Torres: "Diese Chance müssen wir nutzen"
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Wer wie Fernando Torres ein Mal die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™, zwei Mal die UEFA EURO, ein Mal die UEFA Champions League und ein Mal den FA Cup gewonnen hat, darf wohl durchaus mit seiner bisherigen Karriere zufrieden sein.

Doch der Spanier, der im Januar 2011 für fast 50 Millionen Pfund zum FC Chelsea wechselte, steht stets unter dem Druck, diesen Betrag zu rechtfertigen – und dafür will er noch zahlreiche weitere Titel holen, angefangen mit der FIFA Klub-Weltmeisterschaft in diesem Monat.

Im Exklusiv-Interview mit FIFA.com spricht der spanische Torjäger über Japan 2012, die Motivation durch Turniere wie die FIFA Klub-Weltmeisterschaft und den FIFA Konföderationen-Pokal sowie seine Einschätzung der spanischen Dominanz im Weltfussball.

Fernando, was sagen Sie mit etwas Abstand nun zum Gewinn der UEFA Champions League?
Man darf sich glücklich schätzen, wenn man die UEFA Champions League ein Mal in seiner Karriere gewinnt. Mit sehr viel Glück kann man sie vielleicht mehr als ein Mal gewinnen. In der Nationalmannschaft haben einige Teamkollegen sie zwei oder sogar drei Mal gewonnen. Ein Champions-League-Sieger zu sein, ist außergewöhnlich. Darauf kann man stolz sein und das auch zeigen. Nach dem Rücktritt kann man auf das Champions-League-Finale als einen der großen Höhepunkte der Karriere zurückblicken.

Wie sehr hat sich Chelsea seitdem verändert? Herrscht jetzt ein größeres Selbstbewusstsein?
Bei den Fans auf jeden Fall. Seit Roman Abramovich [der Eigentümer von Chelsea] hier ist, hatte das Team zwar die Premier League und den Pokal gewonnen, aber um zu zeigen, dass Chelsea jetzt eines der europäischen Spitzenteams ist, musste man eben die Champions League gewinnen. Der Kader unterscheidet sich allerdings sehr von dem der vergangenen Saison. Das ist gut, denn einige Spieler haben die Champions League bereits gewonnen, andere sind gerade dazu gekommen und haben das noch nicht geschafft, wollen es aber unbedingt. Wir haben die Erfahrung, wir haben die Leidenschaft, und wir haben die neuen Spieler, die vielleicht noch stärker als wir auf den Sieg drängen.

Was erwarten Sie von der FIFA Klub-Weltmeisterschaft?
Bei diesem Turnier waren wir noch nie dabei. Die Atmosphäre in Asien ist immer etwas ganz Besonderes. Nicht nur das Publikum, auch die Wetterbedingungen und die Art und Weise, wie die südamerikanischen Teams das Turnier angehen. Wir werden uns mental gut vorbereiten. Hoffentlich gelingt es uns nach der Ankunft, uns gut zu akklimatisieren und das Turnier mit einer konzentrierten Leistung zu gewinnen. Wir sollten es auf jeden Fall ernst nehmen. Ich finde, dass dies eines unserer wichtigsten Ziele in diesem Jahr ist. Wir werden bei diesem Turnier nicht wieder dabei sein, ohne zuvor die Champions League zu gewinnen. Und wenn es schon schwer genug ist, die Champions League zu gewinnen, so ist es noch schwerer, die Partien dort zu gewinnen, denn jeder weiß, dass die südamerikanischen und die asiatischen Teilnehmer und auch alle anderen Teams dieses Turnier viel wichtiger nehmen als die europäischen Teams. Hoffentlich ist das in dieser Saison nicht der Fall.

Wie viel wissen Sie über die Mannschaften, auf die Sie in Japan treffen könnten?
Über Corinthians weiß ich mehr als über die anderen Teams. Im vergangenen Jahr haben wir sie im Halbfinale gegen Santos und in einigen weiteren Partien gesehen. Sie haben großartige Spieler, wie bei brasilianischen Teams üblich. Wenn sie gegen Chelsea spielen, dann schaut die ganze Welt zu. Vielleicht ergibt sich für einige Spieler daraus die Chance, nach Europa zu kommen. Das ist für sie ein großartiges Szenario – und für uns ist es gefährlich.

Ist Chelsea trotzdem Favorit?
Eigentlich schon, aber für mich bedeutet die Favoritenrolle rein gar nichts. Sie sorgt höchstens für noch höheren Druck. Letztlich spielt es keinerlei Rolle, ob man Favorit ist oder nicht. Man muss seine Leistung auf dem Platz bringen.

Wie gefällt Ihnen die Rolle als wichtigster Stürmer in dieser Saison bei Chelsea?
Ich bin sehr zufrieden damit, denn das habe ich ja angestrebt. Diese Rolle wollte ich spielen. Als Mannschaft müssen wir uns noch in einigen Bereichen verbessern. Aber ich denke, dass wir die richtigen Spieler beisammen haben. Wir brauchen einfach noch etwas Zeit.

Mit so vielen talentierten Offensivspielern hinter Ihnen muss es für Sie jetzt etwas leichter sein, oder?
Wir waren insbesondere in der Defensive in dieser Saison bisher sehr stark. Das hat sicherlich dazu beigetragen, dass wir die meisten Spiele gewinnen konnten. Auch im Mittelfeld haben wir jetzt enorm viel Qualität. Diese Spieler sind für uns der Schlüssel zum Erfolg, denn wir müssen für sie spielen; die Stürmer müssen verinnerlichen, was sie wollen, um mehr Tore zu schießen. Es ist bloß eine Frage der Zeit und des Trainings. Wir müssen dafür sorgen, dass wir uns gegenseitig optimal verstehen. Mit [Juan] Mata spiele ich schon seit vielen Jahren in der Nationalmannschaft zusammen und schon eine Saison bei Chelsea. Aber Oscar und Eden [Hazard] sind gerade erst hierher gekommen. Wir müssen noch mehr miteinander trainieren, um das Verständnis zu verbessern.

Wie bewerten Sie heute Ihren Wechsel von Liverpool zu Chelsea?
Chelsea ist immer auf der Jagd nach Titeln, das war einer der wichtigsten Gründe, zu Chelsea zu gehen. Ich wollte Titel gewinnen, denn nur Titel bleiben nach dem Ende der Karriere. Schon in meiner ersten vollen Saison hier haben wir den FA Cup und die Champions League gewonnen. Mehr kann man wohl nicht verlangen. Jetzt haben wir die Gelegenheit, die FIFA Klub-Weltmeisterschaft zu gewinnen. Ich habe noch einen Vertrag für vier Jahre. Hoffentlich kann ich in diesen vier Jahren noch viele weitere Titel zusätzlich zur Champions League und dem FA Cup gewinnen – und als erstes die FIFA Klub-Weltmeisterschaft.

Sie haben in Ihrer Karriere schon fast alles gewonnen. Welche Ziele haben Sie noch?
Noch viele weitere Ziele. Die Premier League zu gewinnen, wäre fantastisch. Dann wäre da der Capital One Cup, der Community Shield – diese Saison haben wir verloren; hoffentlich bekommen wir die Gelegenheit, wieder darum zu spielen. Es gibt noch viele weitere Titel zu holen.

Warum ist die spanische Spielweise im Weltfussball so dominant geworden?
Man braucht die richtigen Spieler, um diese Spielweise zu praktizieren. Viele Teams versuchen, mehr oder weniger wie Spanien zu spielen, aber man hat keine Chance, weil man diese Spieler dafür braucht. Wenn man Spieler wie Xavi, [Andres] Iniesta, [David] Silva, Mata, Cesc [Fabregas], [Santi] Cazorla und einige mehr hat, dann kann man es machen. Oder Barcelona mit [Lionel] Messi und Alexis [Sanchez], das geht. Aber wenn man keine derartigen Spieler hat, dann ist es sehr, sehr schwer. In Spanien haben wir manchmal 80 Prozent Ballbesitz. Sie verlieren den Ball einfach nicht. Wenn man den Ball nicht hat, dann muss man verteidigen. Und das ist nicht unbedingt eine der Stärken einer Mannschaft, die stets versucht, den Ball zu halten. Ich denke, dass man sich anpassen und so spielen muss, wie es für die vorhandenen Spieler am besten ist. Spanien und Barcelona sind große Ausnahmeteams.

Kann Spanien in Brasilien 2014 das vierte große Turnier in Folge gewinnen?
Warum nicht? Drei in Folge haben wir schon gewonnen. Hoffentlich können wir in diesem Sommer vor der WM auch noch den Konföderationen-Pokal gewinnen. Dieses Turnier hat Spanien noch nie gewonnen. Das wäre also eine Premiere in der spanischen Fussballgeschichte. Danach ist natürlich die WM 2014 in Brasilien das große Ziel. Wir wollen den Titel in Brasilien holen. Das ist der wichtigste Termin für Spanien. Aber bis dahin ist noch viel Zeit, und es gibt noch viele andere Spiele. Der Weg nach Brasilien ist noch lang, und es wird selbst mit den Spielern, die wir in Spanien haben, schwer werden.

Freuen Sie sich sehr auf den Konföderationen-Pokal?
Um solche Trophäen spielt man meist nur ein Mal im Leben. In Südafrika haben wir gegen die USA im Halbfinale verloren. Natürlich will man immer dabei sein, denn dafür muss man ja zuerst Weltmeister oder Europameister werden. Vielleicht ist es für mich und die anderen Spieler meiner Generation der letzte Konföderationen-Pokal, bei dem wir dabei sein können. Hoffentlich können wir das Turnier gewinnen. Für die Leute gehört der Konföderationen-Pokal vielleicht nicht zu den wichtigsten Titeln, aber wir spielen dieses Turnier nicht in jeder Saison. Darum ist es umso wichtiger, voll und ganz dabei zu sein. Wie auch bei der FIFA Klub-Weltmeisterschaft in Japan gilt: Wer weiß, ob wir nochmal dabei sind – also müssen wir diese Chance nutzen.