Wenigen Torhütern ist es gelungen, sich bei individuellen Auszeichnungen ins Rampenlicht zu stellen. Oliver Kahn gehört zu diesen besonderen Schlussleuten. 1963 bekam Lev Yashin zwar als bisher einziger Torwart den France Football Ballon d'Or, der Titan aber ist der einzige Torhüter, der den Titel als bester Spieler einer FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ erringen konnte.

2002 in Korea/Japan verhalf der UEFA Champions-League-Sieger seinem Team mit überragenden Leistungen zum Einzug ins Finale, das Deutschland dann aber gegen Brasilien verlor. Dennoch gab es für den heute 46-Jährigen den Goldenen Ball von adidas. "Natürlich ist es schade, und ich wäre sehr gerne Weltmeister geworden", meinte der ehemalige Torwart des FC Bayern München im Exklusiv-Interview mit FIFA.com.

Im selben Jahr schaffte es der achtmalige Deutsche Meister auch unter die letzten Drei beim FIFA Ballon d’Or - musste sich aber erneut Ronaldo geschlagen geben. Auch wenn für Kahn beim Fussball immer der Mannschaftssport im Vordergrund stand, war dies ein besonderer Moment für ihn. Und er weist Parallelen zur Situation von Manuel Neuer im vergangenen Jahr auf.

Im ersten Teil unseres exklusiven Interviews sprach der Weltpokalsieger von 2001 unter anderem über die Rolle des Torwarts bei der Weltfussballerwahl und über die Unterschiede zwischen ihm und Neuer.

Im letzten Jahr waren nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft fünf Deutsche unter den Nominierten - und mit Manuel Neuer sogar ein Torhüter. Waren Sie von der Entscheidung enttäuscht? Haben Sie die Gala verfolgt?
Ich kann mich daran erinnern, dass Manuel im Vorfeld in Deutschland im Gespräch war. Aber ich glaube, es wird vor allem im Ausland nicht immer hundertprozentig verstanden, warum ein Torhüter bei so einer Wahl überhaupt dabei ist. Ich finde, es sollte den Ballon d’Or für den Feldspieler geben, und man sollte den Torhüter gesondert in einer anderen Kategorie auszeichnen. Dann würden die Torhüter damit gar nicht mehr konfrontiert. Das führt nämlich immer zu großen Diskussionen.

Warum wird im Ausland noch nicht verstanden, dass auch ein Torhüter unter den Nominierten sein kann?
Der Stellenwert des Torhüters ist in Deutschland sehr hoch. Ich gehe zwar davon aus, dass sich mittlerweile auch weltweit herumgesprochen hat, dass der Torhüter ein entscheidender, wenn nicht der entscheidende Spieler ist und man große Titel nur mit einem großartigen Torhüter gewinnen kann. Aber ich glaube, dass der Torhüter in Europa einen höheren Stellenwert hat als beispielsweise in Südamerika

2002 haben Sie eine ähnliche Situation erlebt. Sie waren unter den letzten Drei, konnten die Auszeichnung aber nicht gewinnen. Können Sie sich in Manuel Neuer hineinversetzen?
Ich hätte es mir damals kaum vorstellen können, diesen Titel zu gewinnen, aus den eben genannten Gründen. Es wäre damals schon außergewöhnlich gewesen. Ich habe ja bei der Fussball-Weltmeisterschaft die Auszeichnung zum besten Spieler bekommen. Dann diese Ballon d’Or-Auszeichnung noch zu erhalten, wäre etwas absolut Unglaubliches gewesen für einen Torwart.

Glauben Sie, dass der Ausgang der WM in Korea/Japan den Ausgang der FIFA Weltfussballerwahl 2002 beeinflusst hat? Hätten Sie die Auszeichnung erhalten, wenn Sie den Titel geholt hätten?
Das macht schon sehr viel aus. Wenn du dann wirklich einen großen Titel wie die WM, EM oder Champions League in dem jeweiligen Jahr gewinnst, sind das treibende Kriterien. Oder auch, wie viele Tore jemand erzielt hat. Daher sind auch Lionel Messi und Cristiano Ronaldo immer nominiert. Man darf natürlich nicht vergessen, dass diese Spieler auch Freude bereiten und dem Zuschauer Spaß machen. Das ging mir ja selbst auch schon so, als ich noch im Tor gespielt habe. Einem Zinédine Zidane beim Fussballspielen zuzusehen, war einfach ein Genuss. Daher haben diese Spieler auch die Auszeichnungen verdient.

Welche Erinnerungen haben Sie noch an die Gala und die Auszeichnung von 2002 in Madrid?
Ich weiß noch, dass ich von spanischen Medien gefragt wurde, ob ich mir vorstellen könnte, bei Real Madrid zu spielen. Meine Antwort war damals: 'Nein, wieso? Ich spiele doch schon beim besten Verein der Welt.' Also Bayern München. Das war eigentlich eher als Spaß gemeint, kam aber nicht so gut an (lacht). Das wurde mir hinterher als Arroganz ausgelegt, obwohl es eigentlich nur ein Scherz sein sollte, der komplett misslungen ist.

