Vor 15 Jahren verabschiedete der außerordentliche FIFA-Kongress 2001 in Buenos Aires die bahnbrechende Resolution gegen Rassismus und Diskriminierung. Das alles bietet Anlass zum Feiern, aber nicht sich selbst.

Ob Spielbeobachtungssystem, Good Practice Guide oder die Sammlung von Aktionsplänen der Mitgliedsverbände: Die FIFA hat in den vergangenen Jahren diese und noch mehr Aktionen gestartet, um ihre Anstrengungen zur Förderung von Vielfalt und Antidiskriminierung noch stärker in den Arbeitsalltag des Weltfussballs einzuschreiben.

Denn was wäre die Arbeit gegen Diskriminierung im Fussball ohne die unermüdlichen Bemühungen an den Graswurzeln des Fussballs? Was wäre sie ohne staatliche und nicht staatliche Organisationen und Faninitiativen, die diese Arbeit dort leben, wo Jung und Alt direkt und individuell angesprochen werden können? Der sozial inklusive Motor Fussball hätte entscheidend weniger Antriebskraft! Der Weltfussballverband erkennt dies immer wieder neu über sein Programm Football For Hope und die dort geförderten Basisprojekte. Diese verknüpfen den Fussball mit der Verbesserung sozialer Lebensumstände.

Elf Fachleute in der Jury
Solche Arbeit und ihre ehrenamtlichen Helfer können nicht oft genug hervorgehoben werden. Dazu ergreift die FIFA nun eine Chance: "Die FIFA-Auszeichnung für Vielfalt", so FIFA-Präsident Gianni Infantino, "ehrt diejenigen, die sich dafür einsetzen und besorgt sind, dass der Fussball seinen Kernwerten von Solidarität und Fairness treu bleibt."

Um dieser Auszeichnung Leben einzuhauchen, sollen im Ozean der unterschiedlichen Ansätze nicht nur beeindruckende Beispiele herausgefischt, sondern auch alle Diskriminierungsformen berücksichtigt werden (sie sind im Artikel 4 der FIFA-Statuten aufgeführt). Dafür ist eine hochkarätige Jury aus elf Fachleuten zusammengekommen. Mit dabei sind Spielerinnen, wie die Weltmeisterin Abby Wambach (USA), oder Alexandra Haas Paciuc (Präsidentin der mexikanischen Antidiskriminierungseinrichtung "Consejo Nacional para Prevenir la Discriminación" (CONAPRED)). Oder Thomas Hitzlsperger, der nach seiner Zeit als deutscher Nationalspieler 2014 sein Coming-out hatte, und sich seitdem nicht nur gegen die Diskriminierung von Homosexuellen im Fussball einsetzt. Jeder Mensch solle so leben dürfen, dass er "wegen seiner Herkunft, Hautfarbe, sexuellen Neigung oder Religion keine Angst haben muss, diskriminiert zu werden. Das verstehe ich nicht als politisches Statement, sondern als Selbstverständlichkeit."

Zur Jury zählt auch Moya Dodd, die dort als Mitglied der Kommission für Frauenfussball und die FIFA Frauen-Weltmeisterschaft™ sowie als Vorsitzende der FIFA-Arbeitsgruppe für Frauenfussball Platz nimmt. Sie sagt: "Der Fussball ist eine globale und einzigartige einende Kraft. Wie nichts sonst vermag er Brücken zwischen Kulturen, Klassen und Religionen zu bauen. Mit ihm können wir eins werden. Ich freue mich, diese neue FIFA-Auszeichnung zu unterstützen, die herausragende Verdienste für Vielfalt und im Kampf gegen Diskriminierung ehrt und würdigt."

Projekte in England und Indien
Unter den letzten drei verbleibenden nominierten Organisationen befindet sich "Kick It Out" (KIO), die vom englischen Fussballverband, der Premier League, der Vereinigung der Profispieler und der Football League unterstützt wird. Seit 1993 hat KIO mit ihren Kampagnen und Präventionsansätzen wesentlich dazu beigetragen, dass die Akteure im englischen Fussball Gleichstellung ernst nehmen und sich dafür einsetzen. Schwerpunkt von KIO sind Beratung zu Gleichstellungsstandards, die Dokumentation diskriminierender Vorfälle sowie praktische Aufklärung an Schulen, Universitäten und bei Online-Kursen.

Ebenso nominiert ist die Organisation "Slum Soccer", die eine nachhaltige Entwicklung in extrem marginalisierten Bevölkerungsschichten in Indien fördert. Das Programm bietet Lösungen zur Bekämpfung der Obdachlosigkeit und zur Verbesserung der Lebensstandards in benachteiligten Gebieten. "Slum Soccer" überwindet mithilfe des Fussballs ethnische, religiöse, sprachliche und geschlechtliche Barrieren, verbindet Menschen, vermittelt grundlegende Fähigkeiten und setzt sich für eine bessere Lebensqualität ein. Schwerpunkt sind dabei die sozialen Problemlagen in indischen Slums. In den letzten zehn Jahren haben fast 70.000 Männer, Frauen und Kinder in über 63 Bezirken im ganzen Land von den sozialen Entwicklungsprojekten, Bildungs- und Gesundheitskursen profitiert.

Verständnis fördern
Weiterhin im Rennen um die FIFA-Auszeichnung für Vielfalt ist auch der Internationale Fussballverband für Schwule und Lesben (IGLFA). 1992 gegründet, fördert und unterstützt er das Wachstum des Fussballs für Lesben, Schwule sowie Bi- und Transsexuelle (LGBT) und stärkt das Selbstbewusstsein dieser Gemeinschaft auf der ganzen Welt. Die Turniere und Sitzungen des IGLFA richten sich an LGBT sowie an Heterosexuelle, und sind ein Ort für den Austausch über das alltägliche Engagement gegen jede Form der Diskriminierung. Der IGLFA fördert mithilfe des Fussballs den Austausch über sportliche und soziale Erfahrungen, Respekt und Verständnis. Ziel der Organisation ist es auch, dass Spielerinnen und Spieler selbstbewusster agieren und nicht täglich homo-, bi- oder transsexuelle Anfeindungen fürchten müssen.

Und dies ist nur die getroffene Auswahl an möglichen Preisträgern. Nach der Sichtung der profunden Projekte musste Jurymitglied Jaiyah Saelua, ihrerseits eine Fa‘afafine, die in der Kultur von Amerikanisch-Samoa eine Person des "dritten Geschlechts" ist, tief durchatmen. Saelua, die als erste offen transgender lebende Person an einem WM-Qualifikationsspiel teilgenommen hat, betont: "Alle Nominierten haben den Preis verdient, was uns die Arbeit schwer macht. Dieser Preis wird noch mehr Menschen aus aller Welt anspornen, in ihrer Gemeinschaft, Organisation und vor allem für den Sport Positives zu leisten."

Womit sie den Urgedanken der Einführung der neuen FIFA-Auszeichnung perfekt herleitet. Denn sicher wird es bei der Bekanntgabe am 26. September 2016 in Manchester einen Sieger geben, der eine besonders verdiente Organisation im Bereich Vielfalt und Antidiskriminierung ist. Aber dieser Sieger markiert letztendlich nur das Eingangstor zu einem riesigen globalen Feld an Organisationen, Projekten und Faninitiativen, die alle auf ihre Weisen tagtäglich die bemerkenswerte Arbeit für die soziale Inklusion im Fussball leisten.