"Ich dachte, dass ich dieses Jahr nicht wählen müsste, aber wie ich sehe, muss ich wohl doch Stellung beziehen." Vicente del Bosque deutet ein kleines verschmitztes Lächeln an. Im Laufe seiner Amtszeit als Trainer der spanischen Nationalmannschaft, mit der er die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2010™ und die UEFA EURO 2012 gewann, hat er häufig über die FIFA-Auszeichnungen abgestimmt und war 2012 selbst Protagonist, als er zum Welttrainer des Jahres gewählt wurde.

2016 übergab er das Ruder der Roja an Julen Lopetegui und erklärte offiziell seinen Rückzug von den Trainerbänken. Daher hatte der "Pensionär" nicht damit gerechnet, nach seiner Einschätzung über die Anwärter auf die The Best FIFA Football Awards gefragt zu werden. Dennoch zögerte er nicht, als FIFA.com ihn bat, über seine Favoriten, seine Beziehung zu einigen der Nominierten sowie über die Hochphase des Frauenfussballs zu sprechen, der bei diesen Auszeichnungen ebenfalls eine wichtige Rolle spielt.

Vicente, in den letzten Jahren waren sie immer aufgerufen zu wählen. Welche Aspekte waren dabei für Sie ausschlaggebend? Nach welchen Kriterien haben Sie Ihre Entscheidung getroffen?
Normalerweise habe ich mich neben dem Erfolgsmoment, den der einzelne gerade hat, auf die Qualität konzentriert und darauf, wer mir besser gefiel. Ganz offensichtliche Dinge, wenn man sagen will: 'Das ist der Beste.'

Gab es ein Jahr, in dem Ihnen die Entscheidung besonders schwer gefallen ist?
Ich musste mich da nie besonders anstrengen. Bei gleichen Voraussetzungen haben wir uns immer für denjenigen entschieden, den wir für den Besten hielten. Das ist alles. Vielleicht wäre es schön gewesen, wenn in den Erfolgsjahren der spanischen Auswahl in Europa und bei der Weltmeisterschaft, mit drei Titelgewinnen, in Folge ein spanischer Spieler die Auszeichnung erhalten hätte. Doch sie hatten das Glück oder das Pech, dass sie mit Spielern konkurrieren mussten, die verdientermaßen ausgezeichnet wurden. Wobei man durchaus auch sagen muss, dass die Spanier als Repräsentanten einer Generation und einiger gemeinsamer Erfolge schon eine Auszeichnung verdient gehabt hätten. Schließlich ist der Fussball ein Mannschaftssport.

Dieses Jahr sind zwei Spanier unter den 23 Spielern, die für die Auszeichnung zum FIFA-Weltfussballer nominiert wurden: Andrés Iniesta und Sergio Ramos. Fehlt noch jemand?
Ich glaube, es wäre möglich gewesen, noch den einen oder anderen in die Vorauswahl aufzunehmen. Beispielsweise Sergio Busquets oder Gerard Piqué…Das sind ebenfalls Spieler, die eine herausragende Etappe des spanischen Fussballs entscheidend geprägt haben.

Wer ist dieses Jahr Ihr Favorit auf die Auszeichnung?
Derzeit sind Messi und Ronaldo dominant. Sie haben die Hauptrolle gespielt und ich denke, um eine Entscheidung zu treffen schaut jeder auf die Teams, für die sie gespielt haben. Für mich waren das die besten.

Haben Sie einen Favoriten für die Wahl zum Trainer des Jahres?
Ich würde nicht zu einem der Spanier tendieren, das sage ich ganz ehrlich. Ich tendiere eher zu [Diego] Simeone. Ich finde, sein Erfolg geht über das letzte Jahr hinaus, denn er hat in den letzten Jahren einen sehr wichtigen Weg zurückgelegt. Er hat seinem Team eine Identität verliehen und damit sehr gute Ergebnisse erzielt. Ich glaube, ich wäre nicht abgeneigt, ihn zu wählen, ohne die Leistungen aller anderen herabwürdigen zu wollen, die meine volle Anerkennung haben.

Zwei der nominierten Trainer, nämlich Luis Enrique und Zinédine Zidane, sind durch Ihre Hände gegangen, als Sie Trainer von Real Madrid waren. Haben Sie sie schon damals für Spielertypen gehalten, die einmal Trainer werden würden?
Vorausgesehen habe ich das nicht, aber sie sind beide hervorragende Trainer. Im Fall von Luis Enrique erinnere ich mich noch daran, dass er bei Real Madrid zufällig einmal das Heft in die Hand genommen hat. Wir haben ihn als linken Verteidiger eingesetzt, womit er nicht gut zurechtkam, und wir waren mit ihm einer Meinung, dass dies nicht seine ideale Position war. Doch dann hat er seine Sache hervorragend gemacht und uns in einer Partie gegen Bilbao sehr geholfen. Wir haben 5:0 gewonnen und er gehörte zu den Besten…als linker Verteidiger!

Sicher musste er jetzt mit dem einen oder anderen ausgebildeten Mittelfeldspieler, der vielleicht lieber auf einer anderen Position gespielt hätte, ähnlich verfahren und ihn in der rechten Verteidigung zum Einsatz bringen. Das war damals sicher auch eine gute Erfahrung für ihn. Und was Zidane angeht steht fest, dass ich bei ihm keine großen Ambitionen gesehen habe, eines Tages Trainer zu werden. Doch jetzt stellt er unter Beweis, dass er ein hervorragender Trainer ist.

Welches waren Ihrer Meinung nach die größten Stärken von Luis Enrique und Zinédine Zidane als Spieler, und welche Eigenschaften würden Sie in ihrer aktuellen Rolle als Trainer hervorheben?
Als Spieler waren beide hervorragend. In jeder Hinsicht fantastisch. Im Hinblick auf die Physis, die Qualität und den Siegeswillen. Das waren sehr wettbewerbsstarke Spieler mit einem enormen Naturtalent.

Als Trainer kann ich sie nicht bewerten, weil ich sie nicht kenne. Man muss sie miterleben, ihnen ins Gesicht schauen, sehen, wie sie mit den Spielern umgehen. Wenn man das nicht gesehen hat, kann man sich keine Meinung bilden. Da würde ich einen schweren Fehler begehen. Die Fernsehbilder lassen darauf schließen, dass es sich um zwei unterschiedliche Typen handelt, die ihre Sache beide sehr gut machen.

Die The Best-Auszeichnungen heben sich auch dadurch von anderen ab, dass sie für den Frauen- und Männerfussball gleichermaßen verliehen werden. Wie bewerten Sie die Entwicklung des Frauenfussballs in den letzten Jahren?
Ich finde, der Frauenfussball hat überall eine große Entwicklung hingelegt, beispielsweise in der Ausbildung. Die Trainer im Frauenfussball verfügen über ebenso gute Grundlagen wie im Männerfussball. Meiner Meinung nach hat es einen fantastischen Fortschritt gegeben, und darüber sollten wir uns alle freuen. Diese Entwicklung ist keinesfalls über Nacht zustande gekommen, sondern weil im Hintergrund viele Leute unermüdlich daran gearbeitet haben.

*Wenn Sie mehr über Vicente del Bosques Einschätzung der Favoriten auf die "The Best"-Auszeichnungen erfahren möchten, schauen Sie sich das obige Video an.