• Luis Fernandez: Spieler, Trainer, Experte
  • 60 Länderspiele für Frankreich, EM-Titel 1984
  • "Zidane ist der beste Trainer der Welt"

Luis Fernandez liebt den Fussball. Er liebte ihn während seiner 15-jährigen Laufbahn als aktiver Profi. Und seit über 20 Jahren genießt er es, das Spiel von der Trainerbank aus zu dirigieren. Aber vor allem liebt er es, darüber zu sprechen. Eigentlich redet er ständig über Fussball, was angesichts seiner großen Erfahrung nach einer langen Karriere verständlich ist. Der 60-fache französische Nationalspieler gewann mit Les Bleus die UEFA EURO 1984. Als Trainer von Paris Saint-Germain holte er 1996 den Europapokal der Pokalsieger und vollbrachte in Spanien bei Athletic Bilbao, Espanyol Barcelona oder Betis Sevilla kleine Wunder.

Er spricht so gerne über die Welt des runden Leders, dass er jahrelang für das Radio arbeitete und heute sein eigenes TV-Programm moderiert. Und wenn es etwas gibt, über das der ehemalige Mittelfeldspieler nicht genug reden kann, ist das Zinédine Zidane. Fernandez erlebte zu Beginn der 90er-Jahre die Anfänge des damals jungen Spielers als Profi bei AS Cannes mit. Seitdem verfolgt er aufmerksam den Werdegang seines ehemaligen Schützlings, der in der Folge zum besten Spieler des Planeten avancierte und vielleicht in wenigen Tagen bei der Zeremonie The Best – FIFA Football Awards™ als bester Trainer der Welt ausgezeichnet wird.

FIFA.com musste Luis Fernandez also nicht lange bitten, um die Zusage für eine Unterhaltung über den aktuellen Trainer von Real Madrid zu erhalten. "Ich kann nur Gutes über diesen Jungen sagen", warnte er gleich zu Beginn. Der Beweis folgt in diesem Interview...

Luis, am Ende Ihrer Karriere teilten Sie bei AS Cannes mit einem jungen Mittelfeldspieler die Kabine, der seine Laufbahn gerade erst begann: Zinédine Zidane. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Begegnung?
Zunächst einmal hat ihm seine Familie immer die Werte des Respekts beigebracht. Das hat man in der Kabine sofort gesehen, als er bei den Profis zu trainieren begann. Er ist bis heute derselbe geblieben, der damals an meiner Seite spielte. Er verbreitet die gleiche Ernsthaftigkeit des jungen Spielers, der arbeiten und erfolgreich sein will, sein Können verbessern und immer aufmerksam sein möchte. Ich habe seine Anfänge miterlebt und ihn später als Trainer, Botschafter und Persönlichkeit der Fussballwelt arbeiten sehen. Er ist etwas Besonderes. Manche haben wegen einer einzigen Aktion auf dem Platz ihr Urteil gefällt (sein Platzverweis im Finale der FIFA WM 2006), aber das kann all die Freude nicht trüben, die er uns gegeben hat.

Hatte er schon auf dem Platz dieses taktische Gespür oder ist das etwas, das er sich angeeignet hat, als er die Trainerlaufbahn einschlug?
Wenn man spielt, hat man nicht wirklich Sinn für Taktik. Aber er hatte diese Intelligenz in seiner Spielweise, seinem Stellungsspiel und seinen Aktionen. Er hatte bereits diese Fähigkeit, sich durch Arbeit weiterzuentwickeln. Er hatte seine angeborenen Qualitäten, wollte sie aber verbessern. Und ohne das wäre er nicht so erfolgreich geworden. Seine taktischen Fähigkeiten hat er später ebenfalls durch Arbeit, durch Zuschauen und Zuhören verbessert. Er ist ein Mensch, der zusieht, der Andere nicht von oben herab behandelt und nicht glaubt, schon alles zu wissen oder Fussballlektionen geben zu müssen. Er atmet und liebt den Fussball.

Als er begann, seine Trainerdiplome zu machen und das Reserveteam von Real Madrid zu trainieren, gab es viele Stimmen, die von einem Irrweg sprachen und dass dies nicht seinem Charakter entspreche. Sie dagegen prophezeiten von Beginn an, dass er erfolgreich sein würde.
Wenn man auf all die Eseleien hören würde, die gesagt werden... 80 Prozent der Äußerungen über ihn gingen am Thema vorbei. Offenbar glauben viele Menschen, eine Person beurteilen zu können, ohne abzuwarten, was diese Person macht. Sie greifen voraus und gründen ihr Urteil auf einen Aspekt der Persönlichkeit. Zizou hatte auf dem Platz durchaus Charakter, auch wenn er gleichzeitig eine reservierte, zurückhaltende und ruhige Art hatte. Einige dachten, er habe keine Persönlichkeit, keinen Charakter, und dass er mit den Egos des Einen oder Anderen nicht zurechtkommen würde. Er hat diesen Verleumdern, die schnell ein Urteil fällen, ohne genau hinzusehen, eine Lektion erteilt.

Haben ihm sein Name, seine Vergangenheit und seine Aura im Klub dabei geholfen, bei Real Madrid erfolgreich zu sein?
Es ist der Klub, in dem er eine Heimat gefunden hat. Es ist "sein Klub", für den er Spieler, Sportdirektor und Botschafter war. Er ist eine Ikone. Es gab einen Di Stefano und es gibt einen Zidane. In Spanien liebt man Spieler, die die Geschichte geprägt haben und sich ihrem Klub verbunden fühlen. Er hat als Spieler den Europapokal gewonnen, und als er Trainer geworden war, hat er ihnen erneut den Europapokal beschert. Stellen Sie sich vor, was der Name Zidane in Madrid bedeutet! Er ist eine Legende Reals. Er wird für immer eine bemerkenswerte Persönlichkeit bleiben. Außerdem hat er die Fähigkeit, sich anzupassen. Dank seiner Intelligenz und seines Könnens hat er alles gelernt und alles beobachtet. Er weiß alles über diesen Klub. Bei Real fühlt er sich zu Hause.

Ist es leichter, bei Real Madrid anzufangen und große Spieler zu trainieren? Hätte er in einem Verein, der um den Klassenerhalt kämpft oder im Neuaufbau steckt, den gleichen Erfolg gehabt?
Manche sagen: "Das ist doch leicht, er hat ja nur großartige Spieler." Als ob es leicht wäre, große Spieler zu trainieren! Und was ist mit denen, die vor ihm da waren und es nicht geschafft haben, mit diesen großen Spielern Erfolg zu haben? Er traf aber die richtige Entscheidung, zuerst Castilla zu trainieren. Es ist nicht leicht, ein Reserveteam zu leiten. Er hat dort gelernt, Trainingseinheiten zu erarbeiten und sich vorzubereiten. Dadurch konnte er sich selbst ausprobieren und kennenlernen, sich weiterentwickeln und eine größere Vorstellung von der Aufgabe entwickeln, bevor er das Profiteam übernahm.

Zidane steht neben Antonio Conte und Massimiliano Allegri unter den Finalisten für die Auszeichnung The Best - FIFA-Welttrainer. Ist er Ihrer Meinung nach heute der beste Trainer der Welt?
Aber ja! Es sind verschiedene Stile. Ich schätze Conte für ein System und eine Spielorganisation, die ihm in Italien und England Erfolg gebracht haben. Er hat dort einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Allegri ebenfalls. Es war nicht leicht, bei Juve auf Conte zu folgen, aber er war erfolgreich. Das ist nicht jedem vergönnt. Aber der exponierteste Klub der Welt ist nun einmal Real Madrid. Sagen wir Real und Barça. Da sind Ronaldo und Messi, und damit diese beiden Spieler erfolgreich sind, brauchen sie einen Trainer, der sie versteht. Ich will sie hier nicht nennen, aber schon manche haben sich an ihnen die Zähne ausgebissen. Zizou hat sich die Zähne nicht ausgebissen. Er hat zwei kontinentale Titel und die Meisterschaft gewonnen, er sammelt weitere Titel. Für mich ist er der beste Trainer der Welt. Er hat seine Vorstellungen und seine Denkweise durchgesetzt, hat sich an eine Mannschaft mit vielen Egos angepasst und junge Spieler aufgewertet. Niemand spricht darüber, aber er hat jungen Spielern wie Isco, Vazquez, Asensio zum Durchbruch verholfen oder heute Ceballos, Mayoral und Nacho nach oben gebracht. Auch das ist ein Aspekt, der an seiner Arbeit fantastisch ist. Der Wert eines Trainers zeigt sich auch in seiner Fähigkeit, alle Spieler wertzuschätzen und nicht nur die Stars. Er leistet Außergewöhnliches.