Einmal Fan, immer Fan
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"Du kannst die Frau wechseln oder auch die Religion, nicht aber Deinen Lieblingsklub." In seinem Film Looking for Eric zeichnet der britische Regisseur Ken Loach am Beispiel von Eric Cantona die enge Verbundenheit der Fans mit ihrem Lieblingsverein nach. Fan eines bestimmten Klubs ist man ein Leben lang. Und für die leidenschaftlichsten unter ihnen gilt, dass sie sich ein Leben ohne ihren Lieblingsklub überhaupt nicht vorstellen können.

FIFA.com berichtet heute über besondere Serviceleistungen, die nicht wenige Klubs ihren treuesten Anhängern bieten, um sie ein Leben lang oder selbst noch darüber hinaus an den Verein zu binden.

River Plate leistet Pionierarbeit
Während sich so mancher Fan nicht an ein genaues Datum erinnern kann, an dem er sich für den Klub seines Lebens entschieden hat, stellt dies zumindest für einen Teil der Fans von Hannover 96 überhaupt kein Problem dar. Denn seit Herbst 2009 können werdende Eltern im Kreißsaal der Geburtsklinik des Diakoniekrankenhauses Friederikenstift ihrem Nachwuchs einen sportlichen Start ins Leben bieten. In der in unmittelbarer Nähe zur AWD-Arena gelegenen Geburtsklinik wurde eigens ein Raum in den grün-weißen Vereinsfarben für werdende Eltern gestaltet, die ihr Kind vom ersten Moment ihres Lebens an zum offiziellen Fan von Hannover 96 machen möchten! Dazu erhalten die Neugeborenen vom Klub einen schicken Body und werden automatisch für die Dauer ihres ersten Lebensjahres als Vereinsmitglied geführt. "Kinder sind unsere Zukunft. Dieses Projekt kann dazu beitragen, dass sich die Kinder schon sehr früh mit unserem Klub identifizieren", kommentierte Martin Kind, Präsident von Hannover 96, die etwas ungewöhnliche Initiative der Niedersachsen. Den passenden Familiennamen dafür hat er auf jeden Fall!

Außer in Hannover gibt es rund um den Globus noch zahlreiche weitere Klubs, die ähnliche Aktivitäten im Hinblick auf eine frühzeitige Bindung ihrer Fans entwickelt haben. So kann man in Argentinien zwar nicht schon im Kreißsaal zum Fan eines Vereins werden, dafür spielen die Klubs aber eine wichtige Rolle bei der Erziehung der Kinder. Estudiantes de La Plata, Lanús und Banfield sind nur einige Beispiele für Vereine, die über eigene Kindergärten, Grund- und Mittelschulen oder Gymnasien verfügen.

Pionierarbeit leistete in dieser Hinsicht River Plate. Denn der Traditionsklub aus Buenos Aires eröffnete bereits 1982 seine erste Bildungseinrichtung mit dem ursprünglichen Ziel, seinem eigenen Fussballnachwuchs eine umfassende Allgemeinbildung zu ermöglichen. "Bei uns steht der Mannschaftssport als solcher im Vordergrund, weniger das Konkurrenzdenken", so Marcos Capurro, Leiter des Bereichs Körperkultur und Sport des vereinseigenen Gymnasiums gegenüber dem Magazin Foot Citoyen. "Natürlich fördern wir die Kinder vor allem in den Sportarten, in denen sie besonders gut sind. Dabei behalten wir stets im Auge, dass wir zu einem Klub gehören, der seinerseits auch entsprechende Ergebnisse von uns erwartet. Unsere wichtigste Aufgabe ist jedoch nach wie vor, unsere Schüler zu Sportlern zu erziehen, die sich später in den Dienst ihrer Mannschaft stellen. Gerade dafür ist der Sport ein besonders geeignetes Mittel."

Pausenhof und Trauzeugen
Pablo Aimar, Javier Saviola, Gonzalo Higuaín und Javier Mascherano sind nur einige von zahlreichen Topspielern, die ihre schulische und fussballerische Ausbildung am Gymnasium von River Plate erhalten haben. In der Bildungseinrichtung mit gemischten Klassen lernen rund 1.000 Schüler, von denen 60 Prozent Kinder von Klubmitgliedern sind. Allerdings muss man nicht zwingend Anhänger der Millonarios sein, um an dieser Schule aufgenommen zu werden. Daher kommt es durchaus vor, dass sich Schüler auch als Fans von Boca Juniors, Independiente Avellaneda oder Racing Club bekennen. Kein Wunder also, dass es deshalb auf dem Pausenhof, vom dem aus die imposante Kulisse des Estadio Monumental zu sehen ist, stets genügend Gesprächsstoff gibt!

Das Vereinsstadion von River Plate wiederum ist nicht die einzige Spielstätte, die ihren Fans mehr als nur ihre Tribünen bietet. In Anlehnung an die Formel, wonach "der Fussball eine Religion ist", besitzen inzwischen viele Vereine eine eigene Kapelle. In Deutschland sind es vor allem Hertha BSC Berlin und Schalke 04, die ihren Fans die Möglichkeit bieten, sich in dem Stadion, in dem ihre Idole spielen, das Ja-Wort zu geben. Absoluter Spitzenreiter in punkto Hochzeitsfeiern ist Eintracht Frankfurt. Denn die Fans des hessischen Traditionsklubs können in der Commerzbank-Arena nicht nur ihre Eheschließung zelebrieren, sondern darüber hinaus auch die Maskottchen des Vereins und des Stadions, Adler Attila und Charly, als Gäste und Trauzeugen bestellen.

In England können die Fans von Tottenham Hotspur ihre Hochzeitsgäste und Trauzeugen zwar selbst auswählen, um alles andere kümmert sich indes der Verein selbst! Nicht nur, dass dem Brautpaar der Zutritt zum Rasen und der Umkleidekabine ihrer Idole gewährt wird, obendrein erstellt ihr Klub auch noch einen speziellen Hochzeitsplaner, der den Ablauf der Eheschließung bis ins kleinste Detail festlegt. Zum Beispiel einen Besuch im Fan-Shop, wo der Bräutigam unter anderem ein verführerisches Strumpfband in den Vereinsfarben der Spurs für seine künftige Ehefrau ergattern kann… Gut möglich, dass die Londoner damit eine Idee von Real Madrid aufgegriffen haben. Der spanische Rekordmeister hatte im Jahr 2010 eine eigene Dessous-Kollektion der Luxusklasse auf den Markt gebracht. "Ich bin mir sicher, dass ein solch geschichtsträchtiger Verein mit seinen besonderen Fans viele Bewunderer finden wird, die diese Dessous auch kaufen", lautete damals die Prognose von Pepe, Abwehrspieler bei den Königlichen.

Anhänger von Olympique Lyon hingegen haben bislang noch nicht die Möglichkeit, Unterwäsche in ihren Klubfarben zu tragen. Dafür können sie ihre Leidenschaft für ihren Verein Tag für Tag auch abseits des Stadions ausleben. Über den Telefon-Service von OL können sie jederzeit - sofern sie in der klubeigenen Fahrschule noch keinen Führerschein erworben haben und im Besitz eines Autos sind - ein Taxi rufen, das sie bei Bedarf zum OL-Friseursalon bringt, um sich dort für die bevorstehende Urlaubsreise, die sie wiederum im vereinseigenen Reisebüro gebucht haben, die Haare schneiden zu lassen oder sich eine neue Frisur zuzulegen! Und natürlich können sie das alles auch mit der OL-Kreditkarte bezahlen!

Bis zum letzten Atemzug
Tatsächlich haben zahlreiche Klubs für ihre Anhänger eine Kreditkarte im Angebot. In Südafrika bieten die Kaizer Chiefs diesen Service bereits seit mehr als zehn Jahren an. Und um sicher zu gehen, dass ihre Fans auch bei guter Gesundheit bleiben, hat der Verein aus Soweto eine klubeigene Krankenkasse gegründet, die für Krankenhausaufenthalte der dort versicherten Fans die Kosten übernimmt. Und weil irgendwann auch das Schlimmste nicht mehr vermeidbar ist, haben die Chiefs auch für den Todesfall entsprechende Vorsorgemöglichkeiten geschaffen. Womit wir wieder einmal das bestätigt finden, was jeder echte Fan ohnehin verinnerlicht hat, nämlich seinem Verein bis zum Tod die Treue zu halten.

Atlético Madrid hat diesen Schwur wörtlich genommen und im Jahr 2008 eine eigene Urnenhalle auf dem Gelände des Estadio Vicente Calderón eingerichtet, um dort die Asche verstorbener Klubmitglieder aufzubewahren. Bis zu 4.200 Urnen aus Keramik, auf denen die wichtigsten Stationen der Vereinsgeschichte abgebildet sind, finden in diesem Ort des Gedenkens Platz. Inzwischen verfügen auch Betis Sevilla, Espanyol Barcelona und Manchester City über einen separaten Raum innerhalb ihres Stadiongeländes, wo Urnen mit der Asche verstorbener Fans aufbewahrt werden.

Der argentinische Hauptstadtklub Boca Juniors geht noch einen Schritt weiter, denn er begleitet seine Fans im wahrsten Sinne des Wortes bis zu ihrer letzten Ruhestätte. Tatsächlich besitzt der Traditionsverein seit 2006 als erster Klub überhaupt einen eigenen Friedhof. "Viele Fans haben ihren Hinterbliebenen den ausdrücklichen Wunsch hinterlassen, ihre Asche auf dem Gelände des Bombonera-Stadions zu verstreuen", erklärte dazu Orlando Salvestrini, der damalige Marketing-Vorstand des Klubs, dessen Idee mittlerweile auch erste Nachahmer beim Hamburger SV und bei Schalke 04 gefunden hat. "Die kamen mit ihrer Urne ins Stadion und haben die Asche auf dem Rasen verstreut." Dadurch können die Verstorbenen für alle Ewigkeit an der Seite von Gleichgesinnten und einigen Klublegenden wie Juan Estrada und Julio Elías Musimessi, zwei früheren Boca-Torhütern, ruhen. Selbstverständlich stellt der Klub für ihre Fans auch in den gelb-blauen Vereinsfarben gefertigte Särg bereit.

Genau das tut auch der FC Reading, der eigens für seine verstorbenen Fans Särge in den Klubfarben fertigen und mit dem Vereinswappen versehen lässt. "Allerdings wollen wir damit keinen neuen Markt erschließen", so Boyd Butler, Marketing-Direktor des englischen Erstligisten. "Schließlich haben die lebenden Fans für uns einen viel höheren Wert als die toten."