"Schien- und Wadenbein" – diese Worte gehören für einen Sportler vermutlich zu den gefürchtetsten überhaupt. Wenn dieses Konstrukt aus fünf Silben und 18 Buchstaben von einem Arzt ausgesprochen wird, bedeutet dies normalerweise nur eines: schlechte Nachrichten.

Der 56-jährige Jorge Sampaoli kann ein Lied davon singen. Schließlich war es eine Fraktur dieser beiden Knochen, die seine Karriere noch vor seinem Debüt in der ersten Liga zunichtemachte. "Der Linksfuß war in Tränen aufgelöst", berichten damalige Weggefährten des Argentiniers.

Er war gerade einmal 19 Jahre alt, wutentbrannt und hatte noch viele Träume zu verwirklichen. Diese Träume bewogen ihn dazu, auf der Trainerbank weiterzukämpfen, und zwar unter sehr ungewöhnlichen Umständen. Da er keine Profikarriere mehr hatte, die ihm den Lebensunterhalt sicherte, musste der aus Casilda stammende Sampaoli als Kassierer in einer Bank und als Angestellter des Standesamtes arbeiten, um seiner Leidenschaft als Amateurtrainer zu frönen. Er startete seine Karriere in den unteren Ligen, kämpfte gegen Vorurteile und den Mangel an Erfahrung im hochklassigen Fussball an und setzte sich am Ende durch.

Heute befindet sich der Trainer des Copa-América-Siegers in einer privilegierten Position, nahm gemeinsam mit Luis Enrique und Pep Guardiola als Anwärter auf die Auszeichnung zum Trainer des Jahres an der Gala FIFA Ballon d'Or teil und schmiedet nach seinem Abschied von der chilenischen Nationalmannschaft neue Zukunftspläne. "Ich habe nie auf diejenigen gehört, die mir sagten, dass ich etwas nicht schaffen würde", erklärt er im Exklusiv-Interview mit FIFA.com. Sampaoli ist im Übrigen der erste und einzige südamerikanische Trainer, der aufgrund seiner Arbeit auf diesem Kontinent für die Gala FIFA Ballon d'Or nominiert wurde.

Jorge, warum ist es so schwierig, internationale Anerkennung zu erhalten, wenn man im südamerikanischen Fussball tätig ist?
Das hängt mit der Anzahl der Stimmberechtigten der einzelnen Regionen zusammen. In Asien, Afrika...vielerorts gibt es einfach eine engere Bindung zum europäischen Fussball. Sie kommen gar nicht auf die Idee, unseren Fussball zu analysieren. Du musst schon bei der Klub-Weltmeisterschaft gegen den FC Barcelona gewinnen, um dir eine Chance ausrechnen zu können, dass die Leute in Europa, Asien oder Afrika auf dich aufmerksam werden. Was wir mit Chile erreicht haben, war sehr wichtig, vor allem auch die Touren, die wir gemacht haben und bei denen wir gute Leistungen gegen England, Deutschland, Brasilien und Spanien zeigen konnten. Dadurch haben wir mehr Aufmerksamkeit bekommen.

Wo hielten Sie sich gerade auf, als Sie von der Nominierung zum Welttrainer erfuhren?
Ich war damals in Chile. Das war eine Riesenüberraschung. Ich konnte es gar nicht glauben. Das war ein sehr bewegender Moment für mich, in dem mir schwierige und traumatische Situationen meiner Karriere in den Sinn kamen und auch mein Trainerstab und alles, was wir gemeinsam erreicht haben. Daran habe ich gedacht und natürlich an die Spieler, ohne die ich gar nicht dorthin gekommen wäre.

Im Unterschied zu anderen Trainern, die im Weltfussball Anerkennung genießen, haben Sie keine Karriere als Fussballprofi hinter sich. Wie ist es Ihnen gelungen, sich mit Ihren Ideen in einem Umfeld durchzusetzen, in dem häufig voreilige Schlüsse gezogen werden
Ich habe eine andere Herangehensweise gefunden. Ich wusste, dass ich Chancen hatte, als ich auf mein Ziel hingearbeitet habe, im internationalen Fussball zu arbeiten. Gleichzeitig war mir aber auch bewusst, dass ich noch nicht viel Ansehen erworben hatte. Daher bin ich strategisch vorgegangen und habe versucht, ein gewisses Bewusstsein in den Köpfen der Spieler zu verankern. Ich habe sie wissen lassen, dass ich jemand bin, der sich rund um die Uhr mit Fussball beschäftigt. Auch wenn ich nie in der ersten Liga aktiv war, war ich es doch im Amateurbereich. Diese Quintessenz, die heute im Fussball keine große Rolle mehr spielt, konnte ich erfolgreich vermitteln und dadurch auf der Leiter nach oben klettern. Heute bin ich ein Trainer, der sich ausschließlich auf profunde Fussballkenntnisse stützt.

Ist dies auch der Grund für die Tätowierung auf Ihrem linken Arm? [Anm. d. Red.: "Ich höre nicht zu und mache einfach weiter, denn vieles, was verboten ist, erfüllt mich mit Leben", eine Textzeile aus dem Song "Prohibido" (Verboten) von der argentinischen Gruppe Callejeros]
Ja, natürlich. Wenn ich auf das gehört hätte, was die Leute mir gesagt haben, dann hätte ich es nie mit all den ehemaligen Spielern aufgenommen, die Trainer werden wollten. Meine Chancen standen natürlich schlecht, weil ich die gesamte Fussballstruktur gegen mich hatte. Doch ich habe nicht auf diese Stimmen gehört und versucht, auf andere Weise an die Präsidenten und Vereinsführungen heranzukommen. Wenn ich auf das gehört hätte, was die Leute sagen, dann wäre ich Bankangestellter in Casilda geblieben. Hier geht es um Widerspenstigkeit, darum, nicht auf Verbote zu hören, sich nicht zu unterwerfen. In den Teams, in denen wir waren, haben wir daran geglaubt, dass Widerspenstigkeit ein integraler Bestandteil der Dinge ist. Dieser Satz hat sich tief in mein Gedächtnis gegraben. Deshalb habe ich ihn mir tätowieren lassen.

Sie sprechen vom Umgang mit den Spielern, aber wie geht man mit Fussballern um, die so jung und so erfolgreich sind und aus ganz unterschiedlichen Umfeldern stammen?
Man muss lernen, in jeder Situation auf den Einzelnen einzugehen, ohne zu verallgemeinern, weil eben alle ganz unterschiedlich sind, wie Sie bereits sagten. Ich versuche ihnen verständlich zu machen, dass es parallel zu den Versuchungen, mit denen sie vielleicht konfrontiert sind, auch noch eine andere Versuchung gibt, nämlich den Fussball. Spielen, Spaß haben und sich amüsieren. In diesem Zusammenhang versuchen wir, nicht mit den externen Versuchungen in Konkurrenz zu treten, sondern den Spielern deutlich zu machen, dass es auch reizvoll ist, eine wichtige Rolle zu spielen, Niederlagen nicht zu fürchten und anderen in nichts nachzustehen. In der chilenischen Nationalmannschaft wurde die Botschaft schnell verinnerlicht, und auch wenn die Spieler abseits des Spielfelds vielleicht unterschiedliche Empfindungen gehabt haben mögen, auf dem Platz haben sie alles gegeben.

Kommen wir auf den spielerischen Gesichtspunkt zu sprechen. Womit haben Sie es geschafft, Chile zum Südamerikameister zu machen?
Einiges habe ich von Marcelo Bielsas Philosophie übernommen. Als ich das Amt übernahm, haben wir versucht, so direkt, aggressiv und offensiv zu spielen wie unter Marcelo [Bielsa], dabei allerdings etwas kontrollierter vorzugehen. Wir haben viel mehr verteidigt, wenn wir in Ballbesitz waren, und dadurch hat die Mannschaft die Sicherheit gefunden, die erforderlich ist, um jedes Spiel zu kontrollieren und die Oberhand über den Gegner zu behalten. So haben wir erreicht, dass die Spieler sich bedingungslos für die Sache engagieren und konnten es mit jedem anderen Team aufnehmen.

Seit Ihrem Ausscheiden aus dem Amt sind bereits drei Monate vergangen. Womit verbringen Sie Ihre Zeit jetzt?
Ich schaue mir Spiele an. Es ist schwer, damit klarzukommen, weil ich lange Zeit ununterbrochen im Fussball beschäftigt war. Aber ich schaue mir viele Spiele an, rede mit Leuten, analysiere Ligen. Auch wenn ich derzeit kein Team habe, mit dem ich im Wettbewerb stehe, halte ich mich im Hinblick auf die Zukunft auf dem Laufenden.

Was beunruhigt Sie in einer solchen Phase am stärksten?
Am wenigsten mag ich die Unsicherheit. Nicht zu wissen, wo ich in naher Zukunft stehen und womit ich mich beschäftigen werde. Um meinen Namen ranken sich unterschiedliche Gerüchte, doch mir ist bewusst, dass diese Kommentare nichts Konkretes sind. Tatsache ist, dass ich nicht weiß, wohin es geht. Doch ich hoffe, dass sich die bestmögliche Option präsentieren wird.

Können Sie sich nach allem, was Sie erlebt haben, vorstellen, eines Tages die argentinische Nationalmannschaft zu trainieren?
Ich weiß es nicht, das hängt nicht von mir ab. Kein argentinischer Trainer, der gerade irgendwo auf der Welt mit einem beliebigen Sportprojekt befasst ist, kann 'Nein' sagen, wenn die Nationalmannschaft ruft. Das ist für jeden das Größte. Man muss weiter davon träumen, doch es gibt auch vieles in Betracht zu ziehen: Es sind Prozesse im Gange, es gibt Zyklen...man weiß es nie. Doch wenn ich jemals gefragt würde, könnte ich nicht ablehnen.