Rafinha: Trotz Niederlage guter Dinge
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Ulsan Hyundai FC verabschiedet sich mit zwei Niederlagen in zwei Spielen von der FIFA Klub-Weltmeisterschaft Japan 2012. Für den Brasilianer Rafinha ist der Frust allerdings nicht ganz so groß, weil es für ihn im November gleich zwei Gründe zum Feiern gab: Der erste war der Sieg in der AFC Champions League, der ihm den bedeutendsten Titel seiner Karriere brachte. Der zweite Grund ist sogar noch gewichtiger, denn seit dem 26. November ist der Stürmer Vater. 

Während der Vorbereitung auf das Turnier in Japan brachte seine Frau in seiner Geburtsstadt São Paulo Sohn Enzo auf die Welt. "Er wurde erst vor wenigen Tagen geboren. Ich war zu Hause. In Brasilien war es Nacht und hier früher Morgen. Mein Training war am Nachmittag, und ich konnte überhaupt nicht schlafen. Ich war die gesamten frühen Morgenstunden hindurch auf, und sie war im Krankenhaus. Ich habe geheult ohne Ende. Ich habe mich sogar selbst gefilmt, um später zeigen zu können, wie ich mich gefühlt habe", verrät er im Gespräch mit FIFA.com. "Ich wurde mit einem Titel und mit meinem Sohn gesegnet. Ohne Zweifel eine große Trophäe."

Zwischenzeitlich gab es einen Wettbewerb, in dem sein Team gegen Meister aller Kontinente antreten musste. Die Sache lief nicht wie erwartet. Aber dem Brasilianer geht es derzeit so gut, dass er die Dinge trotzdem positiv sieht und sich eher auf das konzentriert, was er erreicht hat – in den unterschiedlichsten Bereichen. "Also, ich hätte nie gedacht, dass ich überhaupt hier sein und eine Weltmeisterschaft bestreiten würde. Unser Auftritt war nicht sehr gut, aber die Teilnahme steht im Lebenslauf. Es gibt viele, die hier gern dabei gewesen wären."

Der Weg nach oben
Rafinha selbst hat nicht erwartet, dass seine Karriere einen solchen Verlauf nehmen würde. Der Stürmer wurde in der Nachwuchsabteilung von Nacional ausgebildet, einem kleineren Klub aus São Paulo, der jedoch schon diverse Spieler hervorgebracht hat, so unter anderem Mittelfeldstar Deco und Stürmer Dodô. Rafinha hatte ein kurzes Intermezzo in der Junioren-Nationalmannschaft, schaffte jedoch den Sprung ins A-Team nicht. Für ihn lag also die Lösung darin, sein Glück im Ausland zu versuchen – ein Schritt, den schon viele seiner Landsleute gegangen sind. Sie sind über die ganze Welt verstreut.

Der Stürmer probierte es 2007 zunächst in Japan. Damals war er gerade einmal 19 Jahre alt. Er spielte eine Saison für Avispa Fukuoka, wurde jedoch vom deutschen Trainer Pierre Littbarski nicht häufig eingesetzt. "Ich war noch sehr jung und kam praktisch ein Jahr lang nicht zum Einsatz. Da beschloss ich, nach Brasilien zurückzukehren. Als ich später nach Japan zurückkehrte, sagte ich mir, dass ich mich eingewöhnen und spielen wollte", meint er. "So muss das nun mal sein. Wir kommen hierher, um unsere Ziele zu erreichen. Die kulturelle Seite ist etwas schwierig. Damit kommt nicht jeder klar. Es sind schon viele namhafte Spieler hergekommen, die am Ende nicht geblieben sind."

Nachdem er zunächst beim japanischen Zweitligateam Thespa Kusatu aktiv gewesen war, wechselte Rafinha Anfang des Jahres zu Gamba Osaka. In Osaka wurde auch seine Frau schwanger. Einige Monate später zog das Paar nach Korea Republik. Seine Frau trat später die Reise nach Brasilien an, weil sie ihr Kind dort zur Welt bringen wollte, während Rafinha zu Ulsan wechselte. Und dort sollte es dann richtig gut für ihn laufen: Er erzielte in der AFC Champions League sieben Treffer und bildete an der Seite der Koreaner Lee Keunho und Kim Shinwook einen entscheidenden Stützpfeiler der Offensivabteilung. 

Bei der FIFA Klub-Weltmeisterschaft gelang ihm in zwei Spielen am Ende kein Treffer. Allerdings blieb das Team als Ganzes hinter den Erwartungen zurück. Derzeit laufen gerade Vertragsverhandlungen, und es wird sich bald entscheiden, ob Rafinhas Engagement beim Klub verlängert wird. "Es hätte auf dem Spielfeld schon noch etwas mehr herauskommen können, aber generell bin ich mit dem Abschluss des Jahres zufrieden", erklärt er. "Ich hoffe, dass ich mehr Titel gewinnen kann, damit meine Situation noch etwas komfortabler wird. Im Augenblick denke ich nicht daran, nach Brasilien zurückzukehren. Ich hoffe, dass ich noch etwa fünf Jahre im Ausland aktiv sein kann. Noch ist es zu früh für eine Rückkehr."

So nah und doch so weit
Damit meint er natürlich, dass er nicht nach Brasilien zurückkehren möchte, um seinem Beruf nachzugehen. Denn im Augenblick möchte er am liebsten in den nächsten Flieger in Richtung Heimat steigen. "Heute packe ich die Koffer. Es geht zunächst nach Osaka und von dort aus weiter nach Brasilien. Mein Sohn wartet auf mich. Ich kann es gar nicht erwarten, ihn endlich zu sehen. Bisher musste ich mich mit Videos und Fotos begnügen."

Rafinha ist erklärter Corinthians-Anhänger und dem Traum eines jeden Fans sehr nahe gekommen: auf der Tribüne live dabei zu sein, wenn das eigene Team um den Weltmeistertitel kämpft. Aber während Tausende von Corinthians-Fans die Reise nach Japan angetreten haben, um hautnah dabei zu sein, wird der Stürmer von Ulsan sich in umgekehrter Richtung in Bewegung setzen. "Ich wollte natürlich unbedingt dabei sein. Aber wenn ich mich zwischen Corinthians und meinem Sohn entscheiden muss… (lacht), dann ziehe ich natürlich meinen Sohn vor. Ich möchte ihm jetzt nah sein und ihn in den Arm nehmen können."