Im Fussball gewinnen stets jene Mannschaften, die mit Spielern antreten, die über das gewisse Etwas verfügen. Ein mit großen Namen gespickter Kader allein reicht oftmals nicht aus, um eine Mannschaft zu formen, die ihrer Favoritenrolle auch auf dem Platz gerecht wird. Um Titel zu gewinnen, zählen technische und athletische Qualitäten zweifelsohne zu den Grundvoraussetzungen, doch gleichzeitig bedarf es auch intelligenter Männer mit großer Persönlichkeit, die in der Lage sind, in der Kabine eine Siegermentalität an den Tag zu legen.
Clarence Seedorf, der 31-jährige niederländische Mittelfeldakteur in Diensten des AC Mailand, der ursprünglich aus Surinam stammt, ist einer dieser seltenen Spieler, die in einer Partie den Ausschlag geben können und all diese soeben beschriebenen Eigenschaften in sich vereinen. Auf seinem Konto stehen vier UEFA Champions League-Titel mit drei verschiedenen Klubs (Ajax Amsterdam, Real Madrid und zwei Mal AC Mailand), ein Klub-Weltpokal mit Real Madrid, zwei Europäische Supercups, vier Meistertitel und sechs nationale Pokalsiege. Keinesfalls vergessen sollte man auch den Vorstoß bis ins Halbfinale bei der WM 1998 in Frankreich, als die Niederlande erst im Elfmeterschießen gegen Brasilien scheiterte, sowie die (allerdings erfolglosen) Finalteilnahmen gegen die Boca Juniors (Klub-Weltpokal 2003) und den FC Liverpool (Champions League 2005).
Eine neue Herausforderung
Diese Erfolge sprechen für sich, selbst wenn sie
nicht die einzige Möglichkeit darstellen, ein Urteil über einen
Sportler ermöglichen, wie Seedorf im Gespräch mit
FIFA.com selbst feststellte. In Kürze wird er nach
Japan reisen, wo er bei der FIFA Klub-Weltmeisterschaft vom 7. bis
16. Dezember mit dem AC Mailand den europäischen Kontinent
vertreten wird. Seit mittlerweile drei Jahren wird in Yokohama ein
neuer Pokal mit altbekanntem Flair vergeben, den der
leidenschaftliche Trophäensammler mit dem Spitznamen
Panther nur allzu gerne in seinen Händen halten
möchte...
"Ich freue mich, bereits zum dritten Mal in meiner Karriere an diesem Wettbewerb teilzunehmen - allerdings zum ersten Mal im neuen Format", sagte Seedorf. Das Turnier ist im Vergleich zu den früheren Ausgaben viel anspruchsvoller geworden, da nunmehr sieben Mannschaften aus allen Teilen der Welt daran teilnehmen. Wir müssen gut vorbereitet sein, denn es ist nicht gesagt, dass sich einer der beiden Favoriten durchsetzen wird - Mailand oder die Boca Juniors. Der mexikanische Klub Pachuca ist ebenso wie der asiatische und der afrikanische Vertreter bis in die Haarspitzen motiviert."
Die große Bedeutung kleiner Details
Um eine körperlich topfitte Mannschaft aufbieten zu
können, plante der AC Mailand die Reise nach Japan bis ins kleinste
Detail. Niemand zweifelt daran, dass die
Rossoneri nach drei Finalniederlagen in den letzten 14
Jahren - gegen den FC São Paulo, Vélez Sársfield und die Boca
Juniors - diesmal alles daran setzen werden, die Trophäe nach
Mailand zu holen.
Um Probleme mit der Zeitverschiebung zu vermeiden und um sich besser an das fernöstliche Klima zu gewöhnen, reist die Elf von Trainer Carlo Ancelotti bereits am 6. Dezember nach Japan. "Eine Woche sollte reichen, um sich von den Strapazen der langen Reise zu erholen", meint Seedorf. Sieben Tage sind ideal, um sich mit der Atmosphäre des Turniers vertraut zu machen. Vielleicht haben wir das vor vier Jahren versäumt."
Der Fluch des Elfmeterschießens
Wenn es etwas gibt, das Seedorf unbedingt vermeiden
möchte - sei es im Halbfinale oder im Finale - dann ist es ein
Elfmeterschießen. In der Vergangenheit wurden bereits mehrere der
wichtigsten Spiele in der Karriere des besten Mittelfeldspielers
der UEFA Champions League 2007 durch Elfmeterschießen entschieden.
Um seine Führungsqualitäten unter Beweis zu stellen, stellte sich
Mailands Nummer zehn schon des Öfteren als Schütze zur Verfügung,
was jedoch nicht immer gut ging.
Wie anderen großen Spielern passierten auch ihm einige schwere Fehler: "Ich denke schon, dass ich über die entsprechenden technischen Qualitäten zu verfügen, um Elfmeter zu schießen, aber in so einem Moment wird man von vielen Faktoren beeinflusst. Das ist wie in der Lotterie. Im Finale der UEFA Champions League 2003 in Manchester habe ich zwar gut geschossen, aber Buffon hat großartig gehalten. Letzten Endes haben wir aber doch noch gewonnen, weshalb man so etwas leicht vergessen kann. Es gibt andere Fehler, die man nicht so leicht vergisst, aber im Grunde können nur jene scheitern, die auch Verantwortung übernehmen. So gesehen bin ich in guter Gesellschaft mit anderen Ausnahmekönnern, die ebenfalls schon Elfmeter verschossen haben."
Japan und aufstrebende Nationen: Nachwuchsarbeit ist
gefragt
Es gibt jedoch auch einen anderen Aspekt des
Fussballs, der Seedorf am Herzen liegt und den er weiter verbessern
möchte: die Nachwuchsförderung. Bezüglich Japan sagte Seedorf:
"Es ist durchaus wahrscheinlich, dass wir im Halbfinale gegen
eine asiatische Mannschaft spielen werden, vielleicht gegen eine
japanische. Der japanische Fussball entwickelt sich gut und weist
großes Potenzial auf. Ich bin überzeugt, dass die für die
japanische Kultur typische Disziplin ihren Teil dazu beitragen
wird, dass sich die jungen Talente schneller verbessern
werden."
Beim Thema Nachwuchsarbeit denkt der Niederländer jedoch in erster Linie an junge Talente aus ärmeren Ländern. Seedorf gründete eine Stiftung, der er nach dem Ende seiner aktiven Laufbahn noch mehr Zeit widmen können wird: "Ich denke noch lange nicht ans Aufhören und habe daher auch noch nicht darüber nachgedacht, was ich danach mache. Vielleicht werde ich Trainer - warum auch nicht? Aber das heißt nicht, dass ich mich nicht auch anderen Dingen widmen kann. Ich bin der Ansicht, dass es im Juniorenbereich sehr viel zu tun gibt. Es gibt zu viele Talente, die im jungen Alter verloren gehen. Dabei ist das nur teilweise ihre eigene Schuld, denn es müsste vor allem das System von Grund auf verbessert werden."
Der Traum vom WM-Titel
"Seit drei Jahren hat mich Bondscoach Marco
van Basten nicht mehr in die Nationalmannschaft berufen, weshalb
ich auch die WM in Deutschland verpasste - das war wirklich eine
große Enttäuschung! Ich habe mich deshalb ganz auf den AC Mailand
konzentriert und denke, einen wichtigen Beitrag dazu geleistet zu
haben, dass wir nun nach Japan fahren können. Somit kann auch ich
an einem globalen Turnier teilnehmen. Und das möchte ich natürlich
unbedingt gewinnen!"
