Anfang des Monats konnte sich Rio Ferdinand über ein außergewöhnliches Geburtstagsgeschenk freuen, als Diego Maradona, Argentiniens neuer Nationaltrainer, das Trainingszentrum von Manchester United in Carrington besuchte, um sich mit Carlos Tevez zu treffen. Maradona schenkte dem englischen Nationalverteidiger zu seinem 30. Geburtstag ein handsigniertes Trikot, das in der stetig wachsenden Pokal- und Medaillensammlung des Engländers sicher einen Ehrenplatz bekommen hat.
Ferdinand ist ein überaus wichtiges Mitglied der Mannschaft, die allein im Jahr 2008 zwei der prestigeträchtigsten und anspruchsvollsten Titel im Weltfussball gewinnen konnte: Die englische Premier League und die UEFA Champions League. Jetzt hofft der gebürtige Londoner, noch vor Jahresende die Liste seiner Erfolge um den Gewinn der FIFA Klub-Weltmeisterschaft erweitern zu können.
In einem Exklusivgespräch mit FIFA.com blickte Ferdinand auf die Nacht von Moskau zurück, in der ManU sich die Teilnahme in Japan sicherte. Außerdem sprach er über seine Fortschritte als Profifussballer und erklärte, warum Roger Federer und Nelson Mandela seine persönlichen Idole sind.
Können Sie sich an den Moment erinnern, als Sir Alex Ferguson Sie zum Kapitän für das UEFA Champions-League-Finale bestimmte?
Er hat mich nicht explizit bestimmt. Er hat die Mannschaft aufgestellt, und da Gary [Neville] und [Ryan] Giggs nicht spielten, war es klar, dass ich Kapitän war. So unspektakulär war das. Komisch ist, dass ich gar nicht daran dachte, dass ich möglicherweise den Pokal entgegennehmen würde. Erst nachdem wir das Spiel gewonnen hatten, kam jemand zu mir und sagte: "Sie müssen jetzt die Mannschaft zur Siegerehrung führen." Da erst wurde mir die Bedeutung der Kapitänsbinde an diesem Abend klar - das war ein sehr emotionaler Moment. Es gab in meiner ganzen Karriere noch keinen schöneren Moment.
Ändern Sie Ihre Spielweise, wenn Sie Kapitän sind?
Nein, eigentlich nicht. Natürlich bedeutet es eine größere Verantwortung, Spielführer zu sein. Aber wenn man die Kapitänsbinde bekommt und dann sehr viel anders spielt, dann entfernt man sich von der Leistung, die einem die Kapitänsbinde erst eingebracht hat. Man bekommt die Kapitänsbinde, weil der Trainer findet, dass man wie eine Führungspersönlichkeit spielt. Insofern sollte man also auch als Kapitän auf die gleiche Weise weiter spielen.
Das ist sicher bei ManU und in der englischen Nationalmannschaft leichter, denn dort sind Sie ja auch von Führungsspielern umgeben.
Ja, das stimmt. Diese Spieler haben einen großen Siegeswillen, sie sind erfolgshungrig. Manchester United hat eine sehr lautstarke Mannschaft, die Spieler sprechen und rufen viel. Auch in der Nationalmannschaft wird das immer stärker. Ich halte das für sehr wichtig für eine erfolgreiche Mannschaft.
Sie haben den Pokal gemeinsam mit Ryan Giggs in die Höhe gereckt, da er den entscheidenden Elfmeter verwandelt hatte. Aber wer wäre als Nächster an der Reihe gewesen?
Ich selbst wäre danach dran gewesen! Ich habe die ganze Zeit gegrübelt, wo ich den Ball hin schießen würde und bin die Situation wieder und wieder im Geiste durchgegangen. Aber letztlich musste ich gar nicht mehr ran! Ich war sehr nervös, das kann ich Ihnen sagen. Und dann war ich Edwin [van der Sar] unendlich dankbar, dass er den letzten gehalten hat.
Sind Sie vor derart großen Spielen sehr nervös?
Das letzte Mal, dass ich vor einem großen Spiel nervös war bzw. mich regelrecht überwältigt fühlte war wohl das Spiel gegen Brasilien beim FIFA Weltpokal Korea/Japan 2002™. Wenn ich mich gut auf ein Spiel vorbereite und eine bestimmte Routine einhalte, werde ich eigentlich nicht nervös.
Sie haben das Turnier in Japan angesprochen. Im kommenden Monat reisen Sie wieder dort hin. Welche Erinnerungen haben Sie als Fussballer an dieses Land?
Ich fahre sehr gern nach Japan. Ich finde, dass Japan ein fantastisches Land ist. Es ist sehr vielseitig, und die Menschen sind sehr fussballbegeistert. Die Stadien sind hervorragend und bieten erstklassige Einrichtungen. Wir haben 2002 mit der englischen Nationalmannschaft dort recht gut abgeschnitten, und ich bekam wegen meiner Leistungen die Möglichkeit, zu Manchester United zu wechseln. Wenn ich auf meine Karriere zurück blicke, habe ich nur die besten Erinnerungen an Japan.
Was ist Ihre schönste Erinnerung an den FIFA Weltpokal Korea/Japan 2002™?
Das Tor, das ich im Achtelfinale gegen Dänemark erzielt habe. Wir haben in dieser Partie sehr gut gespielt. Mein erster WM-Treffer für England war ein fantastischer Moment.
Sechs Jahre später kehren Sie nun also zur FIFA Klub-Weltmeisterschaft zurück. War 2008 Ihr bislang bestes Jahr als Fussballprofi?
Was den Erfolg angeht auf jeden Fall. Es kann ja kaum mehr geben als den Gewinn der Premier League und der Champions League. Jetzt wollen wir noch die Klub-Weltmeisterschaft gewinnen. Es wäre großartig, das neue Jahr mit einem solchen Titel zu beginnen. Wir wollen unbedingt gewinnen, und ich hoffe, dass uns das auch gelingt.
Wie viel wissen Sie über die anderen Mannschaften bei diesem Wettbewerb?
Noch nicht viel, aber der Trainer arbeitet schon daran. Wenn wir uns auf den Weg machen, werden wir sehr gut vorbereitet sein!
Wie beurteilen Sie Ihre Entwicklung, seitdem Sie zu Manchester United gegangen sind?
Ich denke, dass es eine beständige Verbesserung gegeben hat. Wir haben zwar schon in meiner ersten Saison dort den Meistertitel gewonnen, aber damals fühlte ich mich noch nicht wie ein Schlüsselspieler der Mannschaft. Ich habe zwar in jeder Partie gespielt, aber in gewisser Weise habe ich diese Spiele absolviert, ohne allzu viel Verantwortung zu tragen. Ich denke, dass ich seitdem in dieser Hinsicht von Jahr zu Jahr Fortschritte gemacht habe.
Sie haben Ihre Karriere als Mittelfeldspieler begonnen. Wie schwer ist es Ihnen gefallen, sich weiter hinten in der Abwehr zurecht zu finden?
Es war nicht allzu schwer. Schon als ich 14 oder 15 war, fragte mich mein damaliger Trainer, ob ich mal als Verteidiger spielen könnte. Ich hab's gemacht und es nicht bereut. Als ich etwas jünger war, hat man mich auch ins Mittelfeld gestellt oder sogar nach vorn, damit ich mal ein Tor machen konnte, aber jetzt nicht mehr!
Sie erzielen mittlerweile etwas regelmäßiger Tore. Worauf führen Sie das zurück?
Wenn ich früher bei Standardsituationen nach vorn ging, dachte ich einfach "Na, schauen wir mal, was passiert." Heute gehe ich viel konzentrierter an diese Situationen heran. Ich weiß, wohin ich laufen werde und kann daher viel gefährlicher werden.
Sie sind also eine Art Stürmer für Notfälle, Mittelfeldspieler und Verteidiger. Im Januar haben Sie bei einem FA-Cup-Spiel sogar im Tor gespielt, nachdem Torhüter Tomasz Kuszczak die Rote Karte bekam. Was war das für eine Erfahrung?
Ich will um nichts in der Welt wieder im Tor spielen! Das ist die einsamste Position auf dem ganzen Feld. Ich weiß nicht, wie Torhüter das aushalten können! Man ist ganz allein, man sieht oder berührt den Ball oft über lange Strecken nicht, und dann, ganz plötzlich, steht man im Mittelpunkt der Action und muss Rettungstaten zeigen, die den Spielverlauf entscheidend beeinflussen können. Das ist fürchterlich!
Wer sind Ihre persönlichen Idole im Sport und außerhalb?
Im Sport würde ich Roger Federer sagen, denn er beherrscht die Tennisszene mit Können, Konzentration und Stil. Das muss man einfach bewundern, denn als Sportler weiß ich genau, wie schwierig es ist, Woche für Woche solche Leistungen zu bringen. Außerhalb des Sports ist es Nelson Mandela, wegen all dem, was er erreicht hat. Er hat sein gesamtes Leben und Wirken seinem Land gewidmet.
Die nächste FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ findet in Mandelas Heimat statt. Was empfinden Sie bei dem Ausblick, dort zu spielen?
Es wäre fantastisch, wenn Nelson Mandela derjenige wäre, der uns den WM-Pokal überreicht! Es gibt keinen besser geeigneten Menschen dafür. Das ist ein Ziel, auf das man hinarbeiten kann, aber es ist noch ein sehr, sehr langer Weg dorthin.
