Das Trainerhandwerk liegt bei der Familie von Jill Ellis offenbar im Blut. Als sie am Montag im Kongresshaus in Zürich die Auszeichnung als FIFA-Trainer des Jahres im Frauenfussball entgegennahm, dankte sie ihrer Mutter und ihrem Vater, die ihre ersten Trainer waren. Dank ihrer natürlichen Begabung und ihrem Blick für das Spiel konnte sie das Team der USA zum dritten Weltmeistertitel führen. FIFA.com traf sich mit der in England geborenen Cheftrainerin der USA, nachdem sie in Zürich als beste Trainerin des Jahres ausgezeichnet worden war.

Welche Momente waren Ihrer Meinung nach auf dem Weg zum Titelgewinn in Kanada entscheidend?
Ich denke, es gab eine ganze Reihe ziemlich entscheidender Momente. Ich denke da beispielsweise an das Viertelfinale gegen China… Obwohl bei uns zwei Stammspielerinnen mit Gelbsperre fehlten, haben wir sehr stark gespielt. Das hat uns noch einmal eine Extraportion Selbstvertrauen gegeben. Ich denke, dieses Spiel war sozusagen das Sprungbrett für die nächsten beiden Partien. Wir haben viel Selbstvertrauen getankt und konnten den Ball gut kreisen lassen. Zudem zeigte mir dieses Spiel deutlich, dass Morgan Brian durchaus einen Platz in der Startformation einnehmen konnte, denn ich hatte schon überlegt, Carli [Lloyd, Anm. d. Red.] weiter vorn spielen zu lassen. In der Partie gegen China wurde dann klar: 'Ok, sie hat sich unter großem Druck gut bewährt, also kann sie gegen Deutschland von Anfang an spielen.' Das Spiel gegen Deutschland war für mich eine besonders große Befriedigung, was die Vorbereitung und Umsetzung angeht. Auch die Einwechslung von Kelley O’Hara, die mit dem zweiten Tor sozusagen den Sack zumachte, war ein wichtiger Moment. Es gab also eine ganze Reihe entscheidender Momente auf dem Weg. Insgesamt war es ein großartiges Turnier für uns.

Nach dem Spiel gegen die Republik Irland nominieren Sie den Kader für die Olympia-Qualifikation. Können wir da größere Überraschungen erwarten?
Nach dem Rücktritt so vieler erfahrener Veteraninnen wird die neue Mannschaft sicher anders aussehen. Wir sind derzeit im Trainingslager und haben eine ganze Reihe jüngerer Spielerinnen dabei. Am Ende werden wir wieder eine gute Mischung aus Jugend und Erfahrung haben. Auf jeden Fall haben die jungen Spielerinnen auf mehreren Positionen gute Chancen, sich zu zeigen und zu versuchen, den Sprung in den Kader zu schaffen.

Im vergangenen Jahr haben Sie sich kurz vor der Auslosung der WM-Endrunde noch die College-Halbfinals auf Ihrem Smartphone angesehen. Werden Sie einige dieser Spielerinnen berufen?
Wir haben ein paar College-Spielerinnen dabei und auch eine Spielerin von der High School, nämlich Rose Lavelle. Haben sie eine Chance? Ja, zurzeit drängen mehrere gute Spielerinnen nach. Emily Sonnett beispielsweise, die gerade ihren College-Abschluss macht. Emily ist auch hier im Trainingslager dabei und hat ihre Sache sehr, sehr gut gemacht. Bei unseren letzten Spielen im Dezember habe ich einige dieser Spielerinnen dabei gehabt, um sie zu integrieren und einen Eindruck von ihnen zu bekommen. Es geht allerdings nicht nur darum, die jungen Akteurinnen in den Spielen zu beobachten, sondern auch im Trainingsbetrieb. Wenn sie ihre Sache im Training gut machen, dann kann man ziemlich sicher davon ausgehen, dass sie sich auch in den Spielen gut bewähren. Es ging vornehmlich um die Sichtung der neuen Spielerinnen, und viele haben ihre Sache wirklich gut gemacht. Die Auswahl erfolgt stets mit Blick auf die Zukunft, für die sie Erfahrungen sammeln sollen.

Was erwarten Sie in der Qualifikation?
Wir haben eine schwere Gruppe. Dieses Mal kommen nur die zwei besten Teams weiter, es gibt in diesem Jahr kein Sicherheitsnetz. Wir müssen also unbedingt in Topform starten. Derzeit sind wir im Trainingslager und entsprechend gut vorbereitet. Wir müssen den Gruppensieg anstreben und dann auch das wichtige Halbfinale für uns entscheiden. Mir gefällt die Einstellung der Mannschaft, denn auch für uns gibt es keine Erfolgsgarantien und entsprechend gehen wir an die Aufgabe heran. Wir müssen uns alles selbst verdienen. Genau darauf konzentrieren wir uns. 2011 musste das Team noch in die schwere Playoff-Runde, um sich für die WM zu qualifizieren. Das haben wir, glaube ich, immer noch im Hinterkopf. In unserer Region kann man sich auf nichts verlassen. Wir müssen gegen einige Mannschaften antreten, die auch schon bei der WM dabei waren und entsprechend erfahren sind.

Welches war der denkwürdigste Moment Ihrer Karriere als Fussballtrainerin?
Du meine Güte! Das ist eine sehr schwierige Frage. Vielleicht war es nach dem Spiel gegen Deutschland, auf dem Spielfeld. Es war unglaublich laut im Stadion und ich spürte, dass die Spielerinnen jetzt bereit für alles waren. Die Vorbereitung war wie eine Achterbahnfahrt. Ich hatte den Spielerinnen im Vorfeld gesagt: 'Diese Reise verläuft bestimmt nicht perfekt. Es wird Höhen und Tiefen geben.' Letztlich lernt man jedoch mehr über sich selbst, wenn es besonders schwer ist und nicht, wenn man mit ein Spiel mit 8:0 gewinnt. Die schwereren Aufgaben sind viel wichtiger. Auch ich selbst habe im Verlauf dieses Turniers viel gelernt. Und nach dem Spiel gegen Deutschland war da dieses Gefühl, dass wir jetzt den Gipfel erreichen würden. Das habe ich genossen, als ich nach dem Spiel den Spielerinnen gratuliert habe und den ohrenbetäubenden Jubel der Fans hörte.

2012 wurde Pia Sundhage zur Trainerin des Jahres gewählt. Was haben Sie aus der Zeit mitgenommen, in der Sie gemeinsam gearbeitet haben?
Ich habe sehr viel von Pia gelernt. Pia und ich passten sehr gut zusammen. Ich mag ihre Persönlichkeit. Und gelernt habe ich wohl vor allem Geduld. Sie ist eine sehr geduldige Trainerin. Manchmal haben wir bestimmte Übungen gemacht, und es lief nicht so richtig, und ich wollte dann abbrechen und es anders machen lassen, doch Pia ließ es einfach weiterlaufen, so dass sich etwas entwickeln konnte. Ja, von ihr habe ich Geduld gelernt. Auch wie sie die Mannschaft geführt hat, war sehr gut. Wenn es darauf ankam und der Druck besonders groß war, wusste sie stets genau, welche Optionen sie zur Verfügung hatte. Auch in dieser Hinsicht habe ich viel von ihr gelernt. Sie ist eine großartige Lady. Ich war 2012 hier dabei, als sie die Auszeichnung bekam. Es war schon ein großartiges Erlebnis, als Teil des Stabes dabei zu sein.

Mit Abby Wambach hat eine Spielerin ihre Karriere beendet, die man mit Fug und Recht als Legende bezeichnen kann. Können Sie ihre Bedeutung für den Frauenfussball zusammenfassen?
Abby hat den Frauenfussball für uns in den USA von Grund auf verändert. Durch ihr Tor 2011 stand plötzlich das ganze Land hinter uns. Das war ein ganz entscheidender Moment für den Sport in unserem Land. Damit rückte der Frauenfussball in Amerika wieder viel stärker in den Blickpunkt. Und was ihren Beitrag auf dem Rasen angeht: Sie ist die erfolgreichste Torjägerin, die wir je hatten, eine Führungsfigur und eine echte Kämpfernatur. Sie verkörpert alles, worum es im Frauenfussball bei uns geht. Für mich persönlich war es großartig, dass Abby bei meiner ersten Weltmeisterschaft als eine unserer Spielführerinnen dabei war, denn sie ist eine Führungspersönlichkeit und hatte viele professionelle Ratschläge, von denen ich sehr profitiert habe. Sie spielte nicht mehr die 90 Minuten durch, sondern kam als Ersatzspielerin von der Bank, und weil sie das so professionell und so herausragend machte, hatte sie enormen Anteil an unserem Erfolg.