"Ich glaube nicht, dass ich jemals Fussball gespielt hätte, wenn es keine Freistöße geben würde", sagte einmal Siniša Mihajlović, der mit 27 Freistoßtoren die Rekordmarke in Italiens Serie A innehat. Außer dem Serben, der für Lazio Rom 1998 im Punktspiel gegen Sampdoria Genua (5:3) gleich drei Mal per Freistoß traf, gibt es noch eine ganze Reihe weiterer Fussballer, die sich die Regel Nummer 13 zunutze machten, um in den Stadien rund um den Globus mit direkt verwandelten Freistößen für Furore zu sorgen.

Zu ihnen zählen solche Topspieler wie Juninho, David Beckham, Roberto Carlos oder Michel Platini. Sie alle sind oder waren ausgemachte Freistoßspezialisten. FIFA.com erinnert heute an die besten Freistöße dieser und weiterer Stars, die entweder wichtig, außergewöhnlich, spielentscheidend oder einfach nur spektakulär waren.

Als einer der schönsten und spektakulärsten Freistöße der Fussballgeschichte gilt der Kunststoß des Brasilianers Roberto Carlos, den dieser am 3. Juni 1997 beim Tournoi de France in der Partie gegen Gastgeber Frankreich direkt im gegnerischen Tor versenkte. Dabei landete der mit viel Effet getretene Ball nach einer derart unglaublichen Flugkurve im Netz, dass dieser Treffer Jahre später sogar als Anlass zu speziellen Forschungsarbeiten durch französische Physiker gab. "Das war mein spektakulärstes Tor überhaupt. Ich sehe noch heute unseren Trainer Mario Zagallo, wie er vor der Ausführung des Freistoßes mit jemandem auf der Ersatzbank wettete, dass ich das 'Ding' reinmachen würde", so der brasilianische Ex-Nationalspieler vor Kurzem gegenüber FIFA.com.

Freistöße auf "Brasilianisch"
Die Ironie des Schicksals wollte es, dass dem brasilianischen Außenverteidiger dieser Geniestreich ausgerechnet im Stade de Gerland von Lyon gelang und damit in jenem Stadion, das wenige Jahre danach zur großen Bühne seines Landsmanns Juninho wurde, der zwischen 2001 und 2009 für Olympique Lyon von 100 Freistößen 44 direkt verwandelte. Obgleich er bereits bei seinem Heimatklub Vasco da Gama mit einem sagenhaften Freistoßtor im Halbfinale der Copa Libertadores 1998 gegen River Plate Geschichte geschrieben hatte, galt er spätestens nach seinem mit dem Innenrist erzielten Freistoßtreffer in der UEFA Champions League 2003/04 gegen Bayern München auch bei den Fans von Olympique Lyon als der Freistoßspezialist schlechthin.

Ein weiterer Brasilianer, der inzwischen ebenfalls in Lyon spielt, steht seinem Landsmann kaum nach. Die Rede ist von Michel Bastos, der sein erstes Tor im brasilianischen Nationaltrikot wenige Tage vor Beginn der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Südafrika 2010™ in einem Testspiel gegen Simbabwe per Freistoß erzielte, wobei der Ball mit einer Geschwindigkeit von 140 km/h den direkten Weg ins gegnerische Tor fand! Seine Landsleute Zico und Branco hatten jeweils bei einer FIFA WM durch ihre Freistöße Jubel und Begeisterung ausgelöst. Nachdem seine Mannschaft in Spanien 1982 gegen Schottland in Rückstand geraten war, traf der Weiße Peléwie Zico von seinen Fans genannt wurde – per Freistoß und brachte Brasilien wieder ins Spiel zurück. Das Gleiche gelang Branco 1994 in den USA, als er im Spiel gegen die Niederlande einen Freistoß aus 30 Metern Entfernung unhaltbar ins Netz setzte. Ohne diesen Treffer wäre die Seleção damals sicher nicht Weltmeister geworden.

Dies gilt übrigens auch für das Freistoßtor von Ronaldinho 2002 in Korea/Japan. Seinerzeit zirkelte Ronnie die Kugel in der Partie gegen England aus rund 35 Metern mit einem gefühlvollen Heber ins Tor des englischen Schlussmanns David Seaman. Der originellste Freistoßtreffer eines Brasilianers bei einem FIFA WM-Turnier geht indes auf das Konto von Rivelino. Der Mittelfeldspieler aus São Paulo entschied sich 1974 in Deutschland im Spiel gegen die DDR dafür, einen Freistoß aus 25 Metern Entfernung mit Wucht in die Mauer zu schießen… Einer seiner dort postierten Mannschaftskameraden warf sich plötzlich zu Boden, der Ball fand seinen Weg durch die Mauer und schlug neben dem verdutzten ostdeutschen Torhüter im Netz ein – eine Variante, die als einer der ungewöhnlichsten Freistöße in die Geschichte einging.

Die erlösenden Freistöße
Der Blick auf die brasilianischen Freistoßkünstler wäre unvollständig, wenn wir nicht auch den genialen Didi, den Erfinder des "herabfallenden Blatts" erwähnen würden. "Didi habe ich es zu verdanken, dass ich so ein guter Schütze und Freistoßspezialist geworden bin. Ich war ursprünglich Linksfuß. Dank seiner Ratschläge und weil er mich dazu brachte, es mir anzutrainieren, bin ich inzwischen beidfüßig", sagte einst der Peruaner Teófilo Cubillas, ein weiterer Freistoßkünstler. Bei der WM 1978 in Argentinien verwandelte Cubillas gegen Schottland einen Freistoß von jenseits der Strafraumgrenze aus halblinker Position mit dem Außenrist, wobei das Leder rechts um die Mauer flog und dann unterhalb der Querlatte einschlug. Zico hatte die Aktion seinerzeit als "perfekten Freistoß" bezeichnet, während der paraguayische Nationaltorhüter José Luis Chilavert, der sich gelegentlich auch als Torschütze hervortat, dazu äußerte, dass "er unmittelbar, nachdem er dieses Freistoßtor gesehen hatte, selbst den Beschluss fasste, künftig auch Freistöße zu treten."

Ein paar Jahre später war es Michel Platini, der die Fussballwelt mit seinen Freistoßkünsten begeisterte. Seinen mit viel Effet ausgeführten Freistoß im Finale der UEFA EURO 1984 gegen Spanien und das Gesicht des verdutzten Luis Miguel Arconada im gegnerischen Tor werden alle Fans sicher noch in bester Erinnerung haben. Allerdings war dieser Treffer nur einer von vielen, die Platoche für die französische Nationalmannschaft per Freistoß erzielte. Angefangen bei jenem Freistoßtor im WM-Qualifikationsspiel gegen Bulgarien, mit dem er den Bleus in der Qualifikation für Argentinien 1978 nach zehnjähriger Abwesenheit erstmals wieder die Teilnahme an einer FIFA WM bescherte, über den Freistoßtreffer im WM-Qualifikationsspiel gegen die Niederlande, der seiner Mannschaft das Ticket für Spanien 1982 sicherte, bis hin zu seinem ersten per Freistoß erzielten Tor im Länderspiel gegen die Tschechoslowakei im Jahr 1976. Insgesamt traf er für Frankreich elf Mal per Freistoß. "Mit dem größten Stolz erfüllt mich die Tatsache, dass niemand mehr zu mir sagt, ich sei ein reiner Freistoßspezialist", freute sich der heutige UEFA-Präsident neulich in einem Interview.

Selbstverständlich darf auch Englands David Beckham nicht in der Liste der Freistoßkünstler fehlen. Sein wohl berühmtestes Freistoßtor erzielte er in der Schlussminute des WM-Qualifikationsspiels für Korea/Japan 2002 gegen Griechenland. Nachdem die Three Lions bis dahin mit 1:2 im Rückstand gelegen hatten, erwies sich Beckham als äußerst schussgewaltig und treffsicher und sicherte seinem Team in buchstäblich letzter Sekunde die WM-Teilnahme. "Das hat nichts mit Glück zu tun, sondern vielmehr mit Klasse", urteilte Englands damaliger Trainer Sven-Göran Eriksson über Beckhams genialen Coup.

Namen für die Geschichtsbücher
Ebenfalls für immer im Gedächtnis der Anhänger des runden Leders haften bleiben natürlich auch die spielentscheidenden Freistoßtreffer von Ronald Koeman und Bruno N’Gotty, die dem FC Barcelona 1992 den ersten Sieg im Europapokal der Landesmeister bzw. Paris Saint-Germain 1996 den Triumph im Europapokal der Pokalsieger bescherten. Gleiches gilt für Juan Román Riquelme, der in der Südamerika-Qualifikation für Südafrika 2010 gegen Chile gleich zwei Freistöße verwandelte, oder auch für den "Hammer" von Michael Ballack bei der UEFA EURO 2008 gegen Österreich. Erst vor wenigen Monaten landete ein Freistoß von Quinonez Wilson, Torhüter des paraguayischen Zweitligisten Sport Colombia, in der Partie gegen Cerro Porteño aus sage und schreibe 83 Metern Entfernung im gegnerischen Tor…

Und auch Diego Maradona, Cristiano Ronaldo, Rogerio Ceni, Alessandro Del Piero und Wesley Sneijder haben sich als Freistoßspezialisten hervorgetan.

"Ich möchte, dass auch die jungen Spieler die Bedeutung von Standardsituationen, die häufig über den Ausgang eines Spiels entscheiden, erkennen. Wenn man das jeden Tag ein bisschen trainiert, bekommt man mit der Zeit die nötige Präzision und das erforderliche Ballgefühl", so die Worte von Andrea Pirlo, der gleichfalls zur Gilde der Freistoßkünstler zählt, im Gespräch mit FIFA.com. Was wäre bloß aus ihm geworden, wenn es im Fussball keine Freistoßregel gäbe?