Für Silvia Neid hätte ihre Karriere als Trainerin der deutschen Frauen-Nationalmannschaft nicht besser enden können. Nach dem Sieg im Finale des Olympischen Turniers 2016 gegen Schweden bekam sie die Goldmedaille um den Hals gehängt und konnte damit auf dem Höhepunkt abtreten.

Am 9. Januar wurde die 52-Jährige für ihre großartigen Leistungen als Trainerin im Jahr 2016 geehrt und zur The Best – Trainerin des Jahres im Frauenfussball gekürt. Im exklusiven Interview mit FIFA.com sprach Neid über unvergessliche Olympia-Momente, die Veränderungen im Training und neue Herausforderungen.

Sie sind zur The Best – FIFA-Welttrainer/in 2016 – Frauen gewählt worden. Wie fühlen Sie sich?
Das ist eine Riesenehre für mich, dass ich diese Auszeichnung wieder bekommen habe. Irgendwie ist das auch das i-Tüpfelchen auf dem i-Tüpfelchen. Wir haben die Goldmedaille gewonnen in Rio und das ist das i-Tüpfelchen darauf. Ich bin einfach nur happy, und es war ein netter Abend.

Mit dem Olympiasieg im Maracanã gelang Ihnen ein traumhafter Ausstand als Trainerin. Was werden Sie vermissen? 
Ich konnte mich lange darauf vorbereiten, dass ich nach Olympia keine Bundestrainerin mehr sein werde. Ich glaube, dass ich vermissen werde, im Stadion die Hymne nicht so zu erleben, d.h. auf dem Rasen mit meiner Mannschaft. Ich habe es jetzt schon einmal auf der Tribüne erlebt, die Hymne mitzusingen und es ist gut so. Ich werde nichts vermissen. Ich habe so viel erlebt in meiner Zeit als Bundestrainerin. Es war eine tolle Zeit, wahnsinnig tolle Momente und hart erkämpfte Titel. Das sind tolle Erinnerungen, aber jetzt ist auch gut.

Wann haben Sie bei den Olympischen Spielen geahnt, dass etwas Großes für Sie und das Team möglich ist?
Wir hatten am Anfang etwas Probleme, ins Turnier reinzufinden. Aber als wir im Viertelfinale mit 1:0 gegen China VR gewannen, war mir klar, dass wir jetzt wieder zu unseren alten Stärken zurückgefunden haben und die Goldmedaille wirklich möglich ist.

Nach dem Finale in Rio haben Sie gesagt, dass dies das berühmte Tüpfelchen auf dem i Ihrer Karriere ist. Was macht den Gewinn der Goldmedaille so besonders?
Mehrere Dinge. Zum Einen, dass zum ersten Mal eine deutsche Frauen-Nationalmannschaft die Goldmedaille gewonnen hat. Zum Zweiten, das ich angekündigt habe, dass wir dort hinfahren, um die Goldmedaille zu gewinnen, zum Dritten, dass wir es auch gemacht haben und zum Vierten, dass so eine Goldmedaille für die Ewigkeit ist. Das merke ich auch, wenn ich die Spielerinnen oder das Team hinter dem Team treffen. Es verbindet uns etwas ganz Besonderes, und das hält ein Leben lang an.

Was war für Sie der schönste Moment während des Turniers – neben der Siegerehrung?
Die Tatsache, dass dieses Finale im Maracanã-Stadion stattfand, das man da stand und nach dem Spiel gewusst hat: Wir haben die Goldmedaille gewonnen. Das habe ich sehr genossen. Auch den Weg rüber zu unseren Fans auf die andere Seite, wo viele Freunde von mir waren und viele Selfies gemacht wurden, werde ich mein Leben lang nie vergessen.

Nach dem Triumph in Rio ging es in der Kabine hoch her. Welches Abschiedsgeschenk hat Ihnen die Mannschaft gemacht?
In unserer Kabine ging es wirklich hoch her [lacht]. Was ich wirklich sehr schön empfand, war, dass wir uns als Mannschaft und als gesamtes Team sehr viel Zeit gelassen haben. Die Spielerinnen haben einen Film für uns zusammengeschnitten, in dem sie selbst die Schauspielerinnen waren und gezeigt haben, wie man sich als Trainer verändert hat. Es war nicht nur über mich, sondern auch über Ulrike Ballweg, Doris Fitschen, Michael Fuchs – alle, die aufgehört haben. Es war ein richtig nettes Ambiente. Wir saßen auf dem Boden in der Umkleidekabine und es wurden tolle Reden geschwungen. Das war wirklich ein sehr schöner Moment, den ich auch nie vergessen werde.

Wie hat sich in Ihren Augen die Art des Trainings verändert?
Man hat mittlerweile viel mehr Spezialisten dabei, was auch gut und wichtig ist. Wir versuchen ja immer uns zu verbessern. Die Spielerinnen werden schneller, sie trainieren viel mehr, werden  technisch und taktisch besser ausgebildet. Als Headcoach kannst du nicht alles perfekt können. Du musst auch Menschen um dich herum haben, denen du vertraust. Man muss auch Manager von diesem ganzen Tross sein. Bei uns waren das mindestens 45-50 Leute. In unserer Vorbereitung auf die Olympischen Spiele haben wir sehr viel Hybrid-Training gemacht. Ein Mix aus Athletik und Taktik, den man in einer Einheit verbindet. Das hat uns sehr gut getan und unsere Spielerinnen waren topfit auf den Punkt.

Was reizt Sie an Ihrer neuen Aufgabe im Scouting?
Da reizt mich ganz vieles. Zum Beispiel einen offenen Blick zu haben. Wenn du eine Mannschaft trainierst, dann guckst du immer, wie geht es der Spielerin heute? Jetzt ist die verletzt. Man ist mit seinen Gedanken ständig bei seiner Mannschaft. Jetzt habe ich mehr Zeit, mich auch um andere Teams zu kümmern. Was macht der Nachbar Holland zum Beispiel. Was machen die Schwedinnen, wie sieht es in den USA aus. Ich habe mehr Zeit, mich mit dem Fussball um mich herum zu beschäftigen. Auch mit dem Männerfussball. Ich habe sehr viel mehr Input als früher. Ich bin auf der Suche nach dem Trend, bzw. lasse mich überraschen, ob es für den Frauenfussball einen Trend gibt. Ich werde Entwicklungen weiter vorantreiben.

Sie haben im Laufe Ihrer Karriere zahlreiche Fragen von Journalisten beantwortet. Welche Frage hätten Sie gerne einmal gestellt bekommen?

Der Journalismus ist ja oft schwarz und weiß. Ich hätte mir oft mal gewünscht, dass man mehr gefragt hätte: Warum haben wir das Spiel jetzt gewonnen? Warum haben wir uns überlegt so und so zu spielen?Manchmal war das da, bei sehr guten Journalisten. Aber grundsätzlich ging es darum: Gewinnst Du, dann ist alles gut. Verlierst Du, dann ist alles schlecht. Ich finde, dass ist zu einfach.