Für jeden wirklichen Fussballfan gilt die eiserne Regel, nie zu spät ins Stadion zu kommen. Analog dazu trifft das Gleiche im Umkehrschluss auch auf das Ende einer Partie zu. Demnach sollte man nie seinen Platz verlassen, bevor das Spiel abgepfiffen wurde! Um dies zu verdeutlichen, lässt FIFA.com für Sie noch einmal einige der spektakulärsten Wendungen aus der Geschichte des Fussballs Revue passieren.
Ehre, wem Ehre gebührt. Beginnen wir mit England, das nicht nur als Mutterland des modernen Fussballs gilt, sondern darüber hinaus vor allem für seinen sprichwörtlichen "fighting spirit" bekannt ist. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts machten die Spieler des FC Everton in der Saison 1904/05 mit einer bis heute beispiellosen Aufholjagd auf sich aufmerksam. Nachdem sie zur Halbzeitpause bei Sheffield Wednesday, dem amtierenden Titelträger, bereits mit 0:5 zurückgelegen hatten, schafften sie in der zweiten Hälfte noch völlig unerwartet den Ausgleich zum 5:5-Endstand. Doch damit nicht genug. Denn dank jener historischen Leistung des FC Everton fand gleichzeitig der damalige Gegner Sheffield Wednesday Eingang in die Fussballgeschichte. Die Eulen, wie sie von ihren Fans genannt werden, hatten als erste britische Mannschaft das "Kunststück" fertig gebracht, nach einer 5:0-Führung am Ende noch unentschieden zu spielen. Ein Rekord, der - sicher zum Leidwesen des Rekordhalters - bis heute noch nicht eingestellt wurde!
Rund ein Jahrhundert später war es dann Evertons Lokalrivale FC Liverpool, der mit einem weiteren Paukenschlag den Eindruck untermauerte, dass das Kippen einer bereits verloren scheinenden Partie gewissermaßen ein Markenzeichen der Klubs aus der Stadt am Ufer des Mersey River ist. Als Schauplatz für den größten Triumph ihrer Vereinsgeschichte hatten sich die Reds ausgerechnet das Finale der prestigeträchtigen UEFA Champions League ausgesucht. Nachdem sie in Istanbul nach den ersten 45 Minuten gegen den AC Mailand durch Tore von Paolo Maldini und Hernán Crespo (2) schon mit 0:3 im Rückstand gelegen hatten, schien sich ein echtes Debakel der Engländer abzuzeichnen.
Doch wer bereits fest davon überzeugt war, hatte die Rechnung ohne den nach der Pause vorbildlich kämpfenden Steven Gerrard gemacht. Liverpools Kapitän trieb seine Mitspieler immer wieder nach vorne und gab mit seinem Anschlusstreffer zum 1:3 das Startzeichen für den Gegenangriff seiner Mannschaft. Am Ende blieb es Jerzy Dudek, dem polnischen Torhüter des FC Liverpool, vorbehalten, den Mailändern den zuvor bereits sicher geglaubten Sieg noch zu entreißen. Nicht nur, dass es nach Ablauf der regulären Spielzeit sowie der Verlängerung sensationell 3:3 stand, im anschließenden Elfmeterschießen machte Dudek auch noch die Strafstöße von Andrea Pirlo und Andriy Shevchenko zunichte.
Eventuell inspiriert wurde der FC Liverpool dabei von einem weiteren europäischen Spitzenklub, der im Normalfall gleichfalls in roter Spielkleidung aufläuft. Die Rede ist vom FC Bayern München, der im Jahr 1999 gegen Manchester United im Finale der europäischen Königsklasse in Barcelona nach Ablauf der regulären 90 Minuten mit 1:0 in Führung lag. In der Nachspielzeit gelang dem unverwüstlichen Teddy Sheringham dann aber noch der Ausgleich für die Red Devils. Die entsetzten Bayern machten sich schon mit dem Gedanken an eine Verlängerung vertraut, in der sie ihren vierten kontinentalen Titel hätten sichern können. Doch es sollte anders kommen.
Denn eine Minute, nachdem der Ausgleichstreffer gefallen war, geschah das Unfassbare: Der Norweger Ole Gunnar Solskjaer, der erst zehn Minuten zuvor eingewechselt worden war, traf nach einem Eckball erneut für die Engländer und bescherte "ManU" damit den zweiten Europapokal-Triumph. Bayern-Verteidiger Samuel Kuffour und Torwart Oliver Kahn, die sich schon mit dem Pokal in der Hand gesehen hatten, mussten danach noch zwei weitere Jahre warten, um die begehrte Trophäe ein weiteres Mal nach München zu holen.
Wunder gab es immer wieder
Es ist eine Ironie der Geschichte, dass dem FC Bayern München ein ähnliches Schicksal bereits am Ende der Bundesligasaison 1973/74 widerfahren war. Damals hatten Franz Beckenbauer und Co. auf dem Betzenberg gegen den 1. FC Kaiserlautern schon mit 4:1 in Führung gelegen, bevor sie das Spiel aus der Hand gaben und schließlich noch mit 4:7 unter die Räder kamen! Genau anders herum lief es für die Münchner im Endspiel um den DFB-Pokal 1982 gegen den 1. FC Nürnberg. Damals gelang es ihnen, nach einer sensationellen Aufholjagd einen 0:2-Rückstand wettzumachen und sich am Ende noch mit 4:2 durchzusetzen.
Überhaupt haben deutsche Teams, ob auf Vereinsebene oder als Nationalmannschaft, schon häufig dafür gesorgt, in einem Spiel noch die entscheidende Wende herbeizuführen. "Fussball ist ein einfaches Spiel: 22 Männer jagen während 90 Minuten einem Ball nach, und am Ende gewinnen immer die Deutschen", lautete einst der verzweifelte Kommentar des englischen Nationalspielers Gary Lineker nach Englands Niederlage im Halbfinale des FIFA-Weltpokals™ Italien 1990 gegen die DFB-Auswahl. Ein ähnliches Attribut hätte man auch der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ 1954 in der Schweiz zuordnen können. Seinerzeit traf die deutsche Elf unter ihrem legendären Trainer Sepp Herberger im Endspiel auf Ungarn, das zuvor 31 Spiele in Folge ungeschlagen war und von daher logischerweise als erster Anwärter auf den WM-Titel galt. Nachdem dank der beiden frühen Tore der Ungarn bereits alles klar schien, holten die Deutschen den Rückstand schon bald wieder auf und sorgten mit dem 3:2-Siegtreffer, den Helmut Rahn fünf Minuten vor dem Schlusspfiff erzielte, für das berühmte "Wunder von Bern" in Gestalt des ersten WM-Titels für Deutschland überhaupt.
Das Prädikat "Wunder" trifft auch auf das Finale der UEFA EURO 2000 zu, bei dem sich Frankreich und Italien in Rotterdam gegenüber standen. Nach der 1:0-Führung ihrer Mannschaft hatten die italienischen Fans schon die Sektkorken knallen lassen, zumal sich die Partie bereits in der dritten Minute der Nachspielzeit befand. Doch buchstäblich in der letzten Sekunde (90. +4) gelang Frankreichs Stürmer Sylvain Wiltord noch der Ausgleichstreffer, mit dem er den Jubelfeiern der italienischen Fans ein jähes Ende setzte. Ein paar Minuten später versenkte David Trezeguet das Leder erneut im italienischen Tor und bescherte den Bleus ihren zweiten Europameistertitel.
Vier Jahre danach begann die UEFA EURO 2004 für Frankreich dann genau so, wie sie im Jahr 2000 in Rotterdam geendet hatte: Erneut ging es äußerst knapp zu! Im ersten Spiel gegen England lief die Mannschaft um Zinédine Zidane lange Zeit dem durch Frank Lampard in der 39. Minute erzielten Führungstreffer der Engländer hinterher. Und wieder einmal bedurfte es erst der Verlängerung, um endlich den Zauberfussball von "Zizou" zu erleben. Sein Freistoßtor in der 91. Minute sowie sein sicher verwandelter Elfmeter in der 93. Minute machten den Sieg für den später entthronten Titelverteidiger perfekt.
Dem in Marseille geborenen Zidane, der im vergangenen Jahr seine aktive Karriere beendete, dürfte auch die denkwürdige Leistung des in seiner Heimatstadt ansässigen Fussballvereins aus der Saison 1998/89 nicht unbekannt sein. Denn Olympique Marseille, bei dem damals die frisch gebackenen Weltmeister Christophe Dugarry, Robert Pirès und Laurent Blanc unter Vertrag standen, sorgte seinerzeit in der Auswärtspartie gegen Montpellier ebenfalls für eine mittlere Sensation. Nachdem OM bereits mit 0:4 in Rückstand geraten und von den eigenen Fans gnadenlos ausgepfiffen worden war, raffte sich das Team des Traditionsvereins noch einmal auf und schaffte es, das Spiel in der zweiten Halbzeit noch zu drehen. Die mitgereisten Fans aus Marseille konnten sich schon glücklich schätzen, dass sie noch den Ausgleich zum 4:4 miterleben durften. Doch als Laurent Blanc dann in der Nachspielzeit auch noch das Siegtor schoss, stand man im Gästeblock vor Freude förmlich Kopf.
Spektakuläre Klassiker
Im argentinischen Fussball stellen die emotionsgeladenen "Superklassiker" zwischen den Boca Juniors und River Plate in der Haupstadt Buenos Aires seit jeher die Höhepunkte des Fussballjahres dar. So auch im Jahr 1991, als die beiden ewigen Rivalen in der ersten Runde der Copa Libertadores aufeinander trafen. Beim Spielstand von 3:1 wähnten sich die Millonarios eine halbe Stunde vor Schluss schon als sichere Sieger. Aber die Xeneizes machten noch einmal alle Reserven mobil und erzielten nicht nur den Ausgleich zum 3:3, sondern versetzten ihren Rivalen in der 87. Minute auch noch den K.o. und gewannen die Partie schließlich mit 4:3.
Sechs Jahre später kehrte sich das Szenario dann ins Gegenteil um. Boca Juniors führte im heimischen Monumental-Stadion bereits mit 3:0, bevor das Spiel noch eine dramatische Wende erfuhr. Zunächst hielt River Plates Torwart Roberto Bonano einen Elfmeter und vereitelte so den vierten Treffer der Hausherren. Daraufhin bliesen die Gäste zum Gegenangriff und schafften noch den Ausgleich zum 3:3-Endstand. Damit war die Revanche gelungen.
Eine über Jahrhunderte geprägte Rivalität herrscht auch im schottischen Glasgow, wo sich mit den Rangers und Celtic traditionell die beiden großen Vereine der Stadt erbitterte Duelle liefern. Der dramatischste Titelkampf zwischen beiden Mannschaften fand in der Spielzeit 2004/05 statt. Beide Teams befanden sich in der Meisterschaft fast gleichauf, wobei die in Grün-Weiß spielenden Akteure von Celtic es selbst in der Hand hatten, durch einen Auswärtssieg beim FC Motherwell alles klar zu machen. Zunächst schien sich dies auch zu bestätigen, als Celtic durch einen Treffer von Chris Sutton in Führung ging. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass die Rangers zur gleichen Zeit in Edinburgh gegen Hibernian ebenfalls in Führung lagen. Allerdings nur bis zur 89. Minute…
Inzwischen war bereits ein Hubschrauber gestartet, um den Pokal nach Motherwell zu bringen. Unterdessen erzielte der australische Angreifer Scott McDonald jedoch den Ausgleichstreffer für die gastgebende Mannschaft. Die Bhoys, so der Spitzname der Celtic-Spieler, stürmten daraufhin verzweifelt in Richtung gegnerischer Strafraum, da sie ihre Felle davon schwimmen sahen. Doch inmitten ihrer Angriffsbemühungen kassierten sie den zweiten Gegentreffer. Folglich musste der Hubschrauber umkehren und nach Edinburgh fliegen.
Diese Geschichte weckt unwillkürlich Erinnerungen an das, was dem FC Schalke 04 im Jahr 2001 passierte. Damals führten die Knappen am letzten Spieltag der Bundesliga gegen die SpVgg Unterhaching, während Rekordmeister Bayern München beim Hamburger SV nach Ablauf der regulären Spielzeit (wieder einmal!) mit 0:1 zurück lag. Auf Schalke feierten die Fans ihre Mannschaft schon als deutschen Meister, da man davon ausging, die Partie in Hamburg sei bereits beendet. Doch unmittelbar vor dem Schlusspfiff traf der Schwede Patrick Andersson per Freistoß zum erlösenden 1:1-Ausgleich für die Bayern. Seither muss Schalke mit dem wenig schmeichelhaften Beinamen des "Fünf-Minuten-Meisters" leben.
Es dauert also oft nicht mehr als fünf Minuten, bis eine Partie eine völlig andere Richtung nehmen kann. Falls Ihre Lieblingsmannschaft kurz vor dem Abpfiff einmal im Hintertreffen liegen sollte, seien Sie nicht gleich verzweifelt. Und verlassen Sie das Stadion auf keinen Fall vor dem Abpfiff, sondern denken Sie immer daran: "Ein Fussballspiel ist erst entschieden, wenn der Schlusspfiff ertönt ist."