (mit 65% Ballbesitz und 16 Großchancen) unbeschadet überstand und als 1:0-Sieger vom Platz ging.

Nachdem Kanada in der zweiten Hälfte des Halbfinales gegen Schweden in Führung gegangen war, schien ein Platz im wichtigsten Match des Frauenfussballs in greifbare Nähe gerückt. Aber letztlich bekam die "große kanadische Mauer", wie Charmaine Hooper die Spielweise ihres Teams bezeichnet hatte, doch einige Risse und wurde von den Schwedinnen zweimal überwunden.

Richtig reinhängen

Die kanadische Mannschaft hat einen Großteil ihres Erfolgs der Tatsache zu verdanken, dass alle Spielerinnen den Willen und die Fähigkeit mitbringen, auf dem Platz Einsatz bis zum Letzten zu zeigen. Schon vor Beginn des Turniers hatte die amerikanische Trainerin April Heinrichs die Spielweise ihrer nördlichen Nachbarn mit dem Satz kommentiert: "Sie spielen ohne Rücksicht auf sich und ihren Körper", und diese Beobachtung hat sich im Verlauf der Weltmeisterschaft als nur allzu wahr erwiesen. Die Kanadierinnen setzten ihren Gegnerinnen über neunzig Minuten zu und gingen mit vollem Einsatz in jeden Zweikampf.

Eine solche Spielweise führte fast schon naturgemäß dazu, dass Kanada in nur fünf Spielen 90 Fouls und neun gelbe Karten sammelte.

"(Trainer) Even (Pellerud) fördert ganz bewusst unseren aggressiven Spielstil", erzählt Stürmerin Christine Latham, die in diesem Turnier nicht nur durch ihr gewaltiges Laufpensum, sondern auch durch ihre drei Tore beeindruckte. "Dafür ist unser Team inzwischen bekannt. Wir versuchen, unsere Stärken auszuspielen - und dazu gehören mit Sicherheit unsere Physis und unsere Einsatzfreude. Dadurch haben wir Erfolg gegen Mannschaften, die körperlich nicht so stark sind wie wir oder die zu lange mit dem Ball am Fuß spielen. Ich glaube nicht, dass wir mit einer anderen Spielweise ähnlich erfolgreich wären."

Und die Erfolge, die die Kanadierinnen in den letzten Jahren verbuchen konnten, geben Pellerud und seinem Team Recht. Als problematisch könnte sich für Kanada auf Dauer nur das leicht auszurechnende Offensivspiel erweisen, das sich fast ausschließlich auf den aggressiven Spielstil in Kombination mit langen Bällen auf die Spitzen Latham und Christine Sinclair verlässt. Diese Taktik ist sehr erfolgreich gegen schwächere Teams, doch in den Spielen gegen Deutschland, China und Schweden kamen die Kanadierinnen im Schnitt nur auf sechs Torschüsse pro Match - deutlich zu wenig, wenn man auf Dauer eine Rolle in der Weltspitze spielen will.

Doch da inzwischen eine ganze Reihe technisch guter und talentierter junger Spielerinnen nachrücken, dürfte Pellerud bald über vielfältigere Möglichkeiten verfügen, um auch Weltklassemannschaften in Verlegenheit zu bringen. Allerdings sollte man nicht davon ausgehen, dass die Kanadierinnen über guter Technik ihre Einsatzfreude und Hartnäckigkeit vergessen.

"Eines kann dieses Team wirklich gut - wir alle hängen uns voll rein", meint die 22-jährige Latham. "Jede Spielerin ist hoch motiviert und kämpft bis zum Letzten. Ich bin davon überzeugt, dass du gegen jede Mannschaft der Welt deine Tore machen kannst, wenn du so spielst wie wir ... Damit will ich nicht sagen, dass wir von vorneherein davon ausgehen, gegen jedes Team unsere Tore zu schießen - es ist eher so, dass wir auf den Platz gehen und uns so lange voll reinhängen, bis die Tore fallen, egal gegen welche Mannschaft."

Also werden wir auch am 11. Oktober im Home Depot Center von Carson (Kalifornien), wieder kämpfende Kanadierinnen erleben - dieses Mal im Spiel um den 3. Platz bei der FIFA Frauenfussball-Weltmeisterschaft gegen die Gastgeberinnen aus den USA.