Es ist gerade einmal 18 Monate her, da spielte Grêmio Porto Alegre noch in der zweithöchsten Spielklasse Brasiliens. Nach der beeindruckenden Rückkehr in die erste Liga und der Qualifikation für die Gruppenphase der Copa Libertadores 2007 hat der Klub nun die Möglichkeit, den kontinentalen Wettbewerb zum dritten Mal für sich zu entscheiden und ist damit nur einen Schritt von einer spektakulären Rückkehr auf die großen Fussballbühne entfernt.
Zudem würde ein Sieg über die Boca Juniors in Hin- und Rückspiel (das Hinspiel wird in Buenos Aires stattfinden) eine Genugtuung für die treuen Grêmio-Fans darstellen, die im vergangenen Jahr mit ansehen mussten, wie ausgerechnet Grêmios Lokalrivale Internacional das globale Fussball-Geschehen dominierte. Während die Gremistas im Jahr 2006 mit dem Gewinn des Campeonato Gaúcho und dem unerwarteten dritten Platz im Brasileiro genug Grund zur Freude hatten, so standen diese Erfolge dennoch im Schatten von jenen von Internacional, das die beiden bedeutendsten Titel holte, die eine südamerikanische Mannschaft gewinnen kann: die Copa Libertadores und die FIFA Klub-Weltmeisterschaft.
Um den schier übermächtigen Gegner aus Argentinien zu bezwingen, bedarf es jedoch einer außergewöhnlich starken Leistung. Seitdem der FC Santos die Boca Juniors 1963 in Hin- und Rückspiel besiegen konnte, gingen die Xeneizes in diesem Wettbewerb in allen neun K.O.-Spielen gegen brasilianische Klubs als Sieger vom Platz. Die Mannschaft von Grêmio zeichnet sich jedoch vor allem durch ihren Mut aus, und nachdem im Halbfinale der FC Santos ausgeschaltet werden konnte, ist Trainer Mano Menezes zuversichtlich, den Titelgewinn des Klubs aus den Jahren 1983 und 1995 wiederholen zu können.
Gute Nachwuchsarbeit
Vor allem in den vergangenen Spielzeiten erlangte Grêmio
großes Ansehen für seine Talentschmiede. Eines dieser großen
Talente ist mit Sicherheit Anderson, der in naher Zukunft für
Manchester United auf Torejagd gehen wird und am 26. November 2005
entgegen aller Prognosen der Buchmacher zum Helden des
Wiederaufstiegs der
O Tricolor Gaúcho in die Serie A wurde. Im
Entscheidungsspiel um den Aufstieg gegen Nautico konnte Grêmio
gleich zwei Elfmeter abwehren, und selbst vier Rote Karten konnten
die Mannschaft aus Porto Alegre nicht stoppen.
Andershow setzte sich auf der linken Seite durch und
erzielte das einzige Tor des Spiels.
Ein weiteres berühmtes Produkt der Talentschmiede ist Ronaldinho, der Superstar des FC Barcelona, der dem Estadio Olimpico im Jahr 2001 den Rücken kehrte. Doch zum Glück für Grêmio konnte man dieses Mal die beiden aktuellen Leistungsträger halten - zumindest bis zum Heimspiel gegen die Boca Juniors am 20. Juni. Für Lucas, der bereits in der A-Nationalmannschaft spielte, wird das Finale der Copa Libertadores definitiv der letzte Auftritt im Dress von Grêmio sein, ehe er dem Lockruf des Geldes folgen und zur englischen Spitzenmannschaft FC Liverpool wechseln wird. Der 20-Jährige, für den der Verein eine Herzensangelegenheit darstellt, möchte sich mit einem Triumph verabschieden und seiner Mannschaft zur Qualifikation für die FIFA Klub-Weltmeisterschaft 2007 in Japan verhelfen.
Da Lucas in den letzten Wochen jedoch an einer Verletzung laborierte, lastet auch auf den Schultern von Carlos Eduardo eine große Verantwortung. Die Spielmacherqualitäten des 19-Jährigen waren ein entscheidender Faktor auf dem Weg ins Finale und beeindruckten offenbar auch Nationaltrainer Dunga, der ihn in den vorläufigen Kader für die bevorstehende Copa America berief. Wie jedoch bekannt wurde, fährt der Youngster stattdessen zur FIFA U-20 Weltmeisterschaft Kanada 2007. Doch ehe es soweit ist, setzt er alles daran, seinem Klub dabei zu helfen, die Tickets für das Turnier im Fernen Osten zu lösen.
Das Schicksal von Grêmio ist jedoch nicht nur allein in den Händen von Spielern, deren Karriere eben erst begonnen hat. Mit Kapitän Tcheco und den routinierten Torjägern Tuta und Amoroso, der nach Ablauf seiner Sperre für das Rückspiel wieder zur Verfügung steht, können die Brasilianer auch auf genügend Erfahrung zurückgreifen.
Gutes Omen
Grêmio konnte sich 1983 zum ersten Mal den kontinentalen
Titel sichern. Damals setzte sich das Team von Valdir Espinosa vor
allem dank der großartigen Fähigkeiten von Renato Gaucho gegen die
uruguayische Topmannschaft Penarol durch. Nachdem man im darauf
folgenden Jahr im Finale der Copa Libertadores Independiente
unterlegen war, musste man bis 1995 warten, ehe man den Titel zum
zweiten Mal gewinnen konnte.
Zwischen dem ersten Triumph der O Tricolor Gaúcho und dem zweiten Titelgewinn, bei dem man dank der Führungsqualitäten von Luiz Felipe Scolari und dem harmonischen Sturmduo Paulo Nunes und Jardel gegen Atlético Nacional aus Kolumbien siegreich blieb, lagen zwölf Jahre. Nun, abermals zwölf Jahre nach dem letzten Erfolg, hat Grêmio die Chance, als zweite brasilianische Mannschaft nach São Paulo zum dritten Mal die Copa Libertadores zu gewinnen.
Außerdem wurden sowohl Espinosa als auch Scolari im Bundesstaat Rio Grande do Sul geboren. Die Begutachtung der Geburtsurkunde von Mano Menezes beflügelt somit weitere Spekulationen bei den abergläubischen Gremistas.
