Nachdem sich Ecuador zuletzt zwei Mal in Folge in der langen und hart umkämpften Südamerika-Qualifikation behaupten konnte und damit bei den letzten beiden Auflagen der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ in der Endrunde dabei war, schien es nur eine Frage der Zeit, bis einer ecuadorianischen Klubmannschaft auch ein Triumph bei der Copa Libertadores gelingen würde. Genau das ist jetzt eingetreten: Für Ecuador ist endlich der Tag gekommen, an dem auch ein Klub aus dem Andenland im kontinentalen Vereinswettbewerb für immer seine Spuren hinterlassen konnte.
Noch dazu auf eine höchst beeindruckende Art und Weise: Obwohl man von den letzten sieben Spielen - darunter auch die zweite und entscheidende Finalpartie, in der man nach Ablauf der regulären Spielzeit mit 1:3 zurücklag - nur ein einziges für sich entscheiden konnte, schaffte es Liga de Quito, die rund 80.000 Zuschauer im legendären Maracaná-Stadion von Rio de Janeiro am Ende zum Schweigen zu bringen und so ein neues Kapitel in der Geschichte des ecuadorianischen Fussballs aufzuschlagen.
Schon in dem Augenblick, da die elf LDU-Spieler den Rasen des Maracaná-Stadions betraten, wurde für jedermann sichtbar, dass da nicht nur eine Mannschaft, sondern vielmehr eine ganze Nation die kontinentale Krone fest ins Visier genommen hatte. Denn das Team von Liga de Quito entrollte beim Auflaufen ein riesiges Spruchband mit der Aufschrift "Danke Ecuador, dass du voll hinter uns stehst." An gleicher Stätte, also ebenfalls im Maracaná-Stadion, hatte Ecuador die Goldmedaille bei den Panamerikanischen Spielen 2007 gefeiert. Ein Jahr später gebührt die Stunde des Triumphes Liga de Quito, das den hohen Favoriten Fluminense Rio de Janeiro bezwang und damit für Ecuador den ersten kontinentalen Titel überhaupt gewann.
Die überschwängliche Freude über diesen historischen Erfolg spiegelte sich schon kurz nach dem Abpfiff der Partie in der ecuadorianischen Hauptstadt wieder, wo Tausende Fans zu nächtlicher Stunde auf die Straßen strömten, um einen Sieg zu bejubeln, der als ruhmreiches Kapitel in die Fussballgeschichte des Landes eingehen wird und der den endgültigen Aufstieg des ecuadorianischen Fussballs in den elitären Kreis der besten Teams auf kontinentaler Ebene und im Weltmaßstab markiert. All das dank einer Klubmannschaft, die über ein Saisonbudget von gerade einmal sechs Mio USD verfügt...
Cevallos als Held des Abends
"Uns ist klar, dass wir soeben für das ganze Land Geschichte geschrieben haben. Dessen waren wir uns die ganze Zeit über bewusst", so der LDU-Keeper José Francisco Cevallos, der mit drei gehaltenen Schüssen im alles entscheidenden Elfmeterschießen den größten Anteil am Erfolg seines Teams hatte. Spätestens jetzt gilt der 37-jährige Pepe Pancho Cevallos als Idol für die jüngste Entwicklung im ecuadorianischen Fussball, der unbeirrt und beharrlich auf das Ziel, erstmals die Copa Libertadores zu gewinnen, hingearbeitet hatte.
Bereits lange vor dem neuen Maracanazo hatte er mit seinem früheren Klub zwei Mal das Finale in Südamerikas prestigeträchtigstem Klubwettbewerb erreicht: Barcelona SC Guyaquil war es bislang als einzigem ecuadorianischen Verein gelungen, sowohl im Jahr 1990 als auch bei der Auflage von 1998 bis ins Finale der Copa Libertadores vorzustoßen. Nachdem Cevallos während der ersten Finalniederlage gegen Olimpia Asunción dem Mannschaftskader noch als Ersatztorwart angehört hatte, stand er bei der zweiten Finalteilnahme seines Teams gegen Vasco de Gama zwar von Beginn an zwischen den Pfosten, musste jedoch erneut eine Niederlage hinnehmen.
"Wir waren schon zwei Mal ganz dicht dran. Und wenn man bedenkt, welch rasante Entwicklung der ecuadorianische Fussball in den vergangenen Jahren genommen hat, dann musste es dieses Mal einfach klappen. Für mich als 37-Jährigen war es sicher die letzte Gelegenheit", so der sichtlich erleichterte Torhüter im Gespräch mit FIFA.com, während seinem Trainer Edgardo Bauza, der inzwischen von der Bank aufgesprungen war und sich mit seinen Mitstreitern des Betreuerstabs in den Armen lag, die ersten Freudentränen über das Gesicht flossen.
Noch kurz vor dem Jahresende 2007 - Cevallos spielte zu dieser Zeit für Deportivo Azogues - hatte der Routinier ernsthaft darüber nachgedacht, seine Karriere zu beenden. Doch dann erreichte ihn das Angebot von Liga de Quito und er sah darin sofort die Chance, seinen Traum von der kontinentalen Krone vielleicht doch noch wahr machen zu können. Grund genug, um das Ende seiner aktiven Laufbahn noch etwas hinauszuzögern. In diesem Zusammenhang erscheint es auch keinesfalls verwunderlich, dass er trotz einer Adduktorenzerrung, die er sich wenige Tage vor dem entscheidenden Final-Rückspiel gegen Fluminense zugezogen hatte, auch nicht nur den geringsten Gedanken daran verschwendete, seiner Mannschaft eventuell nicht zur Verfügung zu stehen.
"Diese Partie konnte ich mir einfach nicht entgehen lassen. Das habe ich den Ärzten und dem Trainerstab ganz klar gesagt. Das ging beim besten Willen nicht", so der immer noch aufgewühlte Cevallos unmittelbar nach dem Spiel. "Ob es die Schmerzen oder die notwendige Einnahme von Medikamenten sind, all das lohnt sich zu ertragen, nur um heute hier dabei sein zu können. Immerhin ist dies der vielleicht bedeutendste Augenblick in der Fussballgeschichte unseres Landes. Es ist die Stunde, in der wir ein neues Kapitel im weltweiten Fussball aufgeschlagen haben."
Dem ist nichts hinzufügen. Der Vereinsname mit dem "U", dessen Bekanntheitsgrad sich bis zum gestrigen Mittwoch im Wesentlichen auf Ecuador beschränkte, hat unwiderruflich Eingang in die Fussball-Annalen der ganzen Welt gefunden. Und er wird noch bekannter werden, wenn die Mannschaft im Dezember nach Japan aufbrechen wird. Denn dort werden die LDU-Fans ein weiteres Mal mit ihrem Team mitfiebern, um bei der FIFA Klub-Weltmeisterschaft Japan 2008, für die sich bereits Manchester United aus England, CF Pachuca aus Mexiko und Waitakere United aus Neuseeland qualifiziert haben, nach dem Titel zu greifen.
"Von einem solchen Turnier hat Ecuadors Fussball noch bis vor einiger Zeit nur träumen können", so Cevallos voller Stolz. "Und wie man sieht, ist dieser Traum inzwischen zum Glück auch Realität geworden."
