Kenner der Fussballszene wissen, dass ein Torhüter den Zenit seiner Karriere in der Regel erst mit zunehmendem Lebensalter erreicht. Dies belegen unzählige Beispiele, allen voran Italiens Ex-Nationaltorhüter Dino Zoff, der bei der FIFA WM Spanien 1982 als 40-Jähriger Weltmeister wurde. Oder nehmen wir den Brasilianer Clemer, der als 38-Jähriger einen entscheidenden Beitrag zum Titelgewinn von Internacional Porto Alegre bei der FIFA Klub-Weltmeisterschaft 2006 leistete.

Zwei Jahre nach jenem denkwürdigen Triumph des brasilianischen Routiniers zwischen den Pfosten reist der inzwischen 37-jährige Ecuadorianer José Cevallos im kommenden Monat nach Japan, um dort als Torhüter des amtierenden Südamerika-Meisters Liga Deportiva Universitaria de Quito nach der WM-Krone für Klubmannschaften zu greifen. Cevallos, der in Korea/Japan 2002 als ecuadorianischer Nationaltorhüter mit von der Partie war, kann auf die geballte Erfahrung von insgesamt vier Teilnahmen an der Copa América verweisen. Noch in frischer Erinnerung ist sein überragender Auftritt im Finale der diesjährigen Copa Libertadores, als er im entscheidenden Elfmeterschießen gleich drei Strafstöße parierte und damit den größten Anteil am Erfolg seiner Mannschaft hatte. Während er sich auf die weite Reise in das Land der aufgehenden Sonne vorbereitet, sprach der Held vom Maracanã-Stadion exklusiv mit FIFA.com über seine damit verbundenen Gefühle und versicherte: "Uns fehlen nur noch zwei Spiele bis zur Krönung."

Meine Zielsetzung für dieses Jahr war der Gewinn der Copa Libertadores, und auch das ist mir gelungen.
José Cevallos (Liga de Quito)

Beharrlicher Weg zum Erfolg
Pepe Pancho, wie Cevallos von den Medien genannt wird, verbindet mit Liga de Quito bereits eine lange Geschichte. Zunächst ist es jene Klubmannschaft, gegen die er einst sein Erstligadebüt gab. Damals stand er als 18-Jähriger für Barcelona de Guayaquil zwischen den Pfosten. Und schließlich war es erneut der Klub aus der ecuadorianischen Hauptstadt, mit dem er nach zwei vergeblichen Anläufen mit seinem einstigen Verein die Copa Libertadores zum ersten Mal überhaupt nach Ecuador entführen konnte. Dabei hatte er noch Ende letzten Jahres ernsthaft erwogen, sich vom aktiven Sport zurückzuziehen. Stattdessen spielt er heute wieder auf höchstem Niveau.

"Man setzt sich stets ein bestimmtes Ziel: Erst wollte ich Profi werden, dann ecuadorianischer Meister, bevor ich auch in der Nationalmannschaft spielen und mit ihr an einem WM-Turnier teilnehmen wollte. All das habe ich erreicht. Meine Zielsetzung für dieses Jahr war der Gewinn der Copa Libertadores, und auch das ist mir gelungen", so der sichtlich zufriedene Erfolgskeeper im Rückblick. "Vielleicht schwingt auch ein wenig das traurige Gefühl mit, es mit Barcelona de Guayaquil nicht geschafft zu haben, zumal ich diesem Verein so viel verdanke, und ich dort immer sehr gut behandelt wurde. Deshalb gehört dieser Erfolg auch ganz Ecuador", ist sich der 37-Jährige sicher.

Bei Liga de Quito avancierte Cevallos spätestens seit seinen wiederholten Glanzvorstellungen bei Elfmeterschießen in der Copa Libertadores, dank der sein Team sowohl den argentinischen Vertreter San Lorenzo ausschalten als auch Fluminense Rio de Janeiro in der entscheidenden Finalpartie im legendären Maracanã-Stadion besiegen konnte, zu einem der wichtigsten Schlüsselspieler. Aus Erfahrung weiß indes auch er, dass die FIFA Klub-Weltmeisterschaft für ihn eine Premiere bedeutet: "Da ist immer auch eine gewisse nervliche Anspannung mit im Spiel, jenes Kribbeln also, das einen vor jeder wichtigen Partie aufs Neue erfasst. Dies gilt umso mehr, wenn es sich um ein Turnier wie das bevorstehende in Japan handelt."

Wenn er von Japan spricht, wird schon an seinen Worten deutlich, dass Pepe bestens mit dem fernöstlichen Land vertraut ist. Dort hat er mit Ecuador am FIFA Weltpokal Korea/Japan 2002™ und am Kirin-Cup teilgenommen sowie mehrere Freundschaftsspiele bestritten. "Japan ist ein beeindruckendes Land, dessen Bewohner sich durch Organisationstalent, Disziplin und Pünktlichkeit auszeichnen. Obwohl das japanische Volk schwer an den Folgen eines schlimmen Krieges zu leiden hatte, stand es wieder auf und entwickelte sich zu einer wirtschaftlich starken Nation. Das sagt eigentlich alles", so Cevallos, der in Japan seinerseits "die gewachsene Stärke des ecuadorianischen Fussballs auf allen Ebenen unter Beweis stellen will. Uns fehlen nur noch zwei Spiele bis zur absoluten Krönung."

Alte Tugenden
Wie es sich für einen Mann in seinem Alter gehört, ist Cevallos wie kaum ein anderer in der Lage, mit Drucksituationen umzugehen. Kein Wunder also, dass man ihm deshalb durchaus zutraut, damit auch seine Gegner auf japanischem Boden aus dem Konzept zu bringen. "Ich spiele nie mit dem Gedanken, mich mit dem Gegner anzulegen. Andererseits wird sich zeigen, ob wir gegebenenfalls auf Zeit spielen oder zu einem ähnlichen taktischen Manöver greifen müssen. Es gibt eine ganze Palette legitimer Hilfsmittel, die in bestimmen Situationen von Nutzen sein können", so der erfahrene Keeper lächelnd.

Ich werde keinen geheimen Zettel bei mir haben, wie das bei Lehmann in Deutschland 2006 der Fall war.
José Cevallos (Liga de Quito)

Selbstverständlich wird es alles andere als leicht werden, sich gegen Topstürmer wie Cristiano Ronaldo oder Carlos Tevez durchzusetzen, die mit Manchester United natürlich ins Finale kommen wollen. "Das sind zweifellos Weltklassefussballer. Doch wir sollten dabei auch nicht vergessen, dass Cristiano Ronaldo zuletzt im Finale der UEFA Champions League einen Elfmeter verschossen hat. In einem solchen Moment hängt alles von einem einzigen Spieler ab. Wir hoffen, dass uns dieses Mal ein Elfmeterschießen erspart bleibt und wir in jeder Partie schon nach Ablauf der regulären Spielzeit jubeln können."

Falls es doch dazu kommen sollte, werden wir dann bei ihm einen neuen Trick bewundern können? Wird er erneut mit sensationellen Reflexen aufwarten? "Ich werde keinen geheimen Zettel bei mir haben, wie das bei [Jens] Lehmann in Deutschland 2006 der Fall war", so die prompte Antwort, die von schallendem Gelächter begleitet ist. Und er fügt hinzu: "Das Wichtigste ist in jedem Fall, dass wir gewinnen, egal ob mit oder ohne Elfmeterschießen. Und zwar für uns und für Ecuador."