Josefine Öqvist war noch nicht geboren, als Altrocker Lou Reed seinen "Walk on the wild side" sang. Und auch als die Trogs mit "Wild thing" einen Superhit landeten, lebte die Schwedin noch nicht. Dazu meint Öqvist allerdings nur: "Na und?"

Die 20-Jährige erzielte bei Schwedens begeisterndem 2:1-Sieg über Kanada im Halbfinale der FIFA-Frauenfussball-Weltmeisterschaft am Sonntag den Siegtreffer. Dank dieses Treffers zog Schweden erstmals ins Finale einer FIFA-Frauenfussball-Weltmeisterschaft ein – und Öqvist rannte über das Feld und jubelte wie wild.

"Wild, ja", so Öqvist. "Ich kann schon manchmal ziemlich wild und verrückt sein. Ich finde, das ist eine gute Sache. Das macht mir sehr viel Spaß!"

Die jüngste Spielerin im schwedischen Team hatte zuvor atemlos mit angesehen, wie ihr Schuss an den linken Pfosten und von dort an Torhüterin Taryn Swiatek vorbei in die Maschen rauschte. Sie nannte ihren Treffer "einen wahr gewordenen Traum."

"Ich habe immer davon geträumt, mal so ein Tor zu schießen", freute sich die zierliche Stürmerin. "Das war wirklich ein Traum, der wahr wurde."

Nach dem Spiel gab Öqvist allerdings zu, dass sie keineswegs sicher war, dass ihr Schuss ins Netz gehen würde.

"Als ich geschossen habe, dachte ich der Ball fliegt vorbei", erinnert sie sich. "Wir hatten in diesem Spiel schon so viele Chancen verpasst, dass ich dachte, auch mein Schuss wird nichts. Doch dann traf der Ball den Pfosten und ging rein. Ich bin immer noch überglücklich."

Als ihre Teamkameradinnen sie nach dem entscheidenden Treffer in der 86. Minute gegen Kanada wild umarmten, brach Öqvist sogar in Freudentränen aus. Sie lief für den Wiederanstoß zum Mittelkreis zurück, doch wirklich erfasst hatte sie da noch nicht, was geschehen war.

"Ich war einfach nur überglücklich", berichtet sie. "Ich konnte nicht fassen, dass mein Schuss ins Netz gegangen war. So etwas Tolles habe ich noch nie erlebt."

Die Entscheidung der schwedischen Trainerin Marika Domanski-Lyfors, der 20-jährigen Stürmerin von Bälinge den Vorzug vor den erfahrenen Angreiferinnen Elin Flyborg und Ulricka Bjorn zu geben, wirkt im Nachhinein wie ein Geniestreich. Für Domanski-Lyfors bringt die junge Stürmerin eine ganz neue Dimension in die Mannschaft.

"Josefin spielt anders als viele andere Spielerinnen, denn sie kann tief hinter die Verteidigung vorstoßen", meint Domanski-Lyfors. "Sie ist sehr schnell und ganz besonders beweglich."

Und sie gibt selbst zu, dass sie nichts lieber tut, als Tore schießen.

"Klar, das mach' ich gern", meint sie lapidar. "Tore schießen liebe ich. Ich will immer treffen und ärgere mich schwarz, wenn ich kein Tor schaffe. Ich liebe Toreschießen über alles."

Obschon sie sich durch das Tor gegen Kanada einen Platz als Star neben Hanna Ljungberg und Victoria Svensson gesichert hat, bleibt Öqvist doch auf dem Boden der Tatsachen, ein ganz normales schwedisches Mädchen mit 20 Jahren. Über ihr Engelsgesicht huscht ein teuflisches Lächeln, als sie sich selbst als "ein bisschen blond" beschreibt. Neben dem Fussball hat sie noch eine weitere große Leidenschaft.

"Ich liebe Einkaufen", sagt sie. "Ich mag Klamotten und Handtaschen und genieße es, mit Freundinnen durch die Boutiquen zu streifen. Einkaufen ist toll."

Öqvist hegt große Bewunderung für ihre Teamkameradinnen und deren Zeitplanung. So flitzt Victoria Svensson nach einem anstrengenden Sieben-Stunden-Tag auf Arbeit zu ihrer Wohnung, holt ihre Trainingssachen und geht dann vier Stunden zum Training. Ihr eigenes Leben ist etwas einfacher.

"Ich wohne noch bei meinen Eltern und suche im Moment eine Stelle. Daher habe ich noch viel mehr Zeit. Ich würde am liebsten einfach immer nur Fussball spielen. Das wäre wirklich toll."

Obwohl sie die jüngste Spielerin im schwedischen Kader ist, spricht sie schon wie ein alter Hase, wenn es um ihr Tor und dessen Konsequenzen geht. Das bevorstehende Finale gegen Deutschland hat die großen Emotionen nach dem Tor gegen Kanada schon fast in den Hintergrund gedrängt.

"Als ich getroffen habe, reagierte ich natürlich sehr emotional. Ich meine, das war ja wirklich ein Riesending", so Öqvist. "Doch jetzt steht das Endspiel vor der Tür und wir müssen uns darauf vorbereiten. Es war toll, gegen Kanada zu treffen, doch wir haben noch ein Spiel vor uns, und das ist jetzt das einzige, was zählt."

Doch auch das Toreschießen zählt noch. Öqvist hat bislang in ihren sieben Spielen mit der A-Nationalmannschaft schon drei Tore erzielt. Eine Quote von einem Tor in jedem zweiten Spiel liegt also durchaus im Bereich des Möglichen, stimmt sie mit einem breiten Grinsen zu.

"Ja, das wäre toll, oder? So lange ich Tore schießen kann, bin ich glücklich."