Der ehemalige deutsche Nationaltorhüter Oliver Kahn meinte vor wenigen Wochen gegenüber FIFA.com, dass es schwer sei, ganz nach oben zu kommen, "ohne seine Profession wirklich zu leben und die nötige Besessenheit zu haben, sich verbessern zu wollen." Betrachtet man die sechs Trainerinnen und Trainer, die für die Auszeichnungen als FIFA Trainer des Jahres im Männer- bzw. Frauenfussball nominiert sind, so ist eine gewisse Besessenheit bei allen zu finden. Am 11. Januar werden zwei dieser sechs Fussball-"Verrückten" die begehrten Trophäen bei der Gala zum FIFA Ballon d’Or entgegen nehmen dürfen und somit ihrem grandiosen Jahr 2015 die Krone aufsetzen.

FIFA.com wirft einen etwas anderen Blick hinter die Fassade der Kandidaten und ist auf einige Besonderheiten gestoßen.

Pep Guardiola (FC Bayern München)
Dass der Spanier den Fussball liebt, ist schon lange kein Geheimnis mehr. Schon während seiner Zeit beim FC Barcelona ist es ihm gelungen, den Gegner bis ins Detail zu analysieren und zu sezieren. Selbiges führt er nun in der dritten Saison bei Bayern München fort. In der vergangenen Saison brachte ihm das den erneuten Meistertitel ein, allerdings scheiterte er im DFB-Pokal sowie in der UEFA Champions League im Halbfinale. In der neuen Spielzeit jagt er mit seinem Team gerade wieder von einer Bestmarke zur nächsten. Der Katalane überlässt dabei in der Spielvorbereitung nichts dem Zufall, und sobald eine Partie angepfiffen ist, dauert es nur wenige Minuten, bis sich der 44-Jährige von der Bank erhoben hat und wie wild in der Coaching-Zone gestikuliert. Er gibt seinen Spielern Anweisungen und lebt die Aktionen selbst mit. Dabei ist ihm in der vergangenen Saison sogar einmal eine Hose gerissen. Vor kurzem gab der FIFA Trainer für Männerfussball des Jahres 2011 seinem Spielführer Philipp Lahm während einer laufenden Partie einen Spickzettel mit Instruktionen, die dieser an seine Teamkollegen weiterleitete - kurz danach erzielten die Bayern die Führung und holten den Sieg.

Luis Enrique (FC Barcelona)
Luis Enrique, quasi ein Nachfolger von Guardiola auf der Bank des FC Barcelona, ist dagegen ein ruhigerer Typ. Der 45-Jährige versucht seine Spieler nicht mit Anweisungen zu überschütten. Dennoch ist es ihm gelungen, die Azulgrana aus der kleinen Krise zu holen, in der sie sich nach Guardiolas Weggang befunden hat. Ausschlaggebend dafür waren veränderte Kleinigkeiten - im System, aber vor allem in der Mannschaftsführung. Mit seiner Philosophie möchte der Triple-Gewinner von 2015 die Fans unterhalten, ebenso wichtig sei es ihm aber, "selbst eine gute Zeit zu haben". Seitdem gibt es in der Kabine von Messi und Co. viel Musik und prächtige Stimmung. Er selbst achtet auf seinen Körper mit höchster Genauigkeit und trainiert ebenfalls hart. So absolvierte er nach seiner Fussballkarriere einen Marathon (in weniger als drei Stunden) und nahm an einem Triathlon sowie einem Ironman teil.

Jorge Sampaoli (Nationalmannschaft, Chile)
Der argentinische Cheftrainer Chiles erinnert in seiner Art stark an seinen Landsmann Marcelo Bielsa. Kein Wunder, ist Jorge Sampaoli doch ein großer Fan Bielsas. Die Bewunderung ging sogar so weit, dass sich der glatzköpfige Coach früher Bielsas Vorträge auf Kassetten aufnahm und diese beim Joggen hörte. Damit seine Spieler sich ebenfalls so viel mit Gegnern und Taktiken beschäftigen wie er selbst, ließ Sampaoli eine App entwickeln, in der sich die Spieler auf ihrem Smartphone, vergleichbar mit FIFA 16 an der Konsole, selbst auf dem Feld steuern können und gegen Rivalen antreten, die ähnliche Fertigkeiten haben wie die kommenden Gegner. Es scheint zu wirken, denn Chile gewann 2015 erstmals die Copa América und fuhr in der Qualifikation für Russland 2018 gute Ergebnisse ein. Während der 55-Jährige also fast dauerhaft über Fussball nachdenkt und diesen konsumiert, soll seine Mutter so gut wie nichts von der schönsten Nebensache der Welt mitbekommen. So kann sie sich zum einen nicht ärgern, wenn sie etwas über ihren Sohn liest, und zum anderen hat dieser eine Person, mit der er sich über etwas anderes unterhalten kann.

Jill Ellis (Frauen-Nationalmannschaft, USA)
Mit dem Titelgewinn bei der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft Kanada 2015™ erlöste Jill Elli die USA von einer 16-jährigen Durststrecke ohne Titel. Dabei war es ein steiniger Weg, der zum Erfolg führte. Wie sollte es auch anders sein, denn die 49-Jährige hat sich nie für den leichten Weg entschieden. In ihrer Jugend in England durften Mädchen noch nicht im Verein spielen, ihrer Liebe zum Fussball hat dies aber nicht geschadet. Immer wenn ihr Bruder mit seinen Freunden kickte, stand auch die junge Jill bereit. Nachdem sie mit 15 Jahren in die USA zog und dort die Schule und ihr Studium abschloss, nahm sie nicht die guten Jobangebote an, die ihr vorlagen und mit denen sie nach eigenen Aussagen "sofort sehr viel Geld" hätte verdienen können. Sie entschied sich für den unsicheren Weg und schlug die Trainerlaufbahn ein, ganz nach ihrem Credo: "Bei schweren Entscheidungen muss man etwas riskieren und dann dran glauben." Das hat sich ausgezahlt und Ellis führt ihren Weg weiter. Sie weigert sich beispielsweise, die Spielerinnen auf der Bank Reservespieler zu nennen. Für die amerikanische Nationaltrainerin sind sie "Gamechanger" - und das macht sie ihnen auch deutlich bewusst. Ihren Job beschrieb die in Portsmouth geborene Engländerin im Interview mit FIFA.com nicht als Arbeit, sondern als Leidenschaft, da er ihr so viel Freude bereite.

Mark Sampson (Frauen-Nationalmannschaft, England)
Mit dem dritten Platz in Kanada gelang Englands Frauen das beste Abschneiden bei diesem Wettbewerb. Natürlich war dies auch ein Erfolg von Trainer Mark Sampson. Dem Waliser ist es besonders wichtig, dass für seine Spielerinnen bei der Nationalmannschaft eine Wohlfühlatmosphäre herrscht, und diese schätzen das sehr, wie Lianne Sanderson gegenüber FIFA.com bestätigte: "Man sieht, dass die Mädels Spaß am Training haben. Er lässt uns Fehler machen. Er lässt uns Erwachsene sein." Während der WM wollte der 33-Jährige alles daran setzen, dass Kanada 2015 für sein Team ein besonderes Erlebnis wird. So führte er ein, dass die Spielerinnen ihre Trikots nicht wie üblich in der Kabine hängen hatten, sondern er überreichte es jeder einzeln bei der Teambesprechung vor der Abfahrt ins Stadion.

Norio Sasaki (Frauen-Nationalmannschaft, Japan)
Typisch japanisch ist Norio Sasaki ein sehr disziplinierter und ruhiger Trainer. Mit dieser Art hat es der 57-Jährige geschafft, die Nadeshiko an die Weltspitze zu bringen. Nach dem Titelgewinn 2011 schaffte sein Team in Kanada 2015 den zweiten Platz. An der Seitenlinie ist er nicht als großer Wirbelwind oder Zampano bekannt. Er glänzt vielmehr durch sachliches und kultiviertes Verhalten. Dennoch kann er auch Gestikulieren, wie er im Interview mit FIFA.com erklärte: "Das ist nur ein Auftritt, um zu zeigen, dass mein Team und ich den Kampf annehmen." Jede Handlung ist also wohl durchdacht beim FIFA Trainer für Frauenfussball des Jahres 2011. Um den Erfolg aber nicht nur auf detaillierte Vorarbeit zu stützen, hat Sasaki ein ganz besonderes Ritual: "Für mich ist der Kawaguchi-See ein 'Power Spot' [ein Ort mit positiver Energie]. Er bietet einen wundervollen Blick auf den Berg Fuji und ist ein sehr schöner See. Vor einem Turnier begebe ich mich gern dorthin und bete zu den Göttern des Fuji."