Sie haben einige persönliche Auszeichnungen gewonnen, heben aber immer den Teamfaktor hervor. Wie wichtig waren Ihnen diese Auszeichnungen?
Was heißt wichtig? Ich konnte mich dagegen ja nicht wehren (lacht). Aber ich habe sie natürlich sehr gerne angenommen, und mir war es wichtig, dass ich diese stellvertretend für das Team entgegen genommen habe. Wenn man nicht die Möglichkeit hat, bei einem Spitzenverein wie Manchester United, FC Barcelona oder Bayern München zu spielen, bekommt man kaum die Chance, diese großen Titel zu gewinnen. Daher war es mir immer wichtig, darauf hinzuweisen, dass meine Mitspieler, die ich an meiner Seite hatte, einen großen Teil zu der Auszeichnung beigetragen haben. Manchmal habe ich etwas für die Jungs gerettet, mal haben sie mich gerettet. So ist das eben im Fussball.

Der Erfolg Deutschlands wird oft dem Team zugeschrieben. Glauben Sie, dass dies ein Problem sein könnte, wenn es um individuelle Auszeichnungen geht? Ist es zu schwer, aus diesem starken Konstrukt einen Einzelnen herauszupicken?
Die deutsche Mannschaft hat viele exzellente Könner, aber sie hat keinen Ronaldo oder Messi. Die deutsche Mannschaft ist in ihrer Zusammensetzung optimal austariert. Das Verhältnis zwischen Individualisten, wie Mario Götze oder Mesut Özil, und den Kollektivspielern, den eher unauffälligen Spielern, die aber wichtige Funktionen übernehmen, und den Führungsspielern war bei der WM 2014 perfekt balanciert. Dieser Faktor hat den Ausschlag gegeben gegenüber einer Mannschaft wie Argentinien, die stark auf einen Spieler zugeschnitten war. So etwas gibt es in der Nationalmannschaft nicht. Ich möchte aber nicht den Fehler machen, hier wertend zu sein und zu sagen, das eine sei besser als das andere. Bei dieser Weltmeisterschaft hat sich eben ein sehr starkes deutsches Kollektiv durchgesetzt.

In diesem Jahr ist Manuel Neuer einer von drei deutschen Nominierten bei den Männern. Rechnen Sie ihm wirkliche Chancen aus? Falls nicht, wer wird die Auszeichnung bekommen?
Es geht dabei auch immer um die großen Titel. Barcelona hat die Champions League gewonnen, Juventus war im Finale. Dann ist die Frage, wer hat viele Tore erzielt. (liest die Liste mit den Nominierten) Gareth Bale, Müller, Neuer, Neymar (überlegt lange). Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich wird es sich wieder zwischen Messi, der eine starke Saison gespielt hat, und Ronaldo, der wieder viele Tore geschossen hat, entscheiden. Ich gehe davon aus, dass es wieder Ronaldo wird, der von sich sagt, er sei der beste Spieler. Was soll er auch anderes tun (lacht). Robben ist für mich ein Spieler, der exzellente Leistungen bringt, aber der immer wieder große Verletzungsprobleme hat. Noch ist es nicht so, dass ein Verein wie Bayern weltweit so häufig zu sehen ist wie Madrid, Barcelona oder Manchester United. Das sind alles Vereine, die im Ausland stark im Fokus sind. Die Bundesliga sieht man weltweit betrachtet noch zu wenig. Auch das sind Faktoren, die bei der Wahl eine Rolle spielen. Wie soll ich jemanden wählen, den ich kaum zu sehen bekomme? Deswegen haben es die Deutschen immer besonders schwer, außer sie spielen, wie Toni Kroos, bei einem Verein wie Real Madrid.

Wie würden Sie Manuel Neuer mit Ihnen vergleichen?
Ich bin kein Freund davon, Generationen miteinander zu vergleichen. Denn jede Generation hat ihr eigenes Anforderungsprofil. Manuel ist ein Torspieler, der das Spiel auf eine neue Ebene gebracht hat, der immer wieder hohes Risiko geht und sich zu einem elften Feldspieler entwickelt hat. Er ist immer anspielbar und technisch sowohl links, als auch rechts sehr stark. Seine Mitspieler können ihn selbst in bedrängten Situationen ins Spiel mit einbeziehen. Das ist für eine Defensive ein riesiges Plus. Darüber hinaus versucht er, viele Situationen antizipativ zu klären. Teilweise schon weit außerhalb des Strafraums. Bisher ist es noch nicht passiert, dass er in einem entscheidenden Spiel einen Fehler gemacht hat. Das ist sein Spielstil. Allerdings wurde das Mitspielen auch zu meiner Zeit schon gefordert. Manuel hat es perfektioniert.

Wenn Sie die Wahl hätten für Ihr Team, wen würden Sie ins Tor stellen: Manuel Neuer oder Oliver Kahn zu seinen besten Zeiten?
(lacht) Ich glaube, das wäre schwierig. Ich würde immer wieder wechseln. Bei mir gäbe es keine Nummer eins. Derjenige, der gerade besser drauf ist, würde spielen.

Sehen Sie bei Manuel Neuer noch Schwächen?
Da gibt es keine wirklichen Schwächen mehr. Man arbeitet auf diesem Niveau konsequent immer weiter, das war bei mir auch irgendwann so. Das Torwartspiel ist eigentlich an sich komplett, und man versucht, die einzelnen Facetten immer weiter zu perfektionieren. Bei Flanken ist er sehr mutig und versucht der Mannschaft zu helfen, indem er den Fünf-Meter-Raum verlässt. Trotzdem passieren immer wieder mal Fehler. Das ist normal. Er hat starke Reflexe und ist aus der Distanz schwer zu bezwingen. Es geht darum, dieses Niveau zu halten und daran zu arbeiten, sich in allen Bereichen noch etwas absetzen zu können. Das ist die Herausforderung, die man auf dem Niveau von Manuel Neuer irgendwann hat.