Die Fakten sind nicht zu leugnen. Der Titel der FIFA-Weltfussballerin ging immer an Offensivspielerinnen. Nur die deutsche Torhüterin Nadine Angerer war 2013 die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Verteidigerinnen wurden noch nie ausgezeichnet. Doch zwei der diesjährigen Anwärterinnen auf die Auszeichnung The Best - FIFA-Weltfussballerin 2017, Wendie Renard und Lucy Bronze, können nicht wenige Argumente in die Waagschale werfen. Die Verteidigung hat das Wort.

"Es war eine ganz gute Saison für mich! Es gab vielleicht bessere, aber ich denke, ich habe konstante Leistungen gezeigt. Drei Titel, das bleibt natürlich nicht unbemerkt. Ich mache keinen Hehl aus meiner Freude, auf dieser Liste zu stehen, zumal sie von den Spezialisten der Disziplin erstellt wird", verrät Renard im Gespräch mit FIFA.com.

Das Jahr 2017 für Renard:
- Vierter Gewinn der UEFA Women's Champions League
- Elfter Titel in der französischen Meisterschaft
- Siebter Gewinn des französischen Pokals
- Titelgewinn beim SheBelievesCup mit der französischen Nationalelf

"In jedem Training und in jedem Spiel habe ich absolut mein Bestes gegeben", sagt wiederum Lucy Bronze. "Vor allem bei der UEFA EURO 2017 habe ich mein Bestes gegeben, und deshalb bin ich zufrieden mit mir. Ich habe mich völlig verausgabt und habe nichts zu bereuen."

Die Europameisterschaft, auf die die Engländerin anspielt, war übrigens für beide Akteurinnen die Gelegenheit, sich nach einem erfolgreichen Jahr auf Vereinsebene noch einmal von ihrer besten Seite zu präsentieren.  Die kraftvolle englische Außenverteidigerin hat sich als eine der besten Spielerinnen auf ihrer Position etabliert und ist bei ihren offensiven Vorstößen ebenso gefährlich wie zuverlässig in der Defensive. Sie leistete einen wesentlichen Beitrag zum hervorragenden Abschneiden der Lionesses, die das Halbfinale erreichten. 

Die 1,87 Meter lange Renard wiederum konnte einmal mehr unter Beweis stellen, dass in der Innenverteidigung von Les Bleues kein Weg an ihr vorbeiführt. Ihre Gelb-Sperre im Viertelfinale war für die Französinnen ein schwerer Schlag, die tatsächlich ausschieden und ausgerechnet den Engländerinnen um Lucy Bronze unterlagen.

Das Jahr 2017 für Bronze:
- Gewinn des FA Cup
- Halbfinale in der UEFA Women's Champions League
- Halbfinale bei der UEFA Women's EURO 2017
- Wahl in die beste Elf der UEFA Women's EURO 2017

Auf Vereinsebene übrigens werden die beiden Verteidigerinnen in Zukunft gemeinsame Sache machen. Lucy Bronze verließ Manchester City zum Ende der Saison 2016/17 und stieß zu Olympique Lyon, wo Wendie Renard seit vier Spielzeiten die Kapitänin ist. Doch bevor sie sich dem Projekt zuwenden, mit ihrem Klub den dritten Triple-Erfolg hintereinander zu feiern, haben sie eine andere Trophäe ins Auge gefasst: eine individuelle Auszeichnung.

"Ich war sehr bewegt, als ich meinen Namen auf der Kandidatenliste für The Best - FIFA-Weltfussballerin gelesen habe. Vor allem, als ich sah, welche Namen da noch stehen. Es ist wirklich etwas Besonderes, als eine der besten Spielerinnen der Welt angesehen zu werden, und ich bin denen, die mich nominiert haben, sehr dankbar", sagt Bronze. Renard bekräftigt diese Worte: "Es macht mich wirklich stolz, zu den besten Spielerinnen der Welt zu gehören. Das ist der Lohn für jahrelange harte Arbeit und für bemerkenswerte Saisons mit Olympique Lyon und viele gute Spiele mit der französischen Nationalelf. Das beweist, dass sich die Arbeit ausgezahlt hat. Es kommt selten vor, dass Verteidigerinnen auf solchen Listen zu finden sind, deshalb genieße ich das umso mehr."

Angefangen bei Mia Hamm und Carli Lloyd, über Birgit Prinz, Marta, Abby Wambach, Nadine Kessler und Homare Sawa, sind bisher tatsächlich überwiegend Stürmerinnen und offensive Mittelfeldspielerinnen in den Genuss dieser Auszeichnung gekommen. Frustrierend? "Die starken Einzelleistungen, der Abschluss, die schönen Tore stehen stärker im Vordergrund als die undankbare Arbeit im Schatten, so ist das einfach", analysiert Renard. "Andererseits ist die Grundlage eines schönen Tores manchmal eine Flanke und davor ein anderer Pass und davor wiederum eine Balleroberung. Jede Position und jedes Glied in der Kette sind wichtig."

Und Bronze ergänzt: "Bei den Männern neigen die Menschen dazu, sich die ganzen Partien anzusehen. Bei den Frauen geben sie sich oft mit den Zusammenfassungen zufrieden, das heißt mit den spektakulärsten Torszenen. Mit den Resümees der Spiele kann man sich also kein Bild von der Arbeit einer Verteidigerin machen", betont sie.

"Das habe ich selbst erlebt, als ich bei der WM zwei Tore schoss, was bei mir sehr selten vorkommt. Die Menschen sprechen mich noch zwei Jahre später darauf an. Es gibt keinen Zweifel daran, dass ein Torerfolg oder ein parierter Elfmeter leider nach wie vor die einzigen Möglichkeiten für eine Spielerin sind, wirklich auf sich aufmerksam zu machen", schließt Lucy Bronze mit ein wenig Bitterkeit. Doch neben Renard ist sie inzwischen eine exzellente Fürsprecherin der Abwehrarbeit.

Wie sie übereinander denken:
Renard über Bronze: "Eine großartige Spielerin. Ihr Beitrag sowohl für Manchester City als auch für England war beeindruckend. Eine super Verpflichtung für OL-Spielerinnen wie sie werden dazu beitragen, den Blick der Menschen auf die Verteidigerinnen zu verändern."

Bronze über Renard: "Sie ist die beste Innenverteidigerin der Welt. Und das schon seit einiger Zeit. Es ist lustig, denn wenn du gegen sie spielst, wirkt sie so streng, ernst und konzentriert. Aber als ich zum Verein stieß, habe ich festgestellt, dass sie neben dem Platz ganz anders ist: sie ist sehr witzig, lächelt immer und ist bodenständig. Sie ist nicht nur eine großartige Spielerin, sondern eine großartige Frau